A walk to remember

16.05.2007 um 16:55 Uhr

~*Heimweh*~

Musik: Iris

Ich hab ein halbes Jahr lang Zeit gehabt, um mich damit abzufinden, dass es für mich kein Taizé geben wird. Anfangs fiel es mir schwer, aber dann wurde es immer leichter. Die Vorstellung, dass der Tag wirklich jemals kommen würde, war so unwirklich und absurd, dass ich es gar nicht richtig realisiert habe. Ich kam heute zehn Minuten zu spät zur ersten Stunde. Ich hatte eigentlich nicht vor, nochmal rauszugehen, um mich von denjenigen zu verabschieden, die ein paar Minuten später in die Busse steigen würden um nach Frankreich zu fahren. Ohne Abschied kein Wiedersehen. Erst wieder Montag Schule und ich hätte die Illusion aufrecht erhalten können, dass es einfach nur ein weiteres Wochenende ist, an dem ich mich vollkommen zurückziehe. Aber ich konnte nicht. Musste mich doch verabschieden. Welch Ironie, dass wir ausgerechnet dieses Jahr in einem Klassenzimmer sind, von dem aus man alle Busse ankommen und abfahren sehen kann. Es tat weh. Das muss ich leider zugeben. In dem Moment konnte ich mir nicht mal selber mehr vormachen, dass es mir nichts ausmacht. Und dann nach der Schule war ich mit meiner Mutter im Selgros. Normalerweiße mag ich so Großhandelsgeschäfte. Riesige hohe Gänge, vollgestopft mit allem möglichen Zeugs. Aber heute hab ich das gar nicht wargenommen. Meine Mutter hat gar nicht gemerkt, wie viel es mir ausmacht, dass ich nicht mitfahren durfte. Schon alleine, weil ich Busfahrten wahnsinnig toll finde. Und während sie ihre Kundenkarte machen lies, hab ich mir verstohlen ein paar Tränen aus den Augenwinkeln gewischt. Weil ich es nicht ertragen habe. Und weil ich nicht wollte, dass sie es sieht. Wollte vor ihr keine Schwäche zeigen, mir wieder einmal anhören "nächstes Jahr..." und so weiter. Und ich wollte nicht Gefahr laufen, ihr die Schuld zuzuschieben... Es ist gleich halb fünf und ich hab mir seit Stunden nicht die Zeit genommen wirklich darüber nachzudenken. Hab mich immer irgendwie beschäftigt. Aber um kurz nach vier hab ich auf die Uhr geschaut und mich erinnert, wie wir vor einem Jahr genau um diese Uhrzeit in Taizé eingelaufen sind, voller Vorfreude, auf das was uns dort erwarten könnte, weil "Beten mit Mönchen" nicht sonderlich spannend klingt. Ich frage mich, ob es in Frankreich auch gerade regnet. Es tut verdammt weh, hier zu sitzen und sich die lachenden , fröhlichen Gesichter irgendwo in Frankreich vorzustellen, die schon längst an andere Dinge denken, als an die, die sie zurückgelassen haben, auch wenn im Vorfeld etwas anderes gesagt wurde. Das ist schon ok, denk ich. Was hab ich davon, wenn man an mich denkt. Ich sitz ja doch hier und schau raus in den Regen. Mir ist kalt, aber ich bin zu unvernünftig mir etwas anzuziehen. Weil ich dort auch dauernd gefroren habe. Erinnerungen können grausam sein! Ich ertrag das nicht... hier zu sitzen, hier zu sein, allein. Niemand da, den ich anrufen könnte. Und ich will gar nicht, dass jetzt die Tränen kullern, aber ich kanns nicht unterdrücken. Und ich trau mich nicht, ihnen freien Lauf zu lassen, aus Angst, dass meine Mutter hereinkommt und mich trösten will. Das würde es nur schlimmer machen. Und es ist nicht fair, es ist einfach nicht fair! Ich hab noch nie Ansprüche gestellt, nie irgendwas verlangt, nur das. Nur Taizé. Das war seit einem Jahr mein einziger Herzenswunsch. Und ausgerechnet der wurde mir nicht erfüllt. Ich weiß, wenn ich gebettelt und getobt und diskutiert und all das gesagt hätte, hätte ich meine Eltern irgendwann soweit gehabt, mich gehen zu lassen. Aber ich konnte nicht... weil ich sie niemals so ausnutzen könnte und weil ich mich schuldig fühlte, einen Frankreichaufenthalt meinem Vater vorzuziehen. Ich dachte, es würde schon gehen... irgendwie. Weil es doch immer irgendwie geht, nicht? Es geht nicht... es geht einfach nicht. Ich weiß nicht, wie ich die vier nächsten Tage überstehen soll. Weil ich mich nicht dauerhaft mit irgendwelchen Dingen zwangsbeschäftigen kann. Ich will fort, einfach nur fort. Fernweh... Heimweh? Vielleicht. Ein Lehrer sagte letztes Jahr, als wir in Taizé ankamen: "Endlich daheim" Damals hab ich ihn nicht verstanden, jetzt tu ich es. Und ich wollte auch heim. Hab mich ein halbes Jahr vorbehaltlos darauf gefreut... und dann, dann kam sie und meinte, die große Feier für den Geburtstag meines Vaters müsste unbedingt genau in dem Zeitraum liegen. Es ist so ungerecht. Ich weiß, dass mein Vater mich hätte gehen lassen. Weil ich es mir so sehr gewünscht habe. Aber jetzt ist gut... ich kann nichts mehr schreiben. Jedes Wort tut verdammt weh und ich weiß noch nicht mal, warum mir das so viel ausmacht. Und wahrscheinlich versteht das hier sowieso niemand... "You have no idea what I'm talking about, I'm sure." Man muss dort gewesen sein, um das zu verstehen. Jetzt geht es wieder. Ich muss noch ein Buch zu Ende lesen... Oder dem Regen zusehen, wie er Geschichten auf mein Fenster schreibt...

Ich habe mich zu Hause noch nie so fehl am Platz gefühlt...

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenangelmagia schreibt am 16.05.2007 um 17:05 Uhr:Ach Isi... Ich wünschte auch, dass du da sein könntest jetzt in diesem Moment...
    Mit den anderen...

    Doch, ich verstehe das... AUch, wenn ich noch niemals dort war... Ich verstehe das sehr gut...
    Weil ich es kenne, wie es ist zu Hause zu vermissen... Wenn man mehr als ein Zuhause hat...

    Tut mir sehr Leid. *drück*...

    Hab dich lieb.
  2. zitierenOneSinqLeTearx3 schreibt am 16.05.2007 um 18:42 Uhr:-dich in den Arm nehm und dir die Tränen weg wisch-

    Es tut mir so unendlich leid... kann verstehen wie du dich fühlst... wirklich verstehen...

    Und es tut weh dich so traurig zu lesen... die Worte zwischen den Zeilen sagen soviel mehr als die Worte die du geschrieben hast...

    Und wie sehr wünschte ich dass du hättest mit fahren können... wie sehr doch...

    Und es tut mir leid... ich würde so gerne alles dafür geben dass du jetzt da bei all den anderen sein könntest...

    hab dich Lieb kleine </3
  3. zitierensternenschein schreibt am 16.05.2007 um 19:37 Uhr:Wie schriebst Du noch einige Beitraege vorher? Wie sehr wuensche ich mir, dass es mir nicht alles so leicht gemacht wird, das ich mal etwas nicht bekomme, dass ich um etwas kaempfen muss.
    Und doch tut es mir auch leid, und ich kann Deine Traurigkeit verstehen. Diese Traurigkeit heimkommen zu wollen, mit den anderen zu lachen, sich einfach wohl zu fuehlen. Ich kann auch Deine Traenen verstehen.
    Diese beiden Beitraege, dieser und der mit der Feier, sie gehen sehr nahe, sind sehr emotinonell und schoen geschrieben. Danke dafuer. Aber ich dachte auch an das moegen..in Taize, die Moenche dort, sie mag man, weil sie sind..sie fragen sich sicher nicht weshalb, sie sind einfach, leben ihr Leben.
    Und wenn einer sie nicht moegen wauerde, es wuerde sie glaube ich auch nicht stoeren.
    Ich kann mir sogar vorstellen, es waere fuer Deinen Vater ein groesseres Geburtstagsgeschenl Dich in Taize und gluecklich an diesen Tag zu wissen. Aber jetzt ist es so, und auch aus Verzicht lernt man, manchmal so vieles mehr, als aus dem haben.
    Ich wuensche Dir alles Liebe
  4. zitierenschneehase schreibt am 16.05.2007 um 20:20 Uhr:Danke ihr drei. Vielen Dank für diese lieben Worte.
    Und du hast wohl recht sternenschein... aus Verzicht kann man viel lernen... und ich tus ja für meinen Vater, das macht es ein bisschen erträglicher

Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.