Kulinarisches – Literarisches – Fragmentarisches

19.01.2005 um 15:43 Uhr

Gesund: Unpasteurisiertes Bier

von: buchzeiger   Kategorie: Getränke

Lutterbach:
Ein Kurpfälzer braut köstlichen Gerstensaft in der ältesten und kleinsten Brauerei des Elsass

Nach dem deutschen Reinheitsgebot von 1516, einer der ältesten lebensmittelrechtlichen Verordnungen, darf Bier nur aus den Zutaten Malz, Hopfen, Hefe und Wasser hergestellt werden. Von den frommen Mönchen, die im Jahre 1648 – übrigens in jenem Jahr, in dem der Elsass im Westfälischen Frieden erstmals Frankreich zugeordnet wurde – in ihrer Lutterbacher Abtei eine Brauerei gründeten, wurde die Einhaltung dieses Gebotes weniger aus lästiger Pflichterfüllung denn mit Berufsstolz praktiziert.

Heute, gut 350 Jahre später, wird in der ehemaligen Abtei noch immer – und immer noch voller Stolz – auf traditionelle Art gebraut. Zwar hat sich in der Zwischenzeit viel getan. Ein ständiges Auf und Ab: wechselnde Betreiber, Kriege (im Zweiten Weltkrieg zum Beispiel dienten die alten Gemäuer als Luftschutzbunker), schwierige wirtschaftliche Verhältnisse und wachsende Konkurrenz zwangen die alte Brauerei in der Rue du Houblon, der Hopfenstraße, zeitweise fast in die Knie. Das Ende zeichnete sich in den späten sechziger Jahren ab: 1968 wurden die Pforten geschlossen, drei Jahre später der Gebäudekomplex fast vollständig abgerissen. Wie schon so oft hatten die „Großen“ einen „Kleinen“ vom Markt vertrieben. Der Schock bei den rund 6000 Lutterbacher Bürgern saß tief, ein Stück Heimat war verloren, eine Einnahmequelle versiegt, Arbeitsplätze vernichtet. Schlimmer war jedoch der Verlust der lokalen Identität: Nach Jahrhunderten wurde „La Lutter’ Bier“ nicht mehr gebraut!

Das Wunder geschah Ende der achziger Jahre. Die Gemeinde erwarb das Grundstück und baute über den historischen Kellern ein neues Gebäude. Der Spagat zwischen moderner Architektur und dem Erhalt alter Elemente war gewagt und schwierig. Das Ergebnis kann sich – so fanden spätestens bei der Eröffnungsfeier im Jahre 1994 auch die vormals Misstrauischen – durchaus sehen lassen: Das Gebäude selbst ist hell und modern, der Gastraum befindet sich zum größten Teil in dem alten steingemauerten Kellergewölbe der ehemaligen Abtei, die Inneneinrichtung ist geschmackvoll-rustikal und urgemütlich. Die Mini-Brauerei ist teils im Keller, teils im Restaurant angesiedelt. Insgesamt ist eine äußerst gelungene und interessante Mischung aus Tradition und Moderne entstanden. Zudem sind Arbeitsplätze geschaffen worden.

Im „Restaurant de la Brasserie“ lassen sich nicht nur Bierliebhaber aus ganz Frankreich und aus dem benachbarten Deutschland kulinarisch verwöhnen, auch die Einheimischen treffen sich hier gerne auf ein Glas. Die Küche bietet typische Elsässer Spezialitäten wie Flammakueche, Zwiebelkuchen, Choucroute, Baeckaoffa, Schieffala, Lawerknepfla, Fleischschnackas, Sürlawerla (Saure Leber), Carpes frites (in Bierteig gebackenen Karpfen) zu nicht übertriebenen Preisen. Zum Essen kann selbstverständlich – wir befinden uns schließlich in einem Weinland – auch roter oder weißer Rebensaft getrunken werden. Angesichts des Ambientes von glänzend polierten Kupferkesseln und sonstiger brautechnischer Accessoires in den „Caves“, den ehemaligen Abteikellern, wird der Bierliebhaber jedoch die seltene Gelegenheit wahrnehmen, in einer tra-ditionsbehafteten Umgebung ein „Bière artisanale“, also ein Bier, das nach den -traditionellen Handwerksregeln hergestellt wurde, zu ordern. Der Unterschied zu industriell hergestelltem Bier ist nicht nur für den Kenner leicht zu schmecken. Ungefiltert und unpasteurisiert bewahrt es den aromatischen Eigengeschmack der einzelnen Zutaten. „Da weiß man wenigstens“, frei nach Thomas Mann, „was man verschluckt“!

Der Fachmann sagt dazu: "Der Vorteil eines (im Gegensatz zur Industrie mit ihren haltbarer gemachten Bieren) unfiltrierten und nicht pasteurisierten Bieres liegt zu allererst darin, dass die Hefe noch (lebendig) im Bier ist. Die Hefe enthält allerhand Vitamine, so z.B. die Vitamine der B-Fraktion (B2, B5), Vitamin H und die Folsäure, die auch ein Vitamin ist. Die wenigsten deutschen Brauereien pasteurisieren ihr Bier. In Frankreich nahezu alle. In Deutschland wird meist das Dosenbier pasteurisiert. Weil nämlich die Dose vor der Abfüllung nicht wie eine Flasche gereinigt wird. Eine Pasteurisation hat 2 große Nachteile: der Alterungsprozess des Bieres wird beschleunigt und die Trübung nimmt zu. Und diesen Alterungsgeschmack (Pasteur-Geschmack genannt) erkennt der Fachmann sofort."

Le Maître brasseur, der Braumeister also, hat das Brauer- und Mälzerhandwerk von der Pike auf gelernt – bei der Eichbaum-Brauerei in Mannheim. Nach einem anschließenden Studium der Getränketechnologie an der Technischen Universität in Berlin hat er sich für die Arbeit in der kleinsten und ältesten Ein-Mann-Brauerei im Elsass entschieden. Vorteil: Vom Einkauf über das Brauen bis zur Qualitätskontrolle, d.h. dem Verkosten: alles liegt in einer Hand. Vom Gerstenkorn und Hopfenpellet bis hin zum appetitlich gefüllten Bierglas mit perfekter Schaumkrone: der Werdegang des Produkts wird von einer einzigen Person verfolgt und ständig kontrolliert. Eine Arbeit, die Spaß macht und mit der man sich identifizieren kann. Kein Wunder, dass da neben der Herstellung des beliebten „La Lutter` Bier“ noch genug Lust und Kreativität bleibt, andere, jahreszeitlich wechselnde Biere zu kreieren. Ob Bière de Mars (Märzenbier), Bière de Noel (Weihnachtsbier), ob dunkles oder helles Bier: die Lutterbacher und ihre Gäste sind`s zufrieden!

Infos: Lutterbach ist eine kleine Nachbargemeinde von Mulhouse, an dessen Stadtgebiet sie unmittelbar angrenzt. Von Mannheim kommend fährt man auf der Autobahn in Richtung Basel, passiert den Rhein und die Grenze bei Neuenburg. Weiter auf der A 36 Richtung Belfort, Abfahrt Mulhouse West.

Adresse:
“Restaurant de la Brasserie”,
6 rue du Houblon, 68460 Lutterbach
Tel. (von Deutschland): 0033-389574848.

Brigitte Stolle © 2004

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenLutterbach Edwin schreibt am 22.04.2007 um 12:10 Uhr:Ich wohne in der Eifel, am Rursee - Nationalpark Nordeifel -
    Die Familie Lutterbach ist wohl irgendwann in der Zeit Napoleons
    an die Deutsch- Belgisch- Niederländische Grenze gekommen.
    Vielleicht habe ich demnächst mal die Möglichkeit das fr15anzösische Lutterbach kennenzulernen.
    Gruß
    Edwin Lutterbach Bollard 15 52152 Simmerath-Rurberg
  2. zitierenbuchzeiger schreibt am 22.04.2007 um 13:15 Uhr:Ob der Ortsname Lutterbach im Elsaß von einem Familiennamen herrührt, weiß ich nicht. Der Artikel ist 2004 entstanden, als mein Bruder dort als Braumeister gearbeitet hat.

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