Marillion Teil III
Stimmung: 1985
Mit Dreiteilern ist es ja so eine Sache... Den ersten schreibst du mit links, den zweiten brauchst du einfach, weil du im ersten Teil so viele Dinge nicht untergebracht hast, aber beim dritten, da hab ich Angst, da gibts eine Erwartungshaltung, da will man punkten, pointieren, die Sache zu Ende bringen, ne Klimax muss her, herrje, dabei habe ich noch nicht ein Wort über Marillion selbst gesagt, geschweige denn all die Andeutungen erklärt, und die Geschichte mit Max hatte unendlich viele Höhen und Tiefen, unmöglich die alle zusammenfassen...
Fangen wir mal bei einer wichtigen Korrektur an: Ich habe Marillion's Musik in einem anderen Eintrag als 'Depri-Mucke' bezeichnet. Das ist so nicht ganz richtig. Marillion ist, so sehe ich das zumindest aus meinem erwachsenen Blickwinkel, eine Band, die den Spagat zwischen Depression und Melancholie spielend meistert. Wäre die Musik durch und durch von melancholisch-süßem Sirup geprägt gewesen, hätte sie mich nicht erreicht. Bei konsequenter depressiver Bitterkeit hätte sie mich getötet.
So schwebte ich ab Sommer 1985 Nacht für Nacht auf einem Gefühl, das mich trug, ohne dass ich es spürte. Ich schwebte durch die 'Script for a Jester's Tear', etwas weniger begeistert durch die 'Fugazi' und last but ganz sicher nicht least durch eine 'Misplaced Childhood' - und oh Gott, wie treffend, wie ungeheuer prophetisch dieser Titel auf mich passte, wenn ich mir diese Anmerkung gestatten darf.
Vor einem Jahr ging Fish mit dieser Platte nochmal auf Tour. Wir dachten zuerst, dass er vielleicht ein paar Titel davon spielen wird, nicht mehr nicht weniger - aber nein, er hat sie von vorne bis hinten durchgespielt. Ich stand mit geschlossenen Augen an der Wand und sah mein Kinderzimmer, den schwarz lackierten Tisch, die Bücherregale, den in einen Kleiderschrank integrierten Schreibtisch, die roten Vorhänge, ich sah die Schatten, hörte die Geräusche, die übertönt wurden von dem kleinen Kassettenrecorder, in dem unermüdlich die Kassette spielte, auf deren eine Seite Max mit einer erstaunlich mädchenhaften Schrift 'Marillion - MC' notiert hatte und auf deren anderen 'Dire Straits - MfN' stand.
Ja, die Money for Nothing, die hat mich damals nicht so sehr geflasht - für mich der Beweis, dass es nicht ausschließlich an Max lag, dass ich Nacht für Nacht auflag und Marillion hörte.
Aber der Zusammenhang mit Max ist natürlich keinesfalls zu leugnen. Aber auch Max schaffte einen Spagat spielerisch: Den zwischen Traurigkeit und Coolness. Und das ist - wie ich finde - im Alter von 15/16 nicht leicht. Max hatte einen leichten russischen Akzent, ganz ganz leicht, er rollte das r und suchte manchmal nach Worten, was aber auch daran liegen konnte, dass er so wenig sprach. Bei der Nachtwanderung zum Beispiel sprach er kein Wort. Er hatte mir den Walkman aufgesetzt und lief lächelnd neben mir. Nachdem das Lied zu Ende war, nahm ich die Kopfhörer ab und fragte: Was war das? Da wies Max nur auf sein ausgebleichtes T-Shirt, und das war es erstmal mit Konversation. Aber wir hatten ja noch vier Tage. Und wie es auf solchen evangelischen Fahrten so ist, wurde auch noch viel diskutiert, so über Gott und Jesus und so, und Max sagte auch ein paar Sachen, und beim Essen schauten wir uns manchmal an, d.h. genau immer dann, wenn er zu mir rüberschaute, denn ich konnte fortan kein Auge mehr von ihm lassen. Wir haben uns noch oft getroffen, Max und ich. Er schenkte mir Marillion-Kassetten, und er schwänzte mit mir ab und zu den Unterricht. Und er nahm mich auch mit zu sich nach Hause, wo ich seinen kleinen Bruder kennen lernte. Seine Mutter sagte am Ende meines Besuchs etwas auf russisch zu ihm. Er brachte mich nachdenklich schweigend nach Hause und vor meiner Haustür sagte er:
"Meine Mutter hat etwas über dich gesagt."
Meine Romantik-Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Ich rechnete mit dem Lob meiner Schönheit, meines Lächelns, meiner lieblichen Art, meiner Paßgenauigkeit in Max' Leben.
"Was denn?" fragte ich atemlos.
"Nun. Man kann das Wort nicht genau übersetzen. Aber sie sagte mir, du seist... Mmh... Am besten trifft es 'scheu', aber da ist auch 'ängstlich' drin und 'verletzt'." Er überlegte kurz, ob er weiter sprechen sollte, sagte dann aber doch nach einem tiefen Atemzug:
"Und dass ich gut auf dich aufpassen soll, hat sie gesagt."
Oh. Ich wusste nicht, ob ich das hatte hören wollen. Aber Max passte wirklich auf mich auf. Und jedes Mal, wenn wir uns sahen, lächelte er mich mit dieser Mischung aus Traurigkeit, Spott und solidarischer Verachtung an.
Ich lächelte jedes Mal tapfer wie beim ersten Mal zurück. Was blieb mir auch anderes übrig? Das, wonach ich mich in seinen Augen sehnte, war lange nicht da, und als es auftauchte, da habe ich es nicht mehr sehen können.
Aber wichtig war er, mein Max, und ich denke voller Liebe und mit großer Zärtlichkeit an ihn, wo immer er jetzt sein mag...
And still the child,
'Cos the only thing misplaced was direction
And I found direction.
There is no Childhood's End.
There is no Childhood's End.
Cos' you are my childhood friend.
Cos' you are my childhood friend.
Oh lead me on.
