Happy new year aus Fort Myers, Florida
Es ist mal wieder wie so oft… alles ganz anders als erwartet, sehr schön und lustig.
Wir sind in Fort Myers, hier lebt Chris’ Mum - oder sollte ich besser sagen, sie residiert? - in einem großen Bungalow mit Garten und Swimmingpool, Gärtner, drei Hausangestellten und einer großen Limousine mit Chauffeur.
Wir wurden vom Flughafen abgeholt, und auf der Fahrt hierher wäre ich am liebsten aus dem Auto gesprungen und abgehauen, aber Chris hat mich festgehalten, also musste ich sitzen bleiben. Dann sind wir hier vorgefahren - das Haus, die toll gepflegte Auffahrt, der Pool - oh weh. Ich bin ein echter Feigling, ich weiß es ja.
So eine Art Butler hat die Tür geöffnet, wir sind ins Haus gegangen, und da saß sie dann. Chris’ Mum. Mein erster Gedanke war: sie sieht aus wie Chris - oder natürlich umgekehrt, er sieht ihr sehr ähnlich. Die gleichen dunklen Augen, die gleichen schwarzen Haare, nur dass sie klein und feingliedrig ist (Chris ist 1,90 m). Chris umarmte sie und sagte "Hey, Mum, ich freue mich, dich zu sehen", und dann "schau, das ist mein Danny".
Sie sagt erst mal gar nichts und sieht mich einfach nur an. Vielleicht eine Minute, mir kam’s wie eine Stunde vor. Ich dachte, gleich geht ein Loch im Boden auf, in dem ich verschwinde, oder ich drehe mich auf dem Absatz rum und renne einfach weg. Habe ich natürlich nicht gemacht, sondern ich blieb stehen und sah sie auch einfach nur an. Blickduell.
Und dann lächelte sie plötzlich - ein wunderschönes Lächeln, sein Lächeln - und meinte: "Also dass ich von diesem Kerl keine Schwiegertochter und keine Enkel erwarten kann, weiß ich ja schon lange. Aber einen Herzenswunsch hat er mir erfüllt, so wie’s aussieht - ich hab immer gesagt, Junge, tu mir einen Gefallen und bring mir keine dieser Tunten (drags) hierher!" Ich musste unwillkürlich lachen, und sie lachte auch und sagte "du bist ein Prachtkerl, sehr hübsch, aber Gott sei Dank ein Mann" (also auf Englisch sagte sie "…but thanks to my god, you’re male"). Und dann stand sie auf, umarmte mich und sagte einfach "hi, Danny, welcome". Uff.
Sie ist wirklich cool, Chris’ Mum. Geistreich, ironisch und mit einer ganz speziellen, vielleicht etwas gewöhnungsbedürftigen Art von Humor. Wenn wir draußen andere Pensionäre aus der Nachbarschaft treffen, die in ähnlichen Häusern mit Pool und Bediensteten ihren Lebensabend verbringen, stellt sie mich als Chris’ Freund vor. Nicht "ein Freund von Chris", sondern "Chris’ boyfriend". Finde ich echt gut. Ich hab sie gefragt, was die Nachbarn denn dabei denken, da grinste sie und meinte: "Weißt du, Danny, die eine Hälfte dieser Greise ist schon so senil, dass sie das Denken vor langer Zeit vergessen hat. Und was die andere Hälfte denkt, geht mir einfach am Arsch vorbei." J
Übrigens heißt sie Gladys, so kann ich sie auch nennen. Als ich sie mit "Mrs. …" anredete, hat sie die Augen verdreht und gefragt, ob ich nicht gleich "Madam" oder "Mylady" sagen wollte. Nannte mir dann ihren Vornamen und fügte spöttisch hinzu "du kannst auch Mum sagen, aber irgendwie denke ich, dass dich das ein klein wenig überfordern würde". Ich mag ihre Art irgendwie, sie ist echt lustig.
Im täglichen Leben ist sie genauso chaotisch wie Chris. Wenigstens weiß ich jetzt, woher er das hat. Es ist unglaublich, wie viel Unordnung die zwei innerhalb von ein paar Minuten anrichten können. Wenn Gladys zu Luisa - das ist die eine Hausangestellte - sagt: "Ich brauche für heute Abend das und das Kleid", tut sie das wahrscheinlich in erster Linie, weil sie es selbst nicht finden würde. Und ob sie sich jemals mit sowas wie Haushaltsführung, Einkaufen und so befasst hat? Einkaufen - shopping, oh ja, Kleider, Schuhe, Taschen, aber z.B. was Essbares? Vorräte für Keller und Kühlschrank? Oh yes, Danny, dear, ich habe wunderbaren Champagner für Neujahr eingekauft. Das heißt dann, sie hat irgendwo angerufen, das Zeug wurde bis zur Haustür geliefert, der Butler hat es in Empfang genommen und kaltgelegt, und wenn die Dame des Hauses sich zurücklehnt und seufzt "und jetzt ein Glas Champagner", kriegt sie es serviert.
Chris hat gelacht, als wir darüber geredet haben, meinte aber, ich solle sie nicht unterschätzen. In ihrer Jugend hat sie es offenbar alles andere als leicht gehabt und sich ganz schön durchkämpfen müssen. Als sie dann aber als Broadwaytänzerin Fuß gefasst hatte, hat sie ganz gut verdient, und Chris’ Dad (der hat was mit Immobilien gemacht) hat auch einiges verdient und ihr vererbt, so dass sie sich jetzt dieses Leben leisten kann.
Und ein tolles Leben ist es schon! Hier kann man sich echt entspannen. Angenehmes Wetter, rundum bedient und versorgt - na, ja, ich hab so was halt noch nie erlebt, deshalb beeindruckt es mich wohl so. An einem der ersten Tage dachte ich vormittags, ich setze mich einfach mal ein bisschen raus an den Pool… kaum war ich da, kam der Gärtner um die Ecke gestürzt und hat schnell noch zwei nicht wirklich vorhandene Blättchen weggeharkt, damit auch alles makellos ist. Kaum war der dann weg, stand der Butler da und fragte, ob ich etwas zu trinken möchte. Ich war so überrascht, dass ich nur "ja, gerne" sagte, und der arme Kerl blieb stehen, wartete und fragte schließlich, was er mir denn servieren dürfe. Ich - etwas überfordert - "oh, bringen Sie einfach das, was Sie als erstes im Kühlschrank oder in der Bar finden" *grins*… armer Kerl. Hat dann ganz ratlos abgedreht und ist mit einem perfekt gemixten Cuba Libre auf Eis zurückgekommen. Chris hat sich gekugelt vor Lachen.
Um Gladys gerecht zu werden, muss man jedoch auch erwähnen, dass sie keineswegs nur egoistisch und selbstzufrieden in ihrem Luxus vor sich hin lebt. Sie ist - wie auch Chris - sehr sozial eingestellt und macht eine Menge for charity. Bei Chris habe ich ja schon mal erwähnt, dass er mit seiner Band schon oft umsonst aufgetreten ist; statt Eintritt sammeln sie dann Spenden für bestimmte Projekte, meist Kleiderkammern oder Essenstafeln für Bedürftige. Und Gladys hat mit einigen Bekannten einen Hilfsfonds gegründet, der Menschen in Not, vor allem Kinder, unterstützt. Sie finanzieren die notwendige ärztliche Versorgung von Kindern in Kriegs- oder Krisengebieten und organisieren in besonders schwierigen Fällen Operationen im Ausland einschließlich Unterbringung und Versorgung einer Begleitperson. Sie sammeln auch Geld für den Bau von Schulen und Lernmaterial. Klar, das sind alles Leute, die Geld haben, aber deshalb ist es trotzdem nicht selbstverständlich, dass sie es für andere ausgeben.
Vor Silvester haben wir lange überlegt, wie wir diesen Abend verbringen wollen. Jede Menge Feiern und Partys und Events in der Umgebung. Und plötzlich sagte Chris: "Danny, weißt du, was ich wirklich will? Hier bleiben, am Pool die Sterne angucken, etwas trinken und um Mitternacht mit dir auf das neue Jahr - unser neues Jahr - anstoßen". Er kann manchmal echt Gedanken lesen, mein Großer.
Genauso haben wir den Silvesterabend verbracht. Gladys war irgendwo eingeladen, die Hausangestellten hatten frei, wir waren also wirklich ganz allein. Haben draußen am Pool Rotwein getrunken, uns einfach nur festgehalten und die Zeit dahinfließen lassen. Und als um Mitternacht die Glocken zu läuten anfingen und das Feuerwerk begann, haben wir mit Champagner angestoßen. Wir sagten gleichzeitig "happy new year, I love you" - ja, und das war dann wieder so ein Moment wie kürzlich bei dem Spaziergang. Unwirklich schön und idyllisch. Soap.
Kann mich bitte jemand an diesen Augenblick erinnern, wenn die Konzerte übermorgen wieder losgehen, und ich allein in irgendeinem Hotel rumhänge, mit Melissa im Schlepptau, den Tag mit Warten verbringe und die Krise habe? Schade, dass man so ein Glücksgefühl nicht irgendwo einschließen und für den nächsten Bedarf aufbewahren kann. Aber eigentlich kann man es ja. Im Herzen. Und außerdem kann ich es ja nachlesen, wenn ich mich nicht mehr dran erinnern kann… ;)

Ich freu mich mit euch, und diese Momente des Glücks wirst du nicht vergessen, glaube mir ...
you\'re welcome... nix fremdfreu :)
Ich freue mich, dass du hier mitliest.
Chero: bitte nicht, wir sind doch nur ganz einfache Menschen, wer will sowas im Film sehen?
*knuddel*
wem ist nicht seltsam beim gedanken daran die mutter etc kennenzulernen;)aber das war bei dir fast völlig unbegründet- eine schöne positive überraschung..
Ach, ist das süß. Und dann auch noch in Ft. Myers, jetzt bin ich wirklich absolut neidisch. Da wollen Jens und ich irgendwann hinziehen und unser Rentnerdasein verbringen. Oder in Naples. Grüß mir die Sonne. Neujahrsküsschen von Expolina
Ein schönes Jahr möge euch geschenkt werden mit viel Kurzweil und Liebe
Unter uns: ich lese auch immer bei anderen die ersten Einträge - daran sieht man meistens, warum der Blog ursprünglich angefangen wurde!
Ein Buch *lach*... naja, ich höre öfter, ich sollte das alles verfilmen lassen. Aber wenn man es selbst erlebt, erscheint es gar nicht so toll und mitreißend - ich möchte diese Zeit damals im Jahr 2005 nicht nochmal durchmachen, glaub mir das!
Lieber Gruß an dich!
Danny
Ich hab auch mal angefangen hier zu lesen und mir gehts genau wie Shadowfax ..^^ ich wollte nicht mehr kommentieren, weil die Einträge schon so alt sind...aber ich kann gar nicht mehr aufhören zu lesen. Deine Geschichte ist so schön undich hab mir eben auch so überlegt, dass du ein Buch schreiben solltest...wie im Märchen :D
Aber wie ich auch schon zu Shadowfax gesagt habe: wenn man es jetzt liest, mag es sich spannend und dramatisch anhören... aber ich bin froh, dass ich diese Zeit hinter mir hab! ;-)
Lieber Gruß
Danny
PS: So zu leben wie Gladys es tut, würde mich wahrscheinlich genauso überfordern wie dich - wenn nicht sogar noch mehr!