Klassik, die zweite...
Ein Weltorchester. In einer Weltstadt. Mit Weltmännern. Und Weltfrauen. Parkett. Dritte Reihe. Sackig teuer. Ballkleider. Hüte. Frisuren. Lippenstift. Alles vom feinsten. Ich? Mittendrin. Klaro. Mitten rein zwischen die feinen Leut', kenn ich nix! H&M-Weste? Deichmann-Pumps? Ach, drauf geschissen sag ich, drauf geschissen. Guckt eh keiner genau hin, und wers tut, solls tun. Mir doch "wumpe", wie mein Freund Kawuppke sagen würde, von dem wir bis heute nicht wissen, warum er so genannt wird. Wir vermuten, dass er es selbst nicht weiß, dass es ihm aber auch wumpe ist, Kawuppke ist so ziemlich alles wumpe. Und mir? Mir im Grunde nicht. Mein Fehler ist, dass ich alles viel zu ernst nehmen und ich gebe es zu: Ich fühlte mich klein. Klein und üsselig, wie der Rheinländer sagt. "Der grausige Fund" würde Lorelei es nennen, sie bringt die Dinge immer so schön auf den Punkt, das muss man ihr lassen. Jawohl. Wie der grausige Fund fühlte ich mich, als ich mit meinen improvisierten Haaren und meiner Riesen-Esprit-Handtasche zwischen der Créme-de-la-Créme saß und verstohlen-verloren auf den leeren Platz neben mir linste. Mein Partner hatte Rücken. Und fiel aus. Merkwürdig, neben ihm hätte ich mich wieder weltmännisch gefühlt. Klassik. Mein Metier. Das alte Spiel. Weltorchester tritt auf. Setzt sich. Dirigent kommt. Lässt'se aufstehen. Alles klatscht in der richtigen Reihenfolge. Musik spielt auf. So isses. Das alte Klassik-Rein-Raus-Spiel. Hier rein, da raus.
Was dann geschah:
Sssssssssssssssst. Mein Musiknerv wurde getroffen. Mitten rein. Volle Breitseite. Bei Mendelssohn gings noch. Aber Beethoven. Mensch der Beethoven. Und meine Fresse, das Orchester. Menschen gehen in ein ausverkauftes Klassikkonzert, um ihre Garderobe zu präsentieren? Sollen sie!
Meinem Musiknerv ist das offensichtlich, äh,..., na? Sagen wir es gemeinsam: "Wumpe!" Danke Musiknerv. Danke Weltorchester. Danke Beethoven. Gänsehäute jagten mir den Rücken hinunter und wieder hinauf. Der Dirigent ein Meister. Ein Derwisch. Ein Mensch mit wirrem Haar und Charisma (sieht man oft zusammen), der sowohl den Komponisten als auch seine Musiker liebte, und dieser Liebe mit wunderbaren Gesten, Verrenkungen und einer überaus abwechslungsreichen aber authentischen Mimik Ausdruck verlieh. Die fünfte. Ausgerechnet die fünfte. Die Geigen weinten, die Bässe pulsierten, die Flöten zirpten, die Pauke dröhnte, ein Meer, ein Meer von Musik floss durch mich hindurch und Tränen kullerten meine Backen herab. Als ich verstohlen in meiner Esprit-Tasche nach Zellstoffresten kramte, sah ich mich um. Und ich sah lächelnde, gerührte, staunende Menschen unter den teuren, extravaganten, knitterfreien Hüten, Frisuren und Stoffen - was für eine Freude. Der Funke war gezündet und von "ernster Musik" konnte keine Rede mehr sein. Schade, dass es nicht anhielt. Schon an der Garderobe war der Zauber gebrochen.
Am Anfang war das Wort? Ach hört mir doch auf. Am Anfang war Musik. So war das. Und nicht anders.
