Endlich weiß ich, wie ein Löwe oder anderes Großwild sich fühlen muss, wenn es gejagt wird. Adrenalin pumpt durch den Körper, der Jäger ist einem mit List und Tücke, vor allem aber mit einer Großkaliberwaffe auf den Fersen. Der Löwe schlägt Haken, rennt und wetzt; immer aber die Gewissheit im Kopf, dass er gejagt wird, dass da einer hinter ihm her ist, der ihn haben will. Zwar lieber tot als lebendig, aber immerhin.
Woher ich das weiß? Ganz einfach, weil ich mich wie das genaue Gegenteil fühlen durfte. Ein kleines Häschen, dass -sozusagen als besonderen Service- schon das eigene abgezogene Fell zu Markte trägt. Das froh sein muss, wenn jemand sowas haben mag. Kein Adrenalin, keine Jagd. Bittebitte machen.
Das Einzige, was die beiden Szenarien gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass es ein Jäger ist, der Löwe und Häschen zu dem macht, was sie sind. Ein Headhunter. Witzig nur, dass ein und dasselbe Wort so gegenteilige Bedeutungen haben kann. Der Löwenjäger will den Löwenkopf für die Kaminwand in der Bibliothek, der Headhunter- oder seriöser- Personalberater will Deinen Kopf meist gar nicht, Du fühlst Dich nur kopflos, wenn er mit Dir fertig ist.
Eines Vorweg: Ich werde gleich versuchen nicht bitterlich verallgemeinern! Aber ich bin verdammt wütend. Ich weiß aber auch, dass bei weitem nicht alle Headhunter oder Personalberater unseriöse, menschenverachtende, unehrliche Schleimer sind. Natürlich nicht! Ich habe selber Menschen dieses Berufsstandes im Freundeskreis und komme blendend mit ihnen aus. Was ich sagen will: Es gibt wohl in keinem anderen Beruf so viele so schwarze Schafe. Eine Kostprobe davon hatte ich wieder mal vor zwei Wochen.
Da hat mich ein Headhunter angeschrieben, nein ich muss schon fast sagen angemacht, um mir zu sagen wie ausgezeichnet er mein Profil findet, das wäre genau das, was sein Kunde suche, nein, welch Glücksfall, dass ein Professional wie ich verfügbar sei. Um im Szenario zu bleiben: Da hab ich mich noch gefühlt wie Großwild, mindestens Big 5. Ich war sehr geschmeichelt und hab meine Mähne geschüttelt. Gemeldet habe ich mich aber erstmal nicht, denn das kam mir doch sehr übertrieben und damit etwas unseriös vor. Denn das Anforderungsprofil für den Job war - da muss man ehrlich sein- doch eine Nummer zu groß für mich. Dann ging die Jagd los. Mails, mindestens zwei am Tag. Anrufe auf dem Handy, sogar am Wochenende. Irgendwann bin ich dann mal ans Telefon gegangen, um mir die Sache doch anzuhören.
Ohne, dass es jemand verlangt hätte, hat dieser Mensch angefangen mir in den schönsten Farben auszumalen, dass er ja drauf wetten würde, dass genau ich die Richtige für die offene Stelle sei, dass wir das bei den Verhandlungen mal mindestens 10 % mehr rausschlagen könnten, bei meinem Fell, äh Verzeihung, meiner Berufserfahrung. Schließlich suche man bereits seit über einem halben Jahr nach dem passenden Mitarbeiter. Er kläre jetzt mal alles ab, dann würden wir einen Termin für ein Vorstellungsgespräch ausmachen -alles natürlich nicht wirklich erforderlich, denn der Kunde kann ja nur mich nehmen. Er melde sich zwei Tage später.
Eine Woche später habe ich dann mal nachgefragt, wie es denn nun aussieht. Ich wollte einfach wissen, ob der Verantwortliche denn auch meine Herrlichkeit erkannt hat. Haha. Da hat sich die Situation gedreht. Auf meine Nachricht auf der Mailbox habe ich nie eine Antwort erhalten. Auf meine E-Mail (zwei Tage später), die auch gelesen wurde, auch nicht. Gestern kam dann eine Mail von der Assistentin der Assistentin dieses Jägers. Der Kunde habe das Anforderungsprofil so drastisch verändert, dass man nun doch gezwungen sei, in einem ganz anderen Pool nach dem geeigneten Kandidaten zu suchen. Aha. Nach einem halben Jahr fällt denen das so einfach ein.
Ich habe ihm eine sehr höfliche E-Mail geschrieben und ihn um weiteres Feedback gebeten bzw. gefragt, wie es denn zu so einem Missverständnis kommen konnte. Außerdem musste ich loswerden, dass ich mich über den erbetenen Rückruf oder die kurzfristige Beantwortung meiner E-Mail doch sehr gefreut hätte. Ich habe tatsächlich eine Antwort erhalten. Telefonisch wurde mir höflich mitgeteilt, es täte ihm sehr leid, dass ich nicht in den Kandidatenpool passe (ach, jetzt auf einmal doch nicht?). Es wäre nur leider gängige Praxis in den Personalabteilungen renomierter Firmen nur auf Kandidaten zurückzugreifen, die noch nicht lange arbeitslos sind. Bitter aber wahr, ich sei nun mal mittlerweile "beschädigte" Ware. Er könne meine Verzweiflung ja verstehen. Wenn er mir nur einen Rat geben dürfe: Das sei übrigens ein ganz schlechtes Parfum.
Nochmal: Er ist auf mich zugekommen, nicht umgekehrt. Ich habe nur um ein Feedback und eine Wasserstandsmeldung gebeten, die er nicht wie zugesagt von sich aus gegeben hat.
Nicht, dass ich nicht mit sowas gerechnet hätte. Aber diese Art ist nicht nur unprofessionell. Das ist grob unhöflich und menschenverachtend.
Was war ich kleines Häschen gestern froh, dass ich keine Schrotflinte zur Hand hatte.
HATARI!