Es ist inzwischen eine Weile her, dass ich hier meine ersten Gedanken verfasste, und schon relativ zu Beginn berichtete ich von dem Phänomen, dass ich anfing, in aufschreibbaren Sätzen und Wendungen zu denken. Erlebnisse sozusagen aus der Perspektive der Erzählbarkeit heraus zu betrachten.
Dieser Umstand zwang meine Aufmerksamkeit, sich in mindestens zwei Teile zu splitten: Einerseits Anwesenheit in entsprechender Situation und andererseits (sozusagen auf einer höheren Meta-Ebene... siehe unten) Prüfen, inwieweit sich die Ereignisse später des Festhaltens als würdig erweisen. Allein diese Aufteilung forderte (und fordert derzeit wieder) von meinem Bewusstsein eine ganze Reihe an Bewertungen und Entscheidungen.
Mein Therapeut würde an dieser Stelle sagen: „Werden sie doch mal konkret! Geben sie mir Beispiele!" Später, Herr R., später.
Also. Bewertungen.
Wie stelle ich mir das vor?. Nun, ein Individuum begibt, nein, befindet sich in einer Situation. („Begibt" setzt schon wieder so viele Entscheidungen voraus, die die Sache an diesem Punkt unnötig verkomplizieren würden.)
Eine der ersten vorgenommenen Bewertungen in einer Situation könnte sein: Angenehm vs. Unangenehm.
Darauf folgt recht bald: Situation verlassen oder bleiben.
Eine sich unter anderem anschließende Entscheidung wäre vielleicht: Passiv bleiben oder aktiv werden.
Derartige Fragen würde ich mal auf der ersten Meta-Ebene ansiedeln. (Meta-I meinetwegen)
Dass sich mit jeder dieser zu treffenden Entscheidung die möglichen Handlungsvarianten potenzieren, wird schon anhand dieser drei genannten Aspekte deutlich. (Hach, und da gibt's ja noch einige mehr!)
Man könnte sich also vorstellen: Individuum nimmt Situation als angenehm wahr, entscheidet zu bleiben, sich aber nicht bewusst aktiv einzubringen.
Zum Beispiel: (Ha!)
Ich befinde mich in einem Raum, in dem sich mehrere Menschen angeregt unterhalten.
Ich empfinde es als angenehm dort zu sein (Weil ich die Leute mag, und/oder das Thema interessant finde usw.), und beschließe zu bleiben (Um das angenehme Gefühl aufrecht zu erhalten), mich aber nicht aktiv an dem Gespräch zu beteiligen (Weil ich nichts zum Thema beizutragen habe, weil ich Angst habe vor Leuten zu sprechen oder was auch immer)
Oder auch: Individuum erlebt Situation als unangenehm, entscheidet sich aber bleibend aktiv zu werden, um die Situation zu beeinflussen.
Usw. Usw.
Dass sich die bisher angeführten Entscheidungen im Situationsverlauf durchaus flexibel gestalten, muss ich jetzt einfach mal außen vor lassen.
Nun ist es ja so, dass sich das ganze X-oder-Y-Gedenke überwiegend im Reich des Unbewussten bewegt, und damit der gerichteten Aufmerksamkeit nicht allzu viel abverlangt.
Es sei denn, man macht gerade eine Psychotherapie.
Da setzt man sich nämlich irgendwann nicht mehr einfach so in eine Runde, schwatzt mit oder hält die Klappe, wenn man nichts zu sagen hat. Steht auf, wenns genug ist oder bleibt, weil man zu betrunken ist, um aufzustehen. Naahein!
Da ist man nämlich so hochgradig selbstfixiert, dass man sich, noch bevor man irgendwo eine Gruppe erahnt hat, auf Meta II begibt und fragt: „Verspüre ich das Bedürfnis nach sozialem Kontakt? Verspüre ich es wirklich? Kommt es aus mir selbst oder denke ich nur, dass es aus mir selbst kommt? Warum verspüre ich das Bedürfnis? Kann ich etwa nicht allein sein? Bin ich gar so narzisstisch, dass ich denke, nichts verpassen zu dürfen?"
Wenn ich das Pech habe, dann tatsächlich auf eine Gruppe zu stoßen, schließt sich gleich der nächste Fragenkatalog an:
„Ob ich mich jetzt einfach dazusetzen darf? Was, wenn die mich nicht leiden können? Und warum stell ich mir überhaupt die Frage, ob ich mich dazusetzen kann? Was macht mich so unsicher? Sieht man mir die Unsicherheit womöglich an?"
Spätestens jetzt ist der Punkt erreicht, an dem sich das psychotherapeutisch gezüchtete dritte Meta-Ich einschaltet. Das ist nämlich dafür zuständig, zu analysieren, ob es sich bei der ganzen Fragerei (und dem sich anschließenden Verhalten) um gewohnte Tendenzen handelt (die man im Zuge der Behandlung ja gerade abzulegen wünscht), und wenn dem so ist, Motivation und Strategien bereitzustellen, um diesen Gewohnheiten eben nicht nachzugeben, sondern bewusst alles anders zu machen als bisher.
Ein beliebtes Mittel, derartige Situationen zu trainieren, ist übrigens, den Patienten beispielsweise auf die Straße zu schicken und fremden Leuten Komplimente machen zu lassen.
Jahaa, weil diese Meta-III-Prozedur aber noch nicht genug Energie frisst, muss das vierte Meta-Ich zusätzlich darüber nachdenken, ob und wie man den ganzen Kram am besten dem Therapeuten erzählt. Schließlich will man ja zeigen, dass man mitarbeitet und -denkt, und nicht nur sinnlos Zeit absitzt. Ein guter Patient sein eben.
Und als absolute Krönung überlegt sich das blogschreibende fünfte Meta-Ich, wie es diese wunder- und vor allem sinnvollen Gedanken einer unbekannten Leserschaft berichten kann, von der es nicht einmal weiß, ob es sie gibt.
Na, ist das nicht Multitasking in Reinkultur? Und da fragen mich die Leute, warum ich mich nach nem Acht-Stunden-Klinik-Tag nicht einfach zu ihnen auf die Couch setze, um übers Wetter zu plaudern. Ich kann gar nicht! Bis ich alle Entscheidungen getroffen habe, die es mir ermöglichen, mich zu setzen, sind alle anderen schon wieder weg!