Zwischenwelt(en)

07.03.2006 um 15:10 Uhr

Damals war's..

Wenn man an besonderen Orten (mit besonderen Menschen) besondere Dinge erlebt hat, sollte man vermeiden, diese Erlebnisse mit Vorsatz in irgendeiner Form replizieren zu wollen. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Vorhaben scheitert, ist ganz einfach zu groß. Manche Dinge behält man lieber glorifiziert und rundgelutscht im Gedächtnis und lässt die Finger davon. Denn nichts lässt eine schöne Erinnerung schneller verblassen, als der Versuch, sie genau so, oder schlimmer noch, in anderer Besetzung aufleben zu lassen. Denn wenn man sich zum wiederholten Male an den Schauplatz der Erinnerung begibt, lauert irgendwo im Hinterhalt das Gift für jegliches genießende Erleben: Der Vergleich.

Die Vergiftung ist in zweierlei Hinsicht wirksam. Sie kann einem sowohl das vergangene als auch das jetzige Erlebnis so richtig versauen.

Ersteres, wenn man beispielsweise den Ort ganz anders, viel schöner, größer und glanzvoller in Erinnerung hat, als man ihn jetzt vorfindet.

Als ich Kind war, sind wir, wenn es viel geschneit hatte, immer zu einem besonderen Rodelberg gefahren. Die ganze Großfamilie. Ein riesiger Hang, eine endlose Abfahrt. Wahnsinn! Jahre später bin ich dort zufällig mal vorbei gekommen. Lächerlich dieses Hügelchen. Das Rodelglück von damals hat sofort an Glanz eingebüßt, weil es der Realitätsprüfung einfach nicht standgehalten hat.

Die zweite Vergiftungsvariante wirkt ebenfalls im Moment des Zweiterlebens, allerdings mittels sinnlos quälender Fragen wie: War ich nicht damals irgendwie glücklicher? Was ist denn anders, dass ich mich jetzt nicht so fühlen kann wie damals? Und warum sagt der andere jetzt nicht das, was ihm die Rolle in meinem Erinnerungsdrehbuch vorschreibt? Der Vergleich mit dem Vergangenen hemmt die Wahrnehmung des Hier und Jetzt. Die Genussrezeptoren kommen gar nicht erst zum Einsatz und die Chance für eine potenzielle schöne Erinnerung ist flöten.

Das Gegengift? Den Dingen ihren einmaligen Charakter zugestehen, Erinnerungen Erinnerungen sein lassen und künftig eben jene bereits beladenen Orte, die Situationen und Menschen meiden. Das hilft am zuverlässigsten, ist wohl aber in den seltensten Fällen machbar.

Die Ratiopharm-Variante: Wenn sich ein Zweiterleben beim besten Willen nicht verhindern lässt, der Situation mit winzigen Detailänderungen bewusst einen Touch von Einmaligkeit oder Andersartigkeit verleihen! Wenn man am Rodelberg vorbei fährt, eben nach links aus dem Fenster sehen. Wenn man ins Restaurant eingeladen wird, in das einen der Ex zum Jahrestag ausgeführt hat, dann doch wenigstens an einen anderen Tisch setzen. Und wenn man bei Sonnenschein an der Steilküste spazieren geht, um Himmels Willen nicht „I’m on standby“ hören..

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