Kulinarisches – Literarisches – Fragmentarisches

23.02.2008 um 06:00 Uhr

Karussell fahren

von: buchzeiger   Kategorie: Gedichte

Das Karussell

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser Löwe geht mit ihnen

und dann und wann ein weißer Elefant.

Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur dass er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.

Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgend wohin, herüber -

Und dann und wann ein weißer Elefant.

Und das geht hin und eilt sich, dass es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel...

Jardin du Luxembourg, Paris, 1906

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Mein Foto dazu
(leider ohne weiße Elefanten, Löwen und Hirsche):

Foto: Brigitte Stolle

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitieren1mishou schreibt am 23.02.2008 um 09:00 Uhr:Aber trotzdem ein sehr schönes Stück! Schaut bissel aus wie das, dass immer am Römer am Frankfurter Weihnachtsmarkt steht!
  2. zitierenleo14 schreibt am 23.02.2008 um 14:37 Uhr:Eines meiner Lieblinggedichte!!

    leo14
  3. zitierenbuchzeiger schreibt am 23.02.2008 um 16:02 Uhr:Ja? Ich kenne es erst seit ein paar Tagen.

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