Hinter dem Horizont
Hab ich gestern wieder mal gesehen. Und wieder mal geheult. Aber nur ein bisschen. Ehrlich! Ich mag diese Farben und ich mag die Geschichte. Irgendwie. Tröstende Illusionen, wenn man sich mit trüben Gedanken trägt. Aber weil die Gedanken derzeit gar nicht so trübe sind, war es eben nur ein bisschen und nicht ein bisschen viel. Und anschließend hab ich geschlafen. Richtig gut sogar. Um heute morgen beim Blick aus dem Fenster wieder nichts als Neuschnee zu sehen. Ich bin ihn leid, diesen Anblick, und ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin.
Ja, und dann hatte ich heut Besuch. Ex-LAG D. hat eineinhalb Jahre nach seinem Auszug Mikrowelle und Rechner abgeholt und bei der Gelegenheit nen Kaffee getrunken, meinen Musikvorrat ein wenig aufgestockt und sich zu einem Dreistundenschwatz hinreißen lassen. Ich mag die Art, wie wir inzwischen miteinander umgehen. Eine Mischung aus Vorsicht und Vertrautheit. Wir kennen unsere Hoheitsgewässer recht gut und schippern gekonnt um die Sandbänke herum, ohne einen Lotsen ordern zu müssen. Das ist was wert.
Ansonsten ging heut nicht viel. Weiß auch nicht, der Tag ist plötzlich vorbei. Aber ich denke, das geht im Rahmen meiner selbstverordneten Vierzehntagenachpraktikumsauszeit schon in Ordnung. Schlimm genug, dass ich diese zum Zwecke des Geldverdienens am Freitag bereits unterbrechen musste. Jaha, ich stand wieder im Laden hinterm Tresen und habe gierigen Studenten den Bierdurst gestillt. Vor einem, insbesondere vor seinem Kommunikationsbedürfnis, hätte ich beinah Angst bekommen.. "Herr Bielefeld" hatte zweifelsohne einen an der Waffel. Und zwar ganz gehörig. Da tat sich in mir ein Widerspruch auf: Therapeutische Empathie oder kellnerische Aversion? Ich entschied mich für letzteres. Schon allein deshalb, weil Alkohol kein zugelassenes Psychopharmakon ist, und ich auf seine plumpen, wenn möglicherweise auch sozialphobisch motivierten, Kontaktgesuche nichts anderes zu erwidern wusste als: "Zweifuffzich. Bitte."
