Man hört nur mit dem Herzen gut.

24.03.2008 um 12:36 Uhr

Grün und grau, jetzt wirklich Teil III

von: sunnysightup   Kategorie: Growing up?

Stimmung: 2003

Ich bin ein unflexibler Mensch. Zurückhaltend bis reglos. Fürchterlich unspontan. Vielleicht sollte ich die Vergangenheitsform verwenden. Vielleicht bin ich das alles nicht mehr, vielleicht war es auch nur. Wer weiß das schon. Jedenfalls hab ich Blockaden. Also richtige, bis heute ungelöste Blockaden. Nee, Blockaden, sag ich Euch, Blockaden, an denen sich so mancher Psychotherapeut  die Zähne ausgebissen hat. Naja, einer vielleicht nicht, aber der hatte beneidenswert gute Zähne, doch das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll.

Derartige Blockaden sorgen einerseits dafür, dass ich auf keinen Fall zu so einem LyrikkackmitSoßeKonzert will. Das heißt, ich will natürlich zu GAR keinem Konzert, zu keinem zumindest, was mir nicht auf dem Marktplatz vor die Füße fällt oder von musikkundigen Verehrern in die Ohren gestopft wird. Ich will mich nicht bewegen. Nein. Keinen Schritt. Denn jeder könnte mein letzter sein. Mit einer solchen Einstellung erlebt man nicht viel, aber das Leben schickt einem ungeflügelte Engel mit babyblauen Augen und gutem Karma, die einen lange genug bearbeiten, und Gott hat mir (herzliches Gottseidank auch) darüber hinaus äußerst differenzierte Blockaden geschenkt. Andererseits nämlich habe ich einen wirklich ausgprägten Harmoniezwang, der mich grundsätzlich vom NEIN sagen abhält.

'Nein' sagen. Kann ich nicht. Kann ich gar nicht. Damit das keiner merkt, beweg ich mich nicht (oha, die Kreise schließen sich) und schaue gelangweilt. Ok, ich weiß immer noch nicht, was Angelina bewegt hat, sich in mir festzukrallen mit ihren sanften Pfötchen, aber sie hat es getan, und auch, wenn ich mich noch aufbäumte und mit Krankheit meiner Tochter aufwartete, so zog diese Tour bei Angelina nicht, die mich sehr bestimmt und sehr konkret wissen ließ, dass das Konzert ohne mich nur halb so viel wert wäre für sie. Warum bloß, warum? Ich weiß es bis heute nicht.

Also zogen wir los, an diesem Mittwoch im August. Angelina strahlte mich über alle Backen an, als ich in ihr klappriges Auto stieg. Ich strahlte nicht zurück. Ich machte mir tatsächlich Sorgen um meine Tochter. Gut, 38.5 ° war nicht die Welt, sie schlief, der Papa war da, aber trotzdem. "Ich bin zu alt für den Scheiß", dachte ich noch, als Angelina die Anlage volle Lotte aufdrehte und nicht minder heftig aufs Gas trat. "Was mach ich bloß hier?"

Die Fahrt plätscherte. Plätscherte vor sich hin, Angelina plätscherte, um genau zu sein. Bei mir plätscherte gar nix. Ich versuchte, freundlich zu sein, und schaffte es wohl auch, aber in mir tobte ein Sturm (aufgemerkt: schon wieder ein Sturm), ein Sturm gegen mich selbst, gegen den Sommer, die Sonne, die Leichtigkeit.

Irgendwann kam der Zeitpunkt, wo man auf Autofahrten schweigt. Wir lauschten der jüngsten Armyplatte und der Sturm wich einem lauen Lüftchen. Und je weiter wir fuhren, umso bunter schimmerte der Horizont. Zartlila Wolken türmten sich an beiden Seiten der Sonne, die sich langsam, ganz langsam, in eine rotglühende Kugel verwandelte und aus dem Himmel ein Inferno machte. Wir sprachen nicht mehr. Eine Stunde lang sahen wir einem Spektakel zu, was ich nie wieder seitdem so habe sehen dürfen. Von überall kamen Wolken angeschwommen, aber keine schob sich vor die Sonne. Als seien himmlische Bühnenarbeiter unterwegs, die ganz allein für uns Kulissen schoben, allein für die zwei Mädchen, jawohl Mädchen, die zum Konzert fahren, zum Red Sky (!) Coven Konzert.

Die meisten Wolken hatten diese fette Zuckerwattekonsistenz. Zum anfassen. Zum draufliegen. Zum kuscheln. Es gab orangene Zuckerwatte, fliederfarbene, rostrote und taubenblaue. Es gab sie in pink und hellrosa, in gelb und hellbraun. Und dahinter färbte sich der Himmel von blau über lila zu purpur. In all diesen Farben erstrahlte der Horizont, in den wir direkt hineinfuhren, in dem klapprigen roten Auto mit der scheppernden Anlage, so lange, bis alles nur noch in einem leuchtenden scharlachroten Schleier aufflammte.

Als wir in Trier ausstiegen, dauerte es eine Weile, bis wir wieder Atem zum Sprechen hatten. Angelina sprach als erste. Sie hatte einen Plan. Sie wollte unbedingt in der ersten Reihe sitzen. Unflexible und unspontane Menschen sitzen bekanntlich nicht in der ersten Reihe. Sie könnten erstens viel mehr mitgerissen werden und zweitens veranstalten Künstler schon mal diese Erste-Reihe-muss-dran-glauben-Verarsche-Miteinbeziehung, oh mein Gott, nicht auszudenken. Aber Angelina ging noch weiter. Sie wollte sich für die rote Glitzerkerze revanchieren, hatte eine neue gekauft, eine kleine Blumenkerze mit selbst angeklebten Glitter, und die wollte sie auf die Bühne stellen, bevor das Konzert begann.

Mannomann, ich muss schon sagen, die Frau hatte ja dermaßen Eier in der Hose, sie machte das tatsächlich. Während immer mal wieder ein Roadie über die Bühne stiefelte, Instrumente begutachtete, Barhocker verrückte, sprang sie plötzlich wie der Blitz auf, rannte zu einem kleinen Tischchen an der Seite auf der Bühne, stellte ihre Kerze da ab und kam mit knallrotem Kopf zu mir in die erste Reihe (iiiiiik) zurück. Immerhin war sie rot geworden, ansonsten hätte ich an ihrer Sterblichkeit gezweifelt.

Es war so weit. Ich konnte mich zwar immer noch nicht so recht mit den Gedanken anfreunden, dass ich jetzt gleich ein LyrikkackmitSoße-Konzert hören werde, aber immerhin war ich jetzt neugierig geworden.

Die Vier betraten die Bühne. Während Rev einen netten Folksong darbot, saßen Joolz, Bret und Justin an dem kleinen Tischchen und bestaunten die Kerze. Sie lächelten sich ratlos an und zuckten die Schultern. Angelina gluckste und ich – offen gestanden – auch. Das fing ja wunderbar an. Dann las Joolz einen ihrer Texte. Sie tat es sehr humorvoll und charmant und lebensnah. Lustig war’s und unterhaltsam. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht. Justins Blicke waren so liebevoll, wenn er seine Frau ansah. Rev und Bret grinsten manchmal wissend und lachten sich immer wieder spitzbübisch zu. Musik. Immer wieder Musik. Coverversionen. Folk. Johnny Cash. Justins Gitarre. Brets Bass.  Joolz’ Geschichten. Das Tambourin. Bongos. Die Bühne barst vor Liebe.

Justin sang nicht. Das störte mich ein bisschen. Aber nur ein bisschen. Mir ging es gut. Ich hatte alles um mich herum vergessen. Joolz erzählte eine Geschichte von ihrer 16jährigen Tochter. Sie tat es mit so viel Gefühl, dass mir Tränen in die Augen schossen. Und dann sang Justin. Er sang „Here Comes the War“. Er sang es ganz allein. Zornig wie immer. Und irgendwann sang er „War“. Er hielt den Ton. Hielt ihn und hielt ihn. Zugegeben, sie haben ordentlich Hall draufgelegt. Aber nicht auf jede Stimme kann man Hall drauflegen und solche Effekte erzielen. Die Stimme traf mich mitten im Kopf. BAMM! Ich ergriff Angelinas Hand, die sich leise zu mir rüber geschlichen hatte. Wir waren allein in der Dunkelheit mit einer zornigen Stimme, die uns voll und ganz ausfüllte.

Nach dem Konzert ging Angelina rum und war das, was sie nun mal war: Fröhlich und kontaktfreudig. Sie kaufte T-Shirts und Bücher und plauderte nett. Ich saß völlig verballert in der Ecke und stieß Zigarettenqualm aus.

Auf der Heimfahrt gab es Sterne. Was sonst. Meine Tochter hatte durchgeschlafen und war am folgenden Morgen fieberfrei. Und ich? Ich zehrte mindestens drei Wochen von der Energie, die an diesem Abend floss. Sie ist bis heute nicht ganz aufgebraucht…