Kulinarisches – Literarisches – Fragmentarisches

15.06.2006 um 07:10 Uhr

Speziesismuskritik als Grundlage der Tierethik

von: buchzeiger   Kategorie: Dies und Das

Jean-Claude Wolf:
Speziesismuskritik als Grundlage der Tierethik

von Susann Witt-Stahl

Professor Jean-Claude Wolf tritt für einen "konditionalen Vegetarismus" ein.

Die Tiere aus der Isolation des "metaphysischen Kuriositätenkabinetts" zu befreien und die ethischen Prinzipien des Mitleids und der Gerechtigkeit speziesneutral anzuwenden, ist die zentrale Forderung von Jean-Claude Wolf. Der Schweizer Professor für Ethik und politische Philosophie lehrt an der Universität Fribourg.

In seinem Buch "Tierethik", das er 1992 veröffentlichte, vertritt Wolf die Auffassung, dass es gleichermaßen unmoralisch sei, Menschen und Tiere zu töten. Die Gründe für das Tötungsverbot seien das eigentliche "Rückenmark der Tierethik". Für den Philosophen geht daraus hervor, dass "die Tierethik kein Anhängsel, kein Nebenzweig der Ethik, sondern eine zentrale Weichenstelle für die Art der Begründung in der Ethik überhaupt ist".

[...] Die "vermutlich hartnäckigste Wurzel des Speziesismus" ist, so Wolf, das radikale Festhalten an der Gewohnheit des Fleischessens. Die Vorliebe von Menschen für die blutige Nahrung und nicht plausible moralische Begründungszusammenhänge stünden dem Tötungsverbot im Wege: Selbst wenn empfindungsfähige Tiere nicht die nötige Intelligenz besitzen, den Tod begrifflich zu fassen, so haben die, die über ein rudimentäres Bewusstsein verfügen, also zur Erinnerung und zum Wiedererkennen fähig sind, ein Interesse, am Leben zu bleiben. Ein kontinuierlicher Bewusstseinsstrom ist Voraussetzung für die Leidensfähigkeit. Diese umfasse mehr als punktuelle Schmerzempfindungen. Der Tod bedeutet eine irreversible Unterbrechung der Kontinuität des Bewusstseinsstroms. "Das schützenswerte Gut besteht also, unabhängig davon, ob sich ein Wesen auf sein eigenes Bewusstsein und Selbst beziehen kann - immer, vorausgesetzt, dass irgend etwas für ein Lebewesen für gut oder schlecht befunden werden kann (Sentientismus)". Zu dem Individualwohl eines Lebewesens gehört das Am-Leben-Sein. Wenn wir empfindungsfähige Tiere töten, dann berauben wir sie ihres "praemium vitae", des Guten, das ihnen während ihrer ganzen Lebenszeit widerfahren kann. Daraus leitet Wolf den Wert individuell bewussten Lebens ab. Er weist damit die Auffassung zurück, dass ein Leben durch ein anderes ersetzbar ist, also utilitaristische Ansätze, die beispielsweise der australische Ethiker Peter Singer oder, auf Tiere bezogen, die Befürworter des Artenschutzes vertreten: "Die verbreitete Idee, ein Tier lasse sich durch ein anderes ersetzen, gibt nur Sinn aus der Außenperspektive von Menschen oder Raubtieren, die ihre Beute jagen, ohne sie auszurotten."

Für den Umgang mit Tieren in der Praxis fordert Jean-Claude Wolf die Abschaffung aggressiver (das Wohl oder die Lebensdauer gefährdender) Tierversuche, wendet sich aber gegen eine Verabsolutierung dieser Postulate. Wolf tendiert zu einer Abstufung des Rechts auf Leben an der Grenze des bloß bewussten zum selbst-bewussten Leben, da bei selbstbewusstem Leben das Recht auf Lebensqualität zusätzlich relevant sei. Er tritt beispielsweise für einen "konditionalen Vegetarismus" ein, der in Fällen von Mangel an vegetarischen Ernährungsalternativen Ausnahmen zulässt. Hinsichtlich der Strategie zur Durchsetzung von Tierrechten plädiert der Moralphilosoph für pragmatische Argumentation und gemäßigten Aktionismus, frei von falscher moralischer Hysterie und "monomanischer Überheblichkeit".

© Susann Witt-Stahl

Literatur:

Jean-Claude Wolf: Tierethik. Neue Perspektiven für Menschen und Tiere. Freiburg (Schweiz) 1992.

 


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