Und zwar die bösen Kräfte in mir.
Am vergangenen Wochenende hatte ich das Vergnügen, insgesamt gefühlte siebenunddreißig und geschätzte elfeinhalb Stunden in diversen Regionalbahnen, Intercitys und Nahverkehrszügen durch den Osten des Landes geschoben zu werden.
Das Unternehmen Inselbesuch begann am Donnerstag Morgen gegen Neun Uhr bei klirrender Kälte aber relativer Reiselust. Die wurde jäh gebremst, als es hieß, der Zug habe etwa fünfundzwanzig Minuten Verspätung. Aber zumindest kein Streik. Worüber also beschweren.. Der Zug rollt ein, die Leute steigen zu, der Zug..
bleibt stehen. Nee, is klar. Fahren wird ja auch total überbewertet.
Peinliche Stille im geschlossenen Abteil, das ich mit zwei jungen Männern teile, von denen mindestens einer widerlich wie Kneipe stinkt. Unauffällig atme ich während der Fahrt durch meinen Schal. Zwei Stunden lang.
Zwei Stunden.. ich rechne nach, und mir wird klar, dass die Sache mit dem Anschlusszug in Berlin ne knappe Angelegenheit wird.
Um genau zu sein, ist es exakt eine Minute, die mir letztendlich fehlt.
Aber das Universum meint es gut mit mir und schickt einen Intercity aufs gegenüberliegende Gleis, in den ich steige, und in dem, oh Wunder, trotz Zugbindung meine Fahrkarte gilt.
Fast bin ich geneigt, mich ne Runde vor mich hin zu freuen, hätte die die ganze Glücksfügung nicht einen Haken..
Der Haken heißt Antonia, ist etwa einenmeterirgendwas groß, sitzt in der Reihe vor mir und unterhält den gesamten Wagon mit penetrantem:
„Mut-ti, rate mal was das ist!" (Zeigt auf den Schal, den sie über den Tisch geworfen hat)
„Eine Tischdecke."
„Jaaaa, richtig!" (Wow, dieser Scharfsinn.)
„Mut-ti, rate mal was das ist!" (Wieder der Schal)
„Eine Tischdecke?!"
„Jaaa, richtig!" (Das Spiel fängt an, mich zu nerven)
„Mut-ti.." (Ich drehe die Musik lauter und täusche Tiefschlaf vor.)
Antonia scheint sich selbst und Mut-ti mit ihrem Tischdeckenspiel zu langweilen und beginnt, auf ihrem Sitz stehend, mit altklugen Kommentaren die Aufmerksamkeit der Mitreisenden einzufordern.
Als ich an der Reihe bin, von ihr bedacht zu werden, sagt die doch nicht wirklich:
„Mut-ti (dieser Tonfall alleine... Mut-ti), guck mal, das schläft!"
Tapfer halte ich die Augen geschlossen. Kein Zucken. Nichts.
„Mut-ti, guck doch mal!" (Mein Gott, kann sie dem Kind Ganzen nicht ein Ende bereiten und endlich hinsehen..)
„Mut-ti, dahaaa, guck doch mal!"
Mut-ti wird die Sache offenbar endlich peinlich und bittet Antooni-a, sich doch hinzusetzen.
Antooni-a tut nichts dergleichen.
Sie zieht es vor, von vorn nach hinten und zurück und hin und zurück durch den Wagon zu trampeln und mit einem anderen Balg Verstecken zu spielen. Na großartig.
„Ich seeeeeh dich!" Kreischt es neben meinem Sitz.
„Antooni-a, bitte!" Zischt es aus der Reihe davor.
„Ich seeeeeh dich!" Neben mir.
„Und jeeetzt?" Vom Ende des Ganges her.
„Ich seh dich immer nooooch!"
„Antooni-a, bitte!"
„Und jeeetzt?"
Ich schwöre, beinah hätte es Tote gegeben. Oder Verletzte. Oder zumindest verdammt eingeschüchterte Kinder. Würden sich meine Aggressionen nicht ausschließlich in meinem Kopf abspielen, und hätten wir nicht unmittelbar den nächsten Umsteigebahnhof erreicht.
Der Rest der Hinfahrt ist schnell erzählt: Keine Verspätung, kein Kneipengestank, keine Kinder und ein Herr Papa, der mich gut gelaunt am Bahnsteig erwartet.
Es folgten drei Tage Salzluft und Familie und eine Rückfahrt, von der eventuell später berichtet wird..