Es geschah eines spaeten Fruehjahrs vor einigen Jahren, ich hatte mal wieder meine Sommeranfangsdepressionen, dazu gingen mir die Medien mit ihren klischeehaften Berichten ueber das, was sie fuer die 'Gothic-Szene' hielten, auf die Nerven, dass ich mich eines Abends an den PC setzte, mal wieder einige Gothic-Communities durchsah, und auf ein Kontaktanzeigchen antwortete. Es war keine grosse Sache, mehr ein Nebenbei, wobei ich schon sagen muss, dass ich Lust auf Gedankenaustausch hatte, war ich doch in letzter Zeit eher zurueckgezogen, zu der Szene hatte ich gar keinen Kontakt, aber 'gotisch' lebte ich damals auch schon lange. Nur nicht offiziell ;) So kam es, dass SIE mir antwortete, unerwartet, schon nach einem Abend. Es ging gegen 23 Uhr, damals fuer mich noch sehr spaet. Ich hatte nicht geglaubt, dass man mir ueberhaupt zurueckschreiben wuerde, die Anzeige war alt, und ich hatte schliesslich nur diese eine Email geschrieben. Aber da war sie. Wir verstanden uns super. Hatten den gleichen Humor, konnten gut philosophieren, gut diskutieren, so kam es, dass wir uns bald nicht nur regelmaessig schrieben, sondern uns jeden Abend auch unterhielten, fliessend. Sie schrieb mir ueber all ihre Probleme und so tat ichs. Damals litt sie sehr unter SVV, ich schaffte es, sie da heraus zu holen, so gut es ging. Sie war wenige Monate aelter als ich, aber das hat man in unseren Gespraechen niemals bemerkt. Sie lebte in Norddeutschland, hatte Gelegenheit, Meer und Moor zu besuchen, sie liebte die Natur ueber alles, das Mittelalter, all diese Dinge, die mir auch so viel bedeuteten. Wir verstanden uns demnach wirklich perfekt. Bald durften wir einander 'Seelenschwestern' nennen. Wir telefonierten oft, hatten unsere eigenen Rituale, unterhielten uns wirklich sehr gerne und wenn sich mal jemand von uns einen Tag nicht melden konnte, hatten beide abends die schlimmsten Depressionen. Wir brauchten einander einfach. Ueberhaeuften uns mit SMS, wenns nicht anders ging. Hauptsache, wir konnten irgendwie kommunizieren! Und ich liebte und liebe sie, und ich weiss, sie empfindet dasselbe.
Die Monate vergingen, es folgte eine Klassenfahrt von ihr nach B. Unsere Beziehung vertiefte sich immer mehr. Irgendwann, es war wohl Anfang 2003, verstritten wir uns zunaechst, wegen einer laecherlichen Nichtigkeit. Doch bald fanden wir wieder zueinander zurueck, zuerst ein wenig entfremdet, aber das hatte sich schon nach wenigen Tagen wieder gelegt. Es war ein Band, das niemand durchtrennen konnte. Unser Verhaeltnis war schwieriger, da sie nun die Realschule beendet und eine Ausbildung begonnen hatte. Sie war immer sehr beschaeftigt, abends kaputt, zeitweilig kaum zu sprechen, manchmal eine Woche oder laenger nicht. Es war fuer uns beide deprimierend, aber wir hatten noch immer das Gefuehl, dass das nur ein temporaerer Zustand sei und wann immer jemand den anderen wirklich brauchte, war der andere da. Wenns auch muehsam war, auch auf Umwegen. Aber wir haben zusammengehalten.
Dann geschah das, was nicht haette passieren duerften. Ich dachte zuerst, es haette andere Gruende, vielleicht wuerde sie nur Stress mit der Ausbildungsstelle haben, aber dann erfuhr ichs: Sie wurde, nachdem etwas Schreckliches geschehen war, in eine Anstalt eingewiesen. Nach diesem Erlebnis hatte sie sich geweigert, je ein weiteres Wort zu sprechen. Ihren Eltern, die sie schon immer wegen ihres Lebensstiles, der meinem so aehnlich war, verabscheuten, kam das ganz Recht. Sie verlor ihre Ausbildung und sass in der Anstalt. Heimlich kommunizierte sie mit mir. Ich war, das muss ich ehrlich sagen, auch die einzige Person, die ihr half! Sie war eingesperrt in ihrem Einzelzimmer, durfte nie hinaus in die Natur, die sie so liebte, durfte nicht mit der Aussenwelt kommunizieren, dabei hatte sie solche Sehnsucht nach einigen Menschen! Immerhin hat sies geschafft, mich heimlich zu erreichen. Sie war sonst so abgeschottet und eingesperrt... Es muss schrecklich fuer sie gewesen sein. Ich muss sagen, sie wurde erst im Sanatorium verrueckt. Zuerst waren ihre Gedanken noch klar, wenn sie auch nicht mehr sprach, aber mit der Zeit wurde sie wirrer. Nun geht es wieder, aber ich bin mir 100%ig sicher, dass ihr der Anstaltsaufenthalt eindeutig sehr geschadet hat! Nicht nur, dass sie bald paranoid von der staendigen Ueberwachung und der Angst, bei der heimlichen Kommunikation zu mir erwischt zu werden, wurde. Auch die 'Behandlungsmethoden' waren nach ihren Aussagen, denen ich glaube, schrecklich. Man setzte sie vor den Arzt in ein steriles Zimmer und sie wurde immer wieder genoetigt, zu sprechen. Wenn sie nichts sagte, wurden die Aerzte nur aggressiv und dieser Druck brachte sie erst recht dazu, vor Angst nichts mehr zu sagen. Und wenn sie sich die Muehe machen wollte, zu sprechen, und nach Monaten dabei stotterte oder Probleme hatte, die richtigen Worte auszusprechen (Schliesslich verlernt man auch das Sprechen, wenn man seit Wochen keinen Ton mehr gesagt hat!), dann wurden die Aerzte auch ungeduldig und aergerlich und schrieen und draengelten herum - Sie bekam wieder nur Angst und schwieg weiter.
Haette man sie doch bloss erst einmal aus eigenem Antrieb reden lassen! Ohne Zwang! Haette man ihr ein Papier gegeben, auf dem sie schriftlich kommunizieren koennte! Aber auch das tat man nicht. Es war kontraproduktiv, was diese Aerzte taten. Zuerst hatte SIE nur eine Abneigung gegen ihre Strenge, spaeter wurde es zu Hass, dann zu Angst, bis sie schliesslich dauerhaft Angst vor diesen Menschen hatte, denn sie war staendig von ihnen dort in der Anstalt umgeben! Was schliesslich der Ausloeser der ganzen Sache war, weiss ich nicht genau. Ich will sie auch nicht fragen, um nicht wieder dieser Erinnerungen zu wecken, aber ich denke, ich kenne die Gruende. Sie machte Anmerkungen. Ja, zuerst schien es keine 'kranke' Tat, sondern eine rein rationale gewesen zu sein! Wie, als wenn ich nichts mehr sagen wuerde, da ich weiss, dass zB mein Vater mir sowieso nie zuhoert. Deswegen eben nicht mehr spreche. Da NIEMAND sich kuemmert, was ich sage! Und aus diesem Streik wurde schliesslich die physikalische Unfaehigkeit, zu sprechen, einfach durch die lange Zeit, die schweigend verging. Sie hatte eine starke Willenskraft, das muss man ihr lassen. Aber dort in der Anstalt wurde sie krank...Verfolgungswahn, staendige Angst... Aber was niemand wusste: Sie konnte reden! Mit MIR redete sie, ausserdem sang sie leise, nachts, in ihrem Zimmer, wenns keiner hoerte! NIEMAND wusste es! Sie konnte reden. Nur haben die Aerzte sie nicht reden lassen!!! Ich war die einzige Person, die ihr half! Die Person, die sie rettete! Ich tat es aus Liebe zu meiner Schwester! Sie bedeutet mir so viel, wie wenige Menschen auf dieser Welt. Ich war fuer sie da. Ich hoerte zu. Ich beratschlagte sie und half ihr aus den Depressionen. Ich nahm ihr den Willen, zu sterben. Ich brachte sie dazu, sich von den versklavenden Pillen zu befreien. Ich habe ihr geholfen, nicht sie, wie andere, die es angeblich gut meinten, noch mehr zerstoert!
Ich war immer da, wenn sie mich brauchte, so gut es ging. Im Gegensatz zum Klinikpersonal oder ihrer Familie! ICH war da. Sie tut mir so Leid, sie hats nicht verdient, so leiden zu muessen... Anfangs zeichnete sie auch noch auf ihrem Zimmer, aber nachdem man ihr die Sachen wegnahm und sie bemerkte, dass man dumme, uebertriebene psychologische Deutungen gemacht hatte, hoerte das aber auch auf. Man nahm ihr alles! Diese Kranken haben es gar nicht bemerkt! Angeblich wollten sie sie heilen, aber man hatte sie nur fast fuer immer zerbrochen. Erst seitdem sie dort gefangen war, wollte sie sich das Leben nehmen! Ich habe ihr zum Glueck die Kraft gegeben, durchzuhalten. Wenns auch knapp war. Und als ich an SVV litt, konnte auch sie mir helfen, obwohl sie eingesperrt war, mit der Macht ihrer Worte! Wir haben EINANDER geholfen, einander geheilt. Das konnte kein Arzt tun. Ich bin stolz auf uns beide. Man darf Stolz empfinden, wenn man seiner geliebten Schwester hilft, zu ueberleben. Ihr meint sicher, ich wuerde es uebertreiben, aber es GING um Leben und Tod. Sie war kurz davor, ich habe es geschafft, dass sie heute noch atmet und gluecklich damit ist. Wenn sie natuerlich auch noch immer leidet, an den Dingen, die geschahen... Es ist schrecklich, das wird auch immer eine Narbe bleiben, bis ans Ende unserer Leben. Dieser Druck, diese Angst... Machte alles nur schlimmer! Nein, es ist gut, dass sie nun wieder draussen ist, nach ganzen 6 Monaten! Es war eine lange harte Zeit, aber nun kann sie wieder genesen. Wirklich genesen, wenn man ihr nicht wieder etwas antut. Ich wuensche meiner kleinen Schwester (Ja, im Moment ist SIE meine kleine Schwester) einfach nur das Beste. Die letzten 6 Monate waren vielleicht die Hoelle, aber dann kanns nur noch besser werden. Meine Nachtfee, jetzt bist du frei!
cn P