Die Erbärmlichkeit hat ein Gesicht
Es ist das meiner Nachbarin - Frau P. Ich widme hiermit die Kategorie der Aufreger ganz allein ihr. Ich bin also fleißig am Treppe wischen (versuche das schon so geräuschlos wie möglich zu erledigen) und wische und wische und wundere mich, dass sie heut gar nicht zufällig in die Abstellkammer auf halber Höhe muss, um einen einzelnen Blumentopf umzustellen, ein altes Brett zu verstauen oder um einfach nur das Schloss zu testen - so alte Türen haben es ja manchmal in sich. Heute also nichts dergleichen. Ich denke mir, sie wird ihren Kontrollgang sicher erledigen, sobald ich wieder in der Wohnung bin. Ich wische also weiter und bin am untersten Treppenabsatz angekommen, als ich mich, vom siebten Sinn getrieben, umdrehe und einen Blick nach oben durch das Geländer werfe, wo ich zweifelsfrei die Silhouette der Frau P. in reflexartigem Schleichsprung im Dunkel des Hausflures verschwinden sehe. Mir entfährt ein abfällig pfeifendes Lachen - den Vogel, den ich ihr zeigen möchte, würde sie ja doch nicht mehr sehen. Sollte ich sie jetzt mitleidig beweinen oder einfach auslachen? Bin da echt ratlos.
