Eine einzelgängerisch an einer Mauer wachsende Mohnblume,
die fernab von ihren Artgenossen ihr Dasein fristet:
Während die anderen sich in Herden vergnügen:
Eine einzelgängerisch an einer Mauer wachsende Mohnblume,
die fernab von ihren Artgenossen ihr Dasein fristet:
Während die anderen sich in Herden vergnügen:
Mauerblümchen
In einem schlichten Kleide
Nah einer Mauerwand,
Fern jeder Augenweide,
Einsam ein Blümlein stand.

In monotoner Weise
die Tage zogen hin,
Nichts ringsherum im Kreise
An ihm zu hängen schien.

Kein Käfer in der Nähe,
Kein Vöglein es begrüßt,
Abends voll Leid und Wehe
Es seine Blüten schließt.

Allein die goldne Sonne
Und auch der Silbermond
Zu seiner Lust und Wonne
Bei ihm zu Gaste thront.

Doch eines Tages summte
ein Bienchen um sein Haupt,
Sein Leid mitmal verstummte,
zu träumen es fast glaubt.

Erschließ mir Deine Blüte,
Dein Nektar lockt mich an,
Von ganz besondrer Güte
Scheint er mir angetan.

Das Blümlein leis erbebte
Und weitete sich aus
Das Bienlein es umschwebte
Und kroch ins Blütenhaus.

Mit guter Fracht beschweret
Das Bienlein flog hinaus
Und gern es wiederkehret
In dieses Blütenhaus.

Das Blümlein an der Mauer
sich auf sich selbst besann,
Und stiller Glückesschauer
Durch seine Blüte drang.

Nun wusst. es dass sein Leben
Nicht nutzlos fernerhin,
Solang ein Nektarsegen
in seiner Blüten drin.

Es raunt, so bracht die Mauer,
Wenn auch sehr spät, noch Glück,
Und an vergangner Trauer
Denkt's ohne Gram zurück.
Bellevue
Bei so einem atemberaubenden Ausblick
lässt sich das Mauerblümchen-Dasein aushalten:
Als ein Mauerblümchen galt ein Mädchen, das "beim Tanze wenig oder gar nicht aufgefordert wurde". Dieses Bild entstammt der einzeln an der Mauer wachsenden Blume, die fernab von anderen Artgenossen ihr Dasein fristet.
Eine weitere Erklärung stammt aus dem Mittelalter. Die Damen saßen nach dem Mahl auf den Mauervorsprüngen und warteten, bis sie zum Tanz aufgefordert wurden. Die Damen, die nicht aufgefordert wurden, nannte man Mauerblümchen. Der Schriftsteller Friedrich Spielhagen verwendete den Begriff in dieser Art, als er in seinem Roman Faustulus schrieb: "Erziehe aber eine Mutter ihre Tochter, wie es sich gehöre, und sie es vor Gott verantworten könne – da dürfe das gute Kind sicher sein, auf den Bällen als Mauerblümchen zu verkümmern".