Federlesen

20.09.2015 um 18:17 Uhr

Eine Chronologie des Lesens

von: Lailah

Als ich mit fünf zu lesen begann, versäumte ich, ein Heft anzulegen, in dem ich meine gelesenen Bücher verzeichnen würde. Wie konnte ich ahnen, daß es im Lauf des Lebens Hunderte, vielleicht Tausende werden sollten. Nicht alle stehen in meinen Regalen, viele waren geliehen oder ich verschenkte sie nach dem Lesen, so daß sie sich nun bedauerlicherweise dem Zugriff der Erinnerung entziehen.

Meine Leseanfänge aber sind zu einem kleinen Teil erhalten geblieben, weil ich es nicht übers Herz brachte, sie wegzugeben. Eben habe ich sie rausgesucht, und hier liegen sie vor mir, verstaubt, vergilbt und fleckig und mit der Unfassbarkeit verknüpft, wie viel Zeit vergangen und erlebt ist, seitdem ich sie zum ersten Mal in den Händen hielt.

Eins der ersten Bücher, das ich als Kind unzählige Male las und das sich in meine Seele grub, war von Hanna Stephan Das Wunderkind, die Geschichte eines blinden, achtjährigen italienischen Straßenmusikanten. Das Buch kann wegen einiger Ausdrücke, die heute nicht mehr als politisch korrekt gelten, nicht empfohlen werden, aber damals sprach man eben so.

Zurück zu besagtem Bücherstapel finde ich zwei schöne, in Leinen gebundene Mary Poppins-Bände. Wie war ich von der Verfilmung enttäuscht, die nicht das Geringste mit den wundersamen Bildern in meinem Kopf gemein hat. Unvergessen auch Kästners Das doppelte Lottchen mit der nächtlichen Heimweh-Szene im Kinderheim, die sich schmerzlich mit selbst Erlebtem deckt. Natürlich Die Biene Maja und Alice im Wunderland. Weniger bekannt vielleicht die Pfäffling-Triologie von Agnes Sapper, Polly Maria Höflers André und Ursula und von Rhodens Trotzkopf. Die übrigen Kinderbücher sind dem Erwachsenwerden zum Opfer gefallen und für die Erinnerung verloren.

Als meine Mutter früh starb, erbte ich ihre umfangreiche Bibliothek und machte mir, jung wie ich war, keine Gedanken über meine eigenen Neigungen. Ich las ihre Bücher aus dem Bertelsmann Lesering, der Büchergilde Gutenberg und der Deutschen Buch-Gemeinschaft, von denen man damals seinen Lesestoff bezog. Als mir auffiel, daß ich mir Bücher nie selbst ausgesucht hatte, verschenkte ich ihre, behielt aber die Meister wie Dostojewski, Tolstoj, Stefan Zweig und Thomas Mann. Ich entdeckte mein Herz für Antiquariate und den kleinen Buchladen an der Ecke. Als ich meine Übersetzer-Ausbildung begann, wurde ich jedoch einseitig und widmete mich nur noch französischer Literatur. Schließlich verschlangen Wörterbücher mein Geld, eine Obsession, die Übersetzer kennen werden, und nur deren Überwindung mich vor dem Verhungern rettete.

Heute bitten all die ungelesenen Bücher um Beachtung, die sich im Lauf meines Lebens angesammelt haben, und die sich trotz der von mir ausgesprochenen Verbote rege weiter vermehren. Meine größte literarische Liebe aber gehört Autobiographischem. Und wenn mich fiktive Romane berühren, dann bin ich sicher, daß der Autor in ihnen sein Ich versteckt hat.

26.08.2015 um 17:46 Uhr

Schmerz in der Literatur

von: Lailah

Erlebter Schmerz ist schwerer literarisch umzusetzen als freudige Ereignisse. Der Autor braucht dafür ein kluges sprachliches Gewand, um den Leser nicht zu verschrecken.

Noch schwerer ist die literarische Verarbeitung, wenn der Autor keinen Abstand zu seinem Schmerz hat und dieser auch nicht zu erwarten ist. Dann muss er mit sprachlichen Mitteln Distanz schaffen. Sonst wird sein Text ein klagendes Monument, das nichts mit Literatur zu tun hat.

Es gilt nicht nur zu vermeiden, daß der Leser sich mit Grausen abwendet, auch dem Autor wird es gut tun, wenn aus Schmerz Kunst geworden ist.

 

 

23.08.2015 um 23:27 Uhr

Die Bücherretterin

von: Lailah

Als ich mein Zuhause von hundert auf dreißig Quadratmeter verkleinern musste, kam ich nicht umhin, mir einzugestehen, daß ich mich auch von Büchern werde trennen müssen. Unzählige Nächte verbrachte ich mit Aussortieren, das Haus verströmte bereits den abgestandenen Geruch des Abschieds, legte wild entschlossen Bücher auf einen Stapel, die doch nur an wehe Zeiten erinnerten, dann wieder überwog die Nostalgie und ich las selbstvergessen auf dem klammen Boden, bis die Dämmerung mich in die Wirklichkeit zurückrief.

Meinte ich, die rechte Wahl getroffen zu haben, verstaute ich die aussortierten Bücher in Säcke und stellte sie in eine Ecke. Mögen sie da stehen! Es ist ja noch Zeit... Doch schon bald packte ich sie wieder aus und sortierte neu. Nach wochenlangem Ringen fuhr ich zu dem Verein, dem ich sie spenden wollte. Auf dem Weg dorthin überlief es mich heiß, wo ist eine Parklücke, durchwühlte die Säcke nach Exemplaren, die ich in letzter Minute retten wollte. Wie eine Verräterin kam ich mir vor, als ich die übrigen abgab.

Zu Hause erstarrte ich, als hätte ich mein Kind weggegeben. Plötzlich entdeckte ich überall Lücken, in denen Bücher noch untergebracht werden könnten, sah sie in einer albtraumreichen Nacht zerrissen in Altpapiercontainern, stürzte morgens ans Telefon, ich will meine Bücher zurück. Beim Abholen merkte ich, daß welche fehlten, begann in fremden Sachen zu kramen, sah das Kopfschütteln der Angestellten, eine nach der anderen verließ den Raum, als hätte ich die Pest. Sie müssen mich für eine Wahnsinnige gehalten haben.

Als ich zu Hause meine Beute auspackte, empfand ich jedes gerettete Buch wie ein wiedergefundenes Schaf. Jetzt gibt es hier hauptsächlich Regale. Gleich beim Eintreten wird man von Büchern empfangen. Doch immerhin habe ich noch Platz für ein Bett und einen Schreibtisch. Was braucht der Mensch schon. 

 

 

22.08.2015 um 21:34 Uhr

Schreiben aus dem Nichts

von: Lailah

"Momentan ist da nichts, was nach Ausdruck verlangt", schrieb mir jemand. Es gibt immer etwas in uns, das nach Ausdruck verlangt, weil Menschen kreative Wesen sind.

Scheint uns der Zugang dazu verwehrt, kann es helfen zu schreiben, ohne einem Gedanken oder Plan zu folgen. Durch das Schreiben wird ein Mechanismus ausgelöst. Als würde sich Ungedachtes, wohl aber Existentes, durch die schreibenden Hände schieben. Papier und Stift sind wichtig, weil die Schreibbewegungen der Hand unsere unbewusste, kreative Gehirnhälfte stimulieren, während an der Tastatur die logische, korrigierende Gehirnhälfte zum Einsatz kommt.

Von einer Tänzerin weiß ich, daß sie ihre Choreographien mit einfachen Bewegungen beginnt. Sie gibt sich der Bewegung hin. Und mit der Zeit entstehen daraus konkrete Bewegungen, ein neuer Tanz, die Umsetzung eines Gefühls oder verschütteten Gedankens. Wenn der Kopf im Wege steht, ist es gut, die Zügel aus der Hand zu geben. 

 

 

21.08.2015 um 21:29 Uhr

Ein Buch und ich

von: Lailah

Nahezu gierig verfolge ich in Blogs und anderswo Leselisten. Diese unaufdringlichen Notizen in der Seitenleiste. Einerseits, um Anregungen zu bekommen, die meinem Wissensdurst nach Büchern wohl tun, andererseits, um etwas über den Blogger zu erfahren und wo seine literarischen Interessen liegen.

So sehr ich Bücherlisten bei anderen schätze, so wenig mag ich einige meiner Bücher preisgeben. Wenn es sich um ein Buch handelt, das stark in mir wirkt, muss ich es während des Lesens wie ein Geheimnis hüten und mit ihm im Verborgenen bleiben. Das Buch und ich, wir schwinden in eine eigene Sphäre, die ich nicht teilen möchte. Als wenn die Kraft, die von dem Buch auf mich wirkt, durch Mitteilung geschwächt würde.

Habe ich ein Buch beendet, gibt es mehrerlei Handhabungen. Begegnen mir Desinteresse und Ablehnung, belasse ich es bei der Erwähnung. Ich empfinde es wie einen Frevel, wenn ein Gesprächspartner die Kostbarkeit eines Buches mit einer lapidaren Bemerkung wegfegt. Fühle ich Interesse und Offenheit, spreche ich über das Buch. Wünsche, der andere möge auch in den Genuss kommen. Und das Empfundene zu teilen, mehrt noch einmal seine Kraft.

 

 

 

23.07.2015 um 10:57 Uhr

Quelle

von: Lailah

Menschen, die viel schreiben, befinden sich im Schreibmodus. Das Gehirn bleibt im Fluss, wenn Schreiben zur regelmäßigen Gewohnheit wird, zum Tagespensum gehört. Wer nicht sowieso dauernd schreibt, solle mit täglichen Schreibübungen eine Schreibblockade verhindern oder gar auflösen. So wird es in zahlreichen Büchern über das Schreiben empfohlen.

Nun besteht jedoch die Gefahr, in Geschwätzigkeit zu fallen, Banalitäten aufzubauschen, Texte ohne Aussage zu fabrizieren. Textperlen lassen sich nicht am Fließband erzeugen. Sie entstehen in einem geheimen Winkel unseres Geistes. Vielmehr gilt es zu trainieren, diesen Ort zu befruchten und den Zugang zu ihm freizuhalten, damit Schriften von Gedankenreichtum und Klarheit zeugen. Ein feiner Stil ist das Abbild von Klarheit.

Wenn es für die schreibende Zunft auch wichtig ist, im Schreibfluss zu bleiben, darf der nicht verwechselt werden mit der Quelle, aus der ein Autor schöpft. Ziel regelmäßigen Schreibens muss vor allem sein, die kreative Quelle am Leben zu erhalten. Damit der Autor vor lauter Schreiben nicht vergisst, was er überhaupt sagen will.

 

 

21.07.2015 um 13:55 Uhr

Warum Lesen?

von: Lailah

In Lebensbewegung auf literaturglobal macht sich die Autorin Gedanken über die Sucht nach anderen Leben, ihre Entfachung und Betäubung durch die Literatur, und daß Lesen uns von unserem eigenen Leben abhält.

Die Sucht nach anderen Leben ist ein mögliches Motiv für das Lesen. Ein anderes könnte sein, durch das Lesen fremder Leben das eigene besser zu verstehen. Wie sagte ein unbekannter Autor „Wir brauchen die Dichter, um unsere Gedanken lesen zu können.“ Die Gedanken, denen wir bisher keine Form geben konnten, weil wir zu eng mit unserem Leben verwoben sind. Erst die Distanz, die wir zu einem fremden Leben haben, ermöglicht uns, Parallelen zu unserem zu ziehen und uns selbst zu verstehen. Unter diesem Aspekt entfernt Literatur nicht vom eigenen Leben, sondern führt zu ihm hin.

Lange Romane halte ich selten durch, eben weil sie mich von meinem Leben wegbringen. Stärker ist meine Neigung zu Autobiographien, Tagebüchern und Briefen, die ich häppchenweise lesen kann. Immer gerade so viel, bis ich wieder ein Stück über das Leben, mich und einen möglichen Sinn des Ganzen verstanden habe.

Ein weiteres Motiv für das Lesen ist das Schreiben. Wenn ein einziger gelesener Satz, der aus der Menge hervorsticht, eine Vibration auslöst, einen Strom von Gedanken entfacht, mit einer Energie, die zur Muse des Schreibens wird.