Für die einen ist es eine Hochzeit, für die anderen die deprimierendste Katastrophe der Welt.
Eigentlich würde ich jetzt gern von einem blonden bebrillten Mädchen erzählen, das ich heut aus der Bahn heraus dabei beobachtete, wie es auf dem Bahnsteig immer wieder ein stummes "Ich liebe dich" ans Abteilfenster vor mir warf, bis der Zug anrollte, und das dabei so herzzerreißend weinte, dass ich nicht anders konnte, als wirklich gerührt zu sein. Doch meine Gedanken sind weniger bei dem blonden liebenden Mädchen als vielmehr bei den Ereignissen der letzten 32 Stunden. Die durch und durch organisierte Märchenhochzeit, der geplante Traum war ein Witz. Und zwar ein schlechter. Ich habe noch auf keiner Hochzeit so viele Gäste gelangweilt, frustriert und deprimiert gesehen. Die Messe war feierlich und ihr beiden saht zauberhaft aus. Alles war liebevoll geschmückt, das Auto, das Hotel am See, Eure Freunde. Es hätte wirklich eine grandiose Feier werden können, hätte man Euch nur einmal am Abend einen Funken Freude angesehen, und nicht nur Ärger und Missmut über die ein oder andere ungewollte Planänderung. Ihr habt Eure Freunde enttäuscht. Nicht, weil im Brautstrauß Nelken waren, die nicht zum Kerzengesteck auf der Damentoilette passten. Nicht, weil man aufgrund des Gewitters auf der Terrasse ein wenig enger sitzen musste. Ihr habt sie enttäuscht, weil sie sich jenseits von Hochzeitstorte und Blumenschmuck eine scheiß Mühe gegeben haben, dass es der großartigste Tag eures Lebens wird, um dann diesem Puppenspiel beiwohnen zu dürfen, das trauriger nicht hätte sein können. Ihr habt das Stück perfekt planen wollen und dabei wohl einfach vergessen, dass Eure Freunde keine Schauspieler sind. Und ein Klappe- die- zweite gibt's auch nicht. "Das war also die Hochzeit" hast du am Abend zu mir gesagt. "Ja, das war sie."
