ich bin mal wieder kurz davor, in die knie zu gehen. vor dem leben, dem sein, in anbetracht all dessen, was ich zu tragen habe, was war, ist und sein wird. das jahr zieht an meinem inneren auge vorbei. es war viel, kaum etwas ist geblieben. mal wieder hat sich jemand dezent ausgeklinkt, an dem mir - obwohl ich ihn nicht wirklich kannte - irgenwie viel lag. im hintergund läuft death of a clown. wie so oft.
viel zeit habe ich mit meiner therapeutin verbracht, und als ich sie am dringendsten brauchte, war sie nicht da. dissertation beendet, psychosomatik, medizinstudienplatz am wunschort. ich renne und renne und renne, und sobald ich stehen bleibe fällt mir die decke auf den kopf. ich ertrage mich nicht. manchmal mag ich mich, fühle mich wohl, aber das grundgefühl, nicht auf diese welt, nicht in dieses leben zu gehören, das blieb und bleibt. trotz therapie, trotz fortschritte, trotz allem. wie das weitergehen soll? ich weiß es nicht. vielleicht schaffe ich es über kurz oder lang, mich mit diesem gefühl zu arrangieren und mir dennoch ein schönes leben zu machen, es zu genießen, etwas zu erreichen, das mich dauerhaft stolz macht, erfüllt.
vorgestern habe ich jemanden getroffen, den ich seit zwanzig jahren kenne. er kam zu meinen eltern, die besuch hatten, der das enkelkind dabei hatte, um seinen sohn zu holen. lange, lange, lange hatte wir uns nicht gesehen. viele jahre. ein blick hat gereicht und wir lagen uns in den armen. einer der seltenen momente, die ich niemals vergessen werde. dieses gefühl, diese wiedersehensfreude, die alte vertrautheit.
mit einem sack gemischter gefühle bin ich heute, einen tag später als geplant, wieder nach hause gefahren. und als ich die stadtgrenze querte hatte ich zum ersten mal das gefühl, hier zu hause zu sein, hier hinzugehören. wohlgefühlt habe ich mich hier schon immer, das zuhause-gefühl hat sich heute erst eingestellt. ich glaube ich fange an, wurzeln zu schlagen. das erste mal. das erste mal an einem fleck von dem ich weiß, dass ich noch viele jahre an ihm bleiben werde. und will. zwar vermischen sich auch hier vergangenheit, gegenwart und zukunft, aber mit einem teil meiner vergangenheit habe ich hier abgeschlossen. sie ist und bleibt hier, hat aber nichts mehr mit meinem leben zu tun. ich habe es geschafft, den schlußstrich zu ziehen, einen schlußstrich, der unverrückbar ist, bleibt. ein teil der gegenwart wurde zur vergangenheit, ist abgehakt. ich bin zwar immer mal wieder traurig darüber, aber letztendlich hatte ich nie eine chance, und wenn ich mich auf den kopf gestellt hätte. alles, was ich gemacht habe, war falsch, aus der perspektive, die nicht die meine ist, es nie war. ich habe gelernt.
es war das jahr, in dem ich gelernt habe, meiner therapeutin zu vertrauen, trotz allem, ich habe gelernt, begriffen, dass sie da ist, egal was ich mache. sie ist da, bleibt da. erfolgreich introjiziert. sie steht mir so nahe, wie kein anderer mensch es tut, ich liebe diese frau und ich weiß, sie wird bleiben. ein seltsames gefühl, völlig ungewohnt, aber es ist so.
ich habe viel gemalt, diverse menschen enttäuscht, mich erfolgreich zurückgezogen, ohne besonders glücklich damit zu sein, habe vieles in neue bahnen gelenkt, vieles abgestreift, beibehalten, verändert, hingenommen, angeschaut, gesehen, ich habe vieles nicht wahrgenommen, habe diverses wieder vergessen, habe gelernt hinzusehen, wahrzunehmen, zu analysieren und dennoch ist mir so vieles entgangen. das leben, mein leben, ist etwas höchst seltsames, etwas, das ich wahrscheinlich niemals begreifen werde. ich denke das einzige, das ich tun kann, ist - hoffentlich irgendwann mal aus überzeugung heraus - mich zu arrangieren, meinen frieden zu schließen mit diesem seltsamen etwas namens leben.
vielleicht ist doch mehr geblieben, als ich dachte.