Times of Life

28.07.2010 um 21:58 Uhr

Haare II

von: Galahad

Auch Chris riet mir dazu, diesen Weg zu gehen. Und so hab ich Malter am nächsten Tag Bescheid gegeben, dass ich den Rat seines Geschäftsfreundes annehmen würde. 

Chris hatte mir angeboten, dabei zu sein, wenn meine Haare runterkamen, und ich war froh dafür. Er hielt die ganze Zeit meine Hand, und es war so grausam, als Strähne für Strähne abgenommen wurde. Der Kopf wurde völlig rasiert, und als sie fertig waren, fragte mich der Typ (Bruce heißt er übrigens), ob ich einen Spiegel wollte. Ich hätte drauf verzichtet, aber Chris sagte sofort: "Danny, schau ruhig - hab keine Angst, es sieht echt gut aus!". Naja, echt gut… ich habe mich fast gar nicht mehr erkannt! Mein Gesicht war ganz schmal, die Augen riesig und irgendwie so traurig - ich sah richtiggehend tragisch aus *hust*. Armselig. 

Dann kamen sie mit der vorgefertigten Perücke… und ich hab erst mal einen Schock gekriegt. Sie sah furchtbar künstlich aus! Allerdings werden die Dinger erst am Kopf zurechtgeschnitten, das wusste ich nicht - und zumindest rein äußerlich war das Ergebnis anschließend schon sehr gelungen. Jemand, der von nichts wusste, hätte vielleicht gar keinen Unterschied zu vorher gemerkt. Aber ich merkte ihn, und ich habe diese Perücke gehasst. Ich hab mich wie ein Krüppel gefühlt. Am liebsten wäre ich gleich nur noch mit dem kahlen Kopf rumgelaufen. Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben… :-( 

Dann kam der Tag, als ich meine "richtige" Perücke - also die aus meinen Haaren - bekam. Und da kann ich nur jedem sagen: Ja, es war ein himmelweiter Unterschied! Vielleicht ist es tatsächlich nur psychisch - aber es waren wieder meine Haare! Und Bruce (der war immer persönlich dabei, die Arbeit haben natürlich seine Angestellten gemacht) meinte auch: "Danny, du merkst den Unterschied, stimmt's? Wir befestigen sie jetzt richtig, und dann kannst du alles damit machen - sogar auf der Bühne headbangen!" Nur waschen durfte ich sie nicht, denn wenn einzelne Haare dabei ausgingen, waren sie ja im Gegensatz zu früher endgültig weg. Ich bekam stattdessen so ein Spezialreinigungszeug, musste von da ab auch regelmäßig in ihr Haarstudio kommen zur Pflege - und Bruce versprach mir, dass sie mir auch bei den Wimpern und Augenbrauen helfen würden, wenn es soweit wäre.   

Immerhin konnten mir, als die Scheiß-Chemo dann anschließend begann, die Haare nicht mehr ausfallen.

So schnell war ich also doch nicht kleinzukriegen! ;-)   

25.07.2010 um 11:28 Uhr

Bye, bye Haare

von: Galahad

Von meinen Haaren musste ich mich schon sehr früh verabschieden. Allerdings war ich daran selbst nicht unschuldig… 

Eines Abends (noch ganz zu Anfang, vor der ersten Chemo), kam Malter, als wir probten, zu uns runter. "Danny, hast du kurz Zeit, ich möchte dir jemanden vorstellen. Chris kann natürlich auch mitkommen." Es war ein Geschäftsfreund von ihm, der sein business mit "Haarergänzung, -erweiterung und -ersatz" angibt (*schluck*).  

Bein Reinkommen sah er uns an, murmelte "oh ja, ich verstehe!", dann erklärte er uns seinen Vorschlag: "Danny, Malter hat mir erzählt, was dir bevorsteht. Machen wir uns nichts vor - du wirst voraussichtlich mehr als eine Chemo brauchen, noch dazu sehr starke - und die Möglichkeit, dass du deine Haare dabei verlierst, ist sehr groß. Mein Geschäft ist auf sowas spezialisiert… ich habe es entwickelt, seit ich miterleben musste, als meine Ehefrau Krebs hatte und jeden Morgen völlig verzweifelt und deprimiert war, wenn sie die ganzen Haare auf ihrem Kopfkissen sah.

Pass auf… Im ersten Schritt werden wir für dich eine Perücke anfertigen, die deinen Haaren so ähnlich wie nur möglich ist. Es wird nicht schlecht aussehen, aber es ist nun mal eine Perücke. Im zweiten Schritt werden wir dir dann deine Haare komplett abnehmen (hier ist mir ganz elend geworden), stattdessen die Perücke anpassen - und aus deinen Haaren werden wir eine zweite Perücke anfertigen. Und Danny, ich schwöre dir: es wird ein himmelweiter Unterschied sein! Denn es werden deine Haare sein, die du trägst - und du kannst sie ab dem Zeitpunkt nicht mehr verlieren! Jeder meiner Kunden hat mir bisher bestätigt, dass er sich mit seinen eigenen Haaren erheblich besser gefühlt hat als vorher mit einer normalen Perücke." 

Ich hab wohl sehr elend ausgesehen, denn er fügte dann noch hinzu: "Du kannst es dir ja noch überlegen - schlaf mal eine Nacht drüber. Aber warte nicht zu lange, denn wenn deine Haare erst mal dünn werden und ausgehen, können wir sie nicht mehr verwenden. Sie müssen noch gesund und kräftig sein, so wie jetzt." 

Die Vorstellung war ein Schock für mich, ehrlich! Allein der Gedanke. Die möglichen Folgen der Chemo hatte ich bisher so gut wie möglich verdrängt, auch wenn ich Angst davor hatte - und jetzt sollte ich mich "freiwillig" kahl rasieren lassen? Ich hab mich natürlich daheim mit Chris beraten, aber eigentlich stand die Entscheidung da schon fest, und auch Chris riet mir dazu, diesen Weg zu gehen.   

Später mehr…

17.07.2010 um 10:36 Uhr

Ethan

von: Galahad

Die zweite Reaktion kam - von Ethan. 

Natürlich hatten wir auch unseren "Problemkids" erzählt, was Sache ist, und ihnen erklärt, dass Chris und ich uns aus dem Projekt verabschieden, sie aber mit den anderen von der Band weitermachen können. Die Reaktion der Kids war - na ja. Schulterzucken, abnicken, weitermachen. Oh nein, sie sind nicht gefühlskalt und gleichgültig, alles andere als das! Sie haben nur nie gelernt, Gefühle wie Trauer zuzulassen oder gar zu zeigen. Hauptsache alles cool wegstecken, nichts an sich heranlassen - das haben sie sich selbst so beigebracht. Es ist nicht ihre Schuld, dass sie so sind. 

Umso erstaunter war ich, als am nächsten Nachmittag Ethan vor der Tür stand und mich angrinste! Auf meine Frage, ob er das gestern nicht kapiert habe, wurde er dann ganz ernst und meinte: "Ein Freund ist ein Mensch, der deine Hand nimmt und an deiner Seite bleibt, wenn der Weg schwierig wird! Nun Danny - ich dachte, wir wären inzwischen Freunde! Ich werde in Zukunft immer nach der Schule herkommen und bei dir bleiben. Du wirst bestimmt noch froh sein, dass ich da bin - Chris muss ja schließlich auch mal weg, er kann sich nicht den ganzen Tag um dich kümmern!" 

Und da ich anscheinend nur blöd geguckt habe, redete er weiter: "Und keine Sorge - du musst nichts mit mir machen und dich kümmern. Wenn du willst, reden wir zusammen oder machen was - wenn nicht, lasse ich dich in Ruhe und mache halt etwas anderes."

So lief es dann auch. Ethan kam fast jeden Tag zu uns, machte hier seine Hausaufgaben, spielte oder chattete am PC, sah fern oder las irgendwelche Comics. Chris war belustigt, meinte aber auch zu mir, sobald er mich nervt, bräuchte ich nur ein Wort zu sagen, dann würde er mit ihm reden und ihn rausschmeißen. Aber tatsächlich hat Ethan mich kein einziges Mal genervt. Ich hab mir oft was von ihm erzählen lassen… von der Schule, von seinen Kumpels, seiner Lieblingsmusik. Mich hat das abgelenkt und auf andere Gedanken gebracht. Und Chris konnte ja wirklich nicht ewig bei mir rumhängen, der musste sich ja um alles andere bei uns kümmern und war froh, wenn er mich nicht allein in der Wohnung zurücklassen musste.

Es war seltsam - so viele unserer Freunde sind in der Zeit oft vorbeigekommen, nur um mal hallo zu sagen und nachzusehen, ob sie etwas für mich/uns tun können. Aber Ethan war - neben Eric, Ben und natürlich Chris - der Einzige, den ich tatsächlich jederzeit ertragen konnte.

10.07.2010 um 09:49 Uhr

TEST - Neuer Eintrag

von: Galahad

Werden neue Einträge hier nicht mehr angezeigt??? Traurig

09.07.2010 um 20:26 Uhr

Times Of Life

von: Galahad

Ich glaube, es gibt keinen besseren Titel, um die letzten Monate zu beschreiben. Times of life… es ist ein up und down im Leben, manchmal hat man gute Zeiten, manchmal keine guten. That's the way it is. 

Zwei Sachen vorab: 

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich über die letzten Monate und über das, was ich erlebt habe, hier überhaupt schreiben soll. Ich bin mir bewusst, dass manches davon sehr - sagen wir mal unglaubwürdig, wirr und verrückt klingen wird. Aber ich habe es so erlebt… und da dieser Blog ja immer so etwas wie mein Tagebuch war, gehört es also auch hierher. Ich nehme niemandem übel, wenn er nach dem Lesen den Kopf schüttelt und mich für durchgeknallt hält. Wahrscheinlich bin ich es ja wirklich *fg*… 

Der Eintrag wird - das weiß ich jetzt schon - seeeehr lang werden. Ich habe so vieles dazu im Kopf, aber das Schreiben strengt mich sehr an, ich kann mich nicht lange konzentrieren und auch nicht lange am Lappy sitzen. Deshalb werde ich einfach mal anfangen und fortlaufend erzählen, wie sich alles abgespielt hat. Nicht böse sein, wenn zwischen den Einträgen immer mal längere Pausen sind, ok? 

Ok - was ist also in den letzten Monaten passiert? 

Die Diagnose "Krebs" hat mich zunächst mal völlig aus den Schuhen gehauen. Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die so etwas cool und mit einem Schulterzucken wegstecken - ich zumindest mal gehöre nicht zu dieser Sorte. Ich habe eine ganze Palette an Emotionen durchlebt… Verdrängung ("ich bin nicht krank… wenn ich morgen wach werde, war alles nur ein böser Traum…"), Wut ("verdammt, warum ich?"), Angst ("…so viele Schmerzen… vielleicht muss ich sterben…") und dann wieder Trotz und Aufbegehren ("das wäre ja gelacht, so schnell kriegt mich niemand klein!"). Aber letztendlich hilft das alles nichts, man muss sich den Tatsachen stellen. 

Als ich mich also an den Gedanken gewöhnt hatte, habe ich beschlossen, absolut offensiv mit meiner Krankheit umzugehen. Das heißt, ich habe es all unseren Freunden, den Bekannten, Nachbarn und natürlich meinen Bandkollegen gesagt. Die Resonanz war - Wahnsinn! So viel entgegengebrachte Liebe, so viele Hilfsangebote und Versprechen, immer da zu sein, wenn etwas ist. Wenn sogar schon ein durch und durch tougher Mensch wie Melissa keine Worte mehr findet, sondern nur noch die Tränen losfließen - das geht bei. Manchmal musste ich die anderen trösten statt umgekehrt. 

Zwei Reaktionen möchte ich besonders erwähnen, weil sie irgendwie aus dem Rahmen fielen und gleichzeitig so typisch waren… 

Die erste kam von Eric. Wir hatten es an einem Abend Ben und Eric erzählt - und während bei Ben die Tränen kamen, sah Eric mich nur nachdenklich an und meinte dann: "Ok… wir übernehmen den Wochenendeinkauf und eure Wäsche. Den Einkaufszettel braucht ihr nur immer hier auf den Tisch zu legen, ich hole ihn mir dann. Und die Wäsche stellt ihr einfach unten in den Keller. Mit euren Geräten kennen wir uns ja gut genug aus (das stimmte allerdings, sie hatten zu der Zeit schon eine ganze Weile unsere Waschmaschine und den Trockner mitbenutzt, weil ihre kaputt waren und sie kein Geld für neue hatten *g*). 

Auf meinen Protest hin meinte Eric dann: "Danny, jetzt sei nicht dumm! Das sind doch die Dinge, die du bei euch meistens erledigst, und wahrscheinlich kannst du es bald nicht mehr, wenn die Chemo losgeht. Und Chris wird dann auch anderes zu tun haben. Wenigstens braucht ihr euch über so einen Mist dann nicht noch einen Kopf zu machen". Da hörte ich in jedem Ton seine Mum, wie sie immer sagt: "Los, beweg deinen Hintern - vom Reden wird die Welt nicht besser!". :-) 

Die zweite Reaktion kam - von Ethan. Das schreibe ich dann demnächst weiter… 

Passt auf euch auf!