Wenn ein Mensch isoliert aufwuchs, und sich dann nicht mehr hinaus traut, weil er all das "dort draussen" nicht kennt, und Angst davor hat, dann verstehen dies viele Menschen. Wenn einer jedoch isoliert aufwuchs und dann gut den "Sprung nach draussen" bewaeltigte, aber dann dennoch nicht hinaus moechte, weil es ihm einfach nicht gefaellt, dann verstehen dies weniger. Da heisst es, der Mensch solle doch froh sein, endlich die Freiheit zu haben. Aber dort draussen ist, zumindest fuer mich, nicht nur so genannte "Freiheit".
Wenn man es so betrachten moechte, war ich bis zum ca 15. Lebensjahr vollkommen isoliert. Mein Alltag bestand darin, morgens zur Schule zu gehen, danach am fruehen Nachmittag nach Hause zu kommen, mich um den Haushalt zu kuemmern, dann in meinem Zimmer zu sitzen, zu schreiben und zu zeichnen, und am Abend online zu gehen, mich in irgendwelchen Foren herum zu druecken, und dann nachts wieder schlafen zu gehen. Die einzige Abwechselung bestand darin, dass ich zweimal im Monat samstags um 10 Uhr von meiner "Mutter" abgeholt wurde, sie mich mit dem Auto einen Tag durch die Gegend fuhr (oder meist doch eher erst zu ihr nach Hause, wo es Mittagessen gab und ich ihr beim Verfassen von Briefen half, erst danach gings hinaus), und wo ich dann entweder abends wieder zurueck zu meinem "Vater" musste, oder aber uebernachtete, und eben noch den Sonntag bei meiner "Mutter" (oder bei der Tochter einer ihrer Freundinnen - ihr erinnert euch vielleicht, dass ich sehr gerne dort uebernachtete) verbrachte, und dann eben um 18 Uhr am Sonntag wieder bei meinem "Vater" abgeliefert werden musste. Ausserhalb der Zeiten kam ich kaum hinaus. Wenn ich mich genau erinnere, war ich bis zu meinem 15. Lebensjahr nicht einmal einkaufen gegangen, ausser vielleicht zweimal im Jahr, wenn mein "Vater" mal krank war.
Die Sache war eben die - mein "Vater" wusste leider immer, wann ich Schulschluss hatte, und ich bekam Vorschriften, wann ich danach zuhause sein muesse - Das reichte immer nur knapp fuer die Rueckfahrt. Selbst, wenn ich die Bahn verpasste oder die Strecke gesperrt war, und ich deshalb spaeter heim kam, gab es schon Aerger - und wenn es nur 10 Minuten waren. Da hiess es gleich wieder, ich habe mich verbotenerweise irgendwo "herumgetrieben". Die einzige Moeglichkeit, draussen zu sein, war eigentlich, wenn ich Freistunden in der Schule hatte. Es zog mich immer haeufiger auf diverse Friedhoefe. Dann begann ich aber auch mal, Termine mit Bekannten auszumachen. Eine zeitlang traf ich mich sehr gerne mit Menschen, mit denen ich vorher online schon ueber Monate diskutiert hatte. Ich log meinen "Vater" an - das war die einzige Moeglichkeit, ueberhaupt hinaus zu kommen, denn alles andere wurde verboten - ich muesse mit einigen Schuelern ein Referat vorbereiten. Leider ging das auch nicht sehr oft, und ich wurde dann auch immer extrem ueber alle moeglichen Belanglosigkeiten ausgefragt. Das Thema hatten wir schon einmal.
Im Herbst 2002 machte ich mich dann, mit 15, jedoch mit einer weiblichen Person bekannt, die bald darauf meine 1. Freundin sein sollte. Auch da schlich ich mich wieder mit Ausreden hinaus, aber die Beziehung hielt nicht lange. Im April 2003 traf ich IHN schliesslich zum ersten Mal und eine 2. Beziehung ergab sich daraus. Zuerst sahen wir einander nur zwei Tage am Stueck, weil ich haeufiger nicht hinaus durfte, obwohl ich damals schon 16 war. Aber diese Liebe bewirkte in mir dann auch einen extremen Drang, gegen diese Restriktionen anzukaempfen - bislang war es mir relativ egal gewesen, denn ich hatte "draussen" sowieso nichts zutun, aber nun, verdammt, wollte ich hinaus, so oft es ging! Ich wollte mir nichts mehr verbieten lassen, so kam es zu einem extremen Streit, ueber Wochen, nach dem ich wenigstens einmal "siegte": Am zweiten Wochenende im Mai konnte ich zum ersten Mal offiziell bei jemandem uebernachten. Meine "Schwester" spannte ich mit ein, ich sagte bescheid, ich sei bei ihr, und wenn mein "Vater" anrufen wuerde, solle sie versuchen, ihn irgendwie zu ueberzeugen, dass ich bei ihr sei, nur eben gerade im Bad oder andersweitig nicht zu sprechen. So verbrachte ich mein 1. Wochenende ganz allein, ganz heimlich, "da draussen".
Am Sonntagabend musste ER wieder abreisen, um ca 18 Uhr war ich wieder bei meinem "Vater". Ich wurde natuerlich wieder ausgefragt. Und wann immer ich in Zukunft nun fragte, ob ich bei meiner Schwester uebernachten koenne, gab es immer extremen Streit. Aber ich konnte mich fast immer durchsetzen, und habe IHN so alle 4-6 Wochen gesehen. Zwischendurch kam mein "Vater" dann auch noch mit einem Herzinfarkt ins Krankenhaus. Gut eine Woche verbrachte ich ganz allein, im Haushalt, draussen... ER war leider nicht hier. Aber nun kostete ich die Freiheit aus, war eigentlich jeden Tag draussen, bin vor Mitternacht kaum heim gekommen. War immer irgendwo, auf dem Friedhof, auf dem Feld, in der Stadt, einfach fort von der Wohnung und allein. Und seit dem Krankenhausaufenthalt hatte ich dann auch endlich einen eigenen Schluessel (ja, ich weiss, es ist schwer zu glauben, so lange keinen gehabt zu haben, aber ich brauchte theoretisch auch keinen, da mein "Vater" als Rentner immer zuhause war), aber die Erlaubnis, einfach so hinaus zu gehen, hatte ich dennoch noch lange nicht. Auch, wenn ichs irgendwann aushandeln konnte, alle 3 Wochen draussen uebernachten zu duerfen.
Und in den Ferien wollte ich IHN taeglich sehen, so lange er hier war. Auch das war erst kompliziert, aber schliesslich habe ich meinen Kopf einfach durchgesetzt, mit dem Risiko, herausgeworfen zu werden (obwohl ich damals noch keine eigene Wohnung hatte). Ich sagte, ich woelle zu meinem Freund, und bin einfach gegangen. Gegen Geschrei habe ich mich taub gestellt. Und so gings weiter... Mit den Monaten ging ich haeufiger auch so hinaus, zu verschiedensten Orten, nach der Schule, vor der Schule, waehrend der Pausen... Ich denke, da begann ich mich auch endlich, in der Aussenwelt richtig zurecht zu finden. Ich glaube, es ist mir auch sehr schnell gelungen. Und dann, im Sommer 2005, zog ER hierher. Ich war mittlerweile 18 und habe dann jeden Tag bei IHM verbracht. Verbieten konnte mir mein "Vater" sowieso nichts mehr, nur Gelder streichen, usw, aber ich habe mich wieder stur gestellt. Ich benoetigte generell sehr starke Nerven... Zuerst war ich nach der Schule noch zu meinem "Vater" zum Essen gegangen, danach erst zu IHM gefahren, abends wieder heim - zuerst um 18 Uhr, nachdem ER arbeitete, dann um 20... Das hat sich ueber die Jahre immer weiter verschoben, auf 21, 22, 23 - Mittlerweile ist es Mitternacht :)
In den Ferien fuhr ich schon morgens zu IHM. Sobald ich studierte, bin ich eben morgens zum Studium gefahren, und danach gleich zu IHM, wo ich bis in die Nacht geblieben bin. Das gilt wohlgemerkt wochentags, mittlerweile habe ich jedes Wochenende von Samstag auf Sonntag, bzw Mitternacht zum Montag hin, dort uebernachtet. Langsam wurden endlich auch keine Fragen mehr gestellt, ich ging einfach, wann ich wollte, und es kuemmerte sowieso niemanden mehr. Es ist, als gehoerte ich hier sowieso nicht mehr hin. So viel Veraenderung... Es ist nicht einmal ein Jahr her, und doch kommt es mir so selbstverstaendlich vor. Ja, ich habe mich wohl sehr gut "eingelebt" und mein merkwuerdiges Leben... Ich glaube es selbst kaum, dass ich, obwohl ich ueber 16 Jahre eigentlich nur eingesperrt war, mittlerweile selbstverstaendlich und selbststaendig draussen zurecht finde. In knapp 4 Jahren, nicht einmal. Und ich tue so, als sei es nie anders gewesen, und wenn ich mir meine Vergangenheit selbst vor Augen fuehre, finde ich das selber sehr merkwuerdig.
Aber... So seltsam das auch wieder klingt: Nun, wo ich die Aussenwelt kenne, mag ich sie gar nicht mehr. Meine Misanthropie hatte dann begonnen, wo ich die Menschen kennen lernte, die Massen, die Gesellschaft, mit all ihren Uebeln. Seitdem will ich gar nicht mehr hinaus, und igle mich mehr oder minder in SEINER Wohnung in S. ein. Ich bekomme sehrwohl noch genug von draussen mit, beobachte die Geschehnisse dort, bin ich dort unterwegs und interagiere, erlebe - ich denke, ich komme zurecht - aber ich mags einfach nicht. Obs an den Schlechtigkeiten der Mitmenschen oder an meiner Gewoehnung an das Leben in einer Wohnung liegt, weiss ich nicht. Ich glaube, es waere falsch, alles nur auf Gewoehnung zu schieben. Wenn ich natuerlich auch gerne Dinge beibehalte, wenn ich sie positiv finde. So bin ich gern in S. in der Wohnung, habe dort meine Ruhe, hoere Musik, zeichne, schreibe... Um ehrlich zu sein, hinaus gehe ich nur, weil ich gerne Bauwerke, Kunst oder Landschaften sehen moechte, vielleicht auch Tiere und andere Natur. Aber keine Menschen. Ohne Menschen wuerde mir nichts fehlen, das ist sicher krank, klingt abartig, ist aber so. Ich empfinde eben anders - das ist vielleicht doch Gewohnheit, aber ich empfinde sie nicht als stoerend, also muss ich dagegen auch nichts unternehmen. Vielleicht stoeren andere Menschen sich daran, aber ich finde, es geht ausser mir niemanden etwas an.
cn P