grenzwandel

09.07.2008 um 16:35 Uhr

telefonat mit muttern

 

wie schön. es gibt mal wieder ein grund, sarkastisch zu werden. nicht, dass ich zwingend gründe dafür bräuchte, nein, aber man sollte die gelegenheiten nehmen, wie sie kommen. heute aus der rubrik geschichten, wie sie nur das reale leben zu schreiben imstande ist. hauptdarsteller: der mittlerweile tote enge freund no. 1 der familie sowie der wahrscheinlich bald tote enge freund no. 2 der familie.

freund no.1 bekam vor nunmehr sieben monaten die diagnose bronchialkarzinom im endstadium, dauerhafte überlebenschance gleich null, kurzfristige bei nicht mehr als vier monaten. er ist zäh, hat sieben monate durchgehalten. die letzten zwei wochen seines siechtums fristete er - bis einschließlich letzten freitag - im hospiz.

freund no.2 ist der beste freund von freund no.1, hartgesottener raucher seit lebzeiten, ex-zungenboden-karzinom-patient, nicht aus der ruhe zu bringen und ganz offensichtlich durch nichts aus den latschen zu kippen. huch, kippen. wie passend an dieser stelle. sehr zäh also, der werte herr.

bis letzten montag. der tag, an dem besagter freund no.2 freund no.1 im hospiz besuchen durfte. mit betonung auf im hospiz. im gespräch mit eben jenem, also mit freund no. totkrank, als dieser ihm sein schicksal klagte und gestand, er habe angst, fiel freund no. ex-totkrank nichts besseres ein als den an dieser stelle als absurd zu bezeichnenden spruch das wird schon anzubringen. das muss man sich mal auf dem zungenboden zergehen lassen. ach nein, entschuldigung, wie gedankenlos von mir. woraufhin freund no.1 ausrastete - woher in aller welt hatte er diese kraft? - und freund no.2 des sterbezimmers verwies. was wiederum dazu führte, dass dieser sich derart aufregte, dass der herzinfarkt keine stunde auf sich warten ließ und nun liegt freund no. eigentlich-ex-totkrank seinerseits totkrank auf der intensivstation im koma.

gestern wurde freund no.1 begraben (warum in aller welt wusste ich eigentlich nichts davon, fällt mir so ganz nebenbei ein?). die überlebenschance von freund no.2 wurde vom diensthabenden chefarzt als relativ gering eingestuft.

 

 

ps: lieber w.,

rest in peace, mach dir den himmel zueigen, du wirst da oben freunde finden, die dich genauso lieb haben wie wir hier unten. du warst ein klasse kerl; danke für die zeit, die wir mit dir verbringen durften. und jetzt: tief ein- und wieder ausatmen. das dürfte ja jetzt kein problem mehr sein.

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenameparia schreibt am 09.07.2008 um 16:46 Uhr:Ist das die Situation, in der ich dran bin, dir zu sagen: "ruf an, nur keine falsche Scheu"..?

    Ich denke an dich, Liebes.
  2. zitierengrenzgaenger schreibt am 09.07.2008 um 16:50 Uhr:sagen wir mal so: ich ringe ein wenig um fassung. und um diesem ringen die krone aufzusetzen, werde ich mich jetzt mit einer zigarrette auf den balkon verziehen. ich sags ja. es ist mal wieder zeit, sarkastisch zu werden. ich hab dir übrigens grad ne pn geschrieben.

    danke. momentan ziehe ich es vor, zu schweigen.
  3. zitierenameparia schreibt am 09.07.2008 um 16:59 Uhr:Pn schon beantwortet :).

    Tief ein- und ausatmen. Ich schick dir ein paar Sonnenstrahlen rüber, die hier eben durch die Wolkendecke lugten.
  4. zitierenargh schreibt am 09.07.2008 um 17:50 Uhr:das leben ist zuweilen grausamer, als man denkt...aber DIE geschichte ist wirklich die härte...
  5. zitierenpicture_it schreibt am 09.07.2008 um 17:57 Uhr:Dieser Satz, den Du hier zitiert hast, fällt sehr häufig in ähnlichen Situationen - und zwar immer dann, wenn Menschen hilflos sind und nicht wissen, was sie sagen sollen, weil sie sich - zumeist - auch lieber nicht wirklich mit dem Sterben auseinandersetzen wollen.
    Ich höre sehr häufig, wie Angehörige Sterbenden - oder aber auch Menschen, die einfach den Wunsch äußern, zu sterben, antworten: "Aber xxx!!! Sowas darfst du nicht sagen! Du MUSST doch stark sein!"

    Wenn ich dann Gegenteiliges tue und mit den Betroffenen darüber spreche, wie es sein könnte, jetzt zu sterben und ihnen deutlich sage, dass ich ihren Wunsch sehr gut nachvollziehen kann, dann sind sie erleichtert, reden darüber, vertrauen mir - während die Angehörigen seltsam berührt und hilflos daneben stehen...

    Urteile nicht so hart, liebe Grenzgängerin - übe ein wenig Nachsicht. Er wird genau das gewesen sein - der Mann mit dem Zungengrundkarzinom - der vermutlich vorher schon ein Problem hatte, sich der Welt und dem Leben zu stellen - denn seine Diagnose geht zu 90% mit einem extremen C2 - Abusus einher - ängstlich und hilflos - dem Sterben gegenüber...

    Liebe Grüße,
    S.
  6. zitierengrenzgaenger schreibt am 09.07.2008 um 18:16 Uhr:ich weiß, liebe p_i S., ich weiß. ich mache dem freund no.2 keinen vorwurf, nicht im mindesten, und auch ich höre und sehe immer wieder, das eben solche, der hilflosigkeit geschuldete, gedankenlose sätze fallen. ich habe über lange zeit die gesamte palette eben solcher situationen mitbekommen, da ich fast während meines gesamten studiums nebenher in einem altenpflegeheim gejobbt habe. jeder hat seine art, mit hilflosigkeit umzugehen, meine ist der sarkasmus oder wahlweise der zynismus. ich glaube, das lässt sich nicht verhehlen. vielleicht habe ich einfach auch eine etwas andere art, über den tod und das sterben nachzudenken, als schwerst egoistische, seelen- und persönlichkeitsgestörte biploare borderlinerin (...). huch, da isses wieder. du merkst: auch ich bin hilflos angesichts dieser situation. danke für deine lieben worte, s.
  7. zitierenpicture_it schreibt am 09.07.2008 um 18:20 Uhr:*lacht* na da haben wir ja nun sämtliche Klischees auf dem Tisch und können uns vergnügt damit beschäftigen ;-)

    Liebe Frau Dr. Grenzgängerin - tief Luft holen und dann einmal lächeln (noch besser wäre ein befreiendes Lachen) - mit mir gemeinsam - komm!
  8. zitierengrenzgaenger schreibt am 09.07.2008 um 18:28 Uhr:;-) gerne picture, nur zu gerne. lachen tut gut, und auch im angesicht des (klischeehaft) grausamen lebens - ach warte: ich muss noch die rasierklingen wegräumen, es haben sich gerade nicht genügend menschen um mich gesorgt, aber jetzt bist du ja da, und ne kippe holen - gibt es nichts besseres. also. auf die plätze, fertig - drei!
  9. zitierenpicture_it schreibt am 09.07.2008 um 18:33 Uhr:Ok - Moment! Ich muss mein Helfersyndrom noch aus der Tasche holen! Bin gleich zurück...

    ;-)
  10. zitierengrenzgaenger schreibt am 09.07.2008 um 18:51 Uhr:sei vorsichtig. wir sind nicht therapier- und damit nicht heilbar. ganz sicher nicht. völlig ausgeschlossen. ich werde dich gnadenlos und egoistisch mißbrauchen, in das gerüst meiner realität einbauen, dich mit deinen eigenen waffen schlagen und wenn du nicht springst wenn ich jemandes sorge brauche, die wilkinson-produkte bemühen. ach und ich muss noch kurz meiner heißgeliebten, im urlaub weilenden therapeutin schreiben und ihr sagen, dass sie sich keine weitere mühe machen muss. dass sie mir bisher geholfen hat, war wohl doch eher einbildung. ich hatte da wohl was verwechselt. ich werde mich ab jetzt meiner schwer gestörten persönlichkeit hingeben, und du picture_it, bist bereits mitten drin ;-). also haste jetzt dein helfesyndrom endlich zur hand?
  11. zitierenameparia schreibt am 09.07.2008 um 18:53 Uhr:Seid ihr mir böse, wenn ich kurz ein Schmunzeln einwerfe...?
    ; )
  12. zitierengrenzgaenger schreibt am 09.07.2008 um 18:55 Uhr:warte! ich hole die rasierklingen doch wieder aus dem schrank. weil das geht dann doch zu weit. schmunzeln? im angesicht einer derart verkorsten seele??? aber ame, wie kannst du nur, wie... wie... ich bin erschüttert. ER-SCHÜT-TERT!
  13. zitierenameparia schreibt am 09.07.2008 um 18:56 Uhr:oh mein gott. was hab ich getan? WAS? ich halte die schuld nicht aus.
    adieu, liebe welt!
  14. zitierenpicture_it schreibt am 09.07.2008 um 18:57 Uhr:Ich finde es nicht! (schöne Scheiße!)
    Wie mache ich es Dir nur klar?
    Also - äääh - ich - äääh - Moment! Eine Idee!
    ICH schalte als erstes mal den frisch kalibrierten Monitor auf s/w und versuche, meine Kommunikation mit Dir auch darauf zu polen.

    (Jetzt ist aber gut - ich muss essen und mir was anziehen - ich habe kalte Füße ;-))) )
  15. zitierengrenzgaenger schreibt am 09.07.2008 um 19:04 Uhr:der auf s/w gepolte monitor ist der brüller des tages! nein. der woche! großartig. und jetzt geh was essen und sieh zu, dass du deine kalten füße loswirst. jajajaja, helfersyndrom aber hauptsache kalte füße bekommen. immer das selbe. warte ame, ich komme mit.
  16. zitierensternenschein schreibt am 10.07.2008 um 03:38 Uhr:Freund Zungenunterunterbodenherzinfarktabususkarzinom hatte aber nicht unrecht, obwohl er es so wohl nicht gemeint hatte.
    Denn wie man sieht ist es ja schon geworden* Und bei ihm wird es scheinbar auch werden. Jedenfalls früher oder später. Stimme da Picture_it voll zu, obwohl manche Sterbende es auch nicht wissen wollen, dass es so ist. Gut, dann sollte man es wohl auch nicht sagen.
    Dein letzter Absatz im Text gefällt mir, so wird es sein, er wird seine Freunde um sich haben und wieder, wenn wohl auch auf eine andere Art, atmen können.
    Liebe Grüsse

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