grenzwandel

29.05.2010 um 17:48 Uhr

immer weiter

von: grenzgaenger   Kategorie: blick nach vorne

ich wabere so vor mich hin. es geht mir zwar langsam besser, aber die schwankungen sind immer noch da, werden wohl noch eine weile bleiben. die trauerfeier am mittwoch war furchtbar, aber ich war da, und das war für mich so unglaublich wichtig. einerseits auf meine art abschied nehmen und mir nochmal bewusst machen, sehen, was passiert ist. andererseits musste ich ihn sehen. und ich habe ihn gesehen und wusste sofort, dass er es schaffen wird. er wird es schaffen, sein leben und das der kinder neu zu sortieren, zu organisieren, das beste daraus zu machen. er wird die kraft haben, das weiß ich seit mittwoch. er hat keine einzige träne vergossen; sah unglaublich fertig, mitgenommen und müde aus, bisweilen auch verständnislos, aber er hat keine träne geweint. war mit den kids beschäftigt, auf der trauerfeier für seine frau, die nun nicht mehr da ist.

er sucht intensiven kontakt zu mir, per mail, per telefon und persönlich. will reden, gehalten werden, braucht eine schulter zum anlehnen. ich habe ihm meine angeboten, und er nimmt sie in anspruch.

das wichtigste für mich ist  jetzt erstmal, mich von allen aufkeimenden hoffnungen - so furchtbar das klingt - freizumachen. ich werde für ihn da sein, aber ich werde dabei bei mir, im hier und im jetzt bleiben und ich will und werde versuchen, keinerlei erwartungen und hoffnungen daran zu knüpfen. das ist das allerwichtigste, sonst ist die nächste katastrophe vorprogrammiert. bei mir bleiben, meinen weg weitergehen, mein ding machen. ruhig und gelassen bei mir bleiben und auf mich zukommen lassen, was auch immer da kommen mag. und das ist das schwerste, die unsicherheit. sie macht mir angst, überfordert mich, reißt mir immer wieder den boden unter den füßen weg, den ich mir dann mühsam wieder zurechtzimmern muss. aber es geht. weil ich es will. und muss. für mich. für mich alleine, nur für mich. 

gestern habe ich es mit viel kraft geschafft, eine ganze menge zu lernen, obwohl es mir relativ schwerfällt. meine konzentration ist fast gleich null. nebenher läuft noch der umzug, ich sitze quasi auf gepackten kisten, morgen kommen meine eltern zum streichen. auch wenn mich die organisiererei viel kraft kostet, wie momentan eigentlich alles, sie lenkt mich ab und macht mir spaß. vorgestern habe ich fast den ganzen nachmittag im baumarkt verbracht, ihn weitgehend leergekauft, ein vermögen liegenlassen. dafür bin ich jetzt im besitz einer menge schöner und wahnsinnig nützlicher dinge. zum beispiel eine rote bananenpflanze. oder softunterlegscheiben für möbel auf laminat. hundeelend teure, aber geniale wandfarbe. inbus-schlüssel größe 4 und 5, tesa powerstripes (ich liebe diese dinger), putzzeug noch und nöcher, very sophisticated stuff, etc. pp. und heute war ich gleich nochmal da, weil ich natürlich die hälfte der wirklich wichtigen dinge vergessen hatte. umzugskartons zum beispiel, plane zum möbel abdecken, holzlasur. frauen und baumarkt, ich sags ja.

jetzt habe ich ca. zwei drittel meines hab und guts eingepackt und nun kommt der schrank dran. ölen, bretter bekleben, damit sie sich in zukunft besser abwischen lassen, bad putzen. so wurschtel ich also vor mich hin, während die zeit an mir vorbeizieht und die grausame realität ihren weiteren lauf nimmt.

26.05.2010 um 14:08 Uhr

trauerfeier

 

das wird der schwerste gang meines bisherigen lebens. ich habe angst, nackte, blanke angst. vor der ersten begegnung mit ihm, vor der wucht der erkenntnis, die sich in der kirche mit gnadenloser sicherheit einstellen wird, vor der zukunft. nichts wird jemals wieder so sein, wie es mal war. die realität ist grausam.

22.05.2010 um 21:53 Uhr

sprachlos

 

ich bin geschockt, paralysiert, völlig lahmgelegt. seit gestern bin ich zwar wieder in der lage, tagsüber wenigstens zu lernen, aber davon abgesehen geht gar nichts. am schlimmsten sind die abende, wenn ich keine kraft mehr habe, zu verdrängen. wenn langsam aber sicher in mein bewusstsein tröpfelt, was passiert ist und was das bedeutet. ich kann es nicht fassen, nicht verstehen. das ist der albtraum, von dem ich mir immer gewünscht habe, er möge bitte, bitte niemals eintreten, auch wenn ich diesen gedanken nicht bewusst gedacht habe.

ich wollte ihn immer zurück, irgendwann, irgendwie. vielleicht. aber nicht so. niemals, niemals, niemals war das auch nur ein gedanke, niemals. sowas passiert nicht. allerhöchstens im film, aber nicht in der realität. sowas darf nicht passieren, und erst recht nicht, wenn dann zwei kleine kinder ohne mutter dasitzen.

WARUM??? warum in aller welt musste dieser furchtbare unfall passieren, WARUM??? W-A-R-U-M??? warum? eine sekunde lang zur falschen zeit am falschen ort, und das war's. einmal an der tür zögern, weil das telefon klingelt, einmal mehr dem kleinen den aufgegangenen schuh zubinden, zweimal niesen, einmal umdrehen und der eigenen mutter zuwinken, all das hätte gereicht. und so entscheidet eine sekunde, entscheidet jede sekunde über leben oder sterben.

und warum in aller welt war er geschäftlich im ausland, warum? was hat er getan, um so, um so dermaßen bestraft zu werden, zu spät zu kommen, noch nicht mal am bett seiner sterbenden frau stehen zu können, die beiden kinder auf der pädiatrischen, während ein paar türen weiter ihre mutter den kampf verliert. und er nicht da. was um himmels willen ist da schiefgelaufen, was?

und ich? ich fühle mich alleine, einsam, völlig hilflos. ich will reden aber ich kann nicht. und ich vermisse schon jetzt die unbeschwerte zweisamkeit die wir hatten, wenn wir uns getroffen haben. nichts, gar nichts wird jemals wieder so sein, wie es mal war.

er nicht. und ich auch nicht.

19.05.2010 um 20:06 Uhr

freud & leid.

von: grenzgaenger   Kategorie: blick nach vorne

 

freud und leid liegen manchmal so unglaublich nah beieinander. heute erreichte mich die nachricht vom unfalltod eines menschen, der selber mir zwar nicht besonders nahe stand, ihr mann jedoch umso mehr...

und gleichzeitig ist jetzt so gut wie in trockenen tüchern, dass ich ab ende juni doktorandin in einem unglaublich interessanten und wissenschaftlich anspruchsvollen projekt in der neuropsychiatrie sein werde...