Man hört nur mit dem Herzen gut.

19.11.2008 um 11:46 Uhr

Die allzu oft geflickten Flügel

Mal wieder war es Angelina, die mir den Weg zu einem Musiker wies, der ein Lied geschrieben hat, das, seit ich es kenne, mein Leben beeinflusst. Positiv natürlich. Angelina ist der positivste Mensch, den ich kenne.

Wir saßen mal wieder in dem klapprigen, roten Golf. Sie legte ein CD ein. Und bat mich die Klappe zu halten. Beleidigt schwieg ich. Die Musik begann mit süßen Gitarrenklängen, ploing-ploing-ploing, ich bin ja eher Fan von Martialischem, Bombastischem, Zornigem. Nettes läuft im Hintergrund. Easy-Listening. Nee, da hör ich nicht hin. Ich hing meinen Gedanken nach und schaute in das graue Novemberwetter vor vier, nee, vor drei Jahren. Regentropfen liefen die Scheibe entlang, sie zogen ihre Bahnen, mal nach rechts, mal nach links, im Hintergrund eine angenehme Männerstimme, ein Liedermacher, nett, wirklich sehr nett, irgendwie passte die Musik zu den Regentropfen, ploing ploing ploing, tropf tropf tropf, Mutter gab uns ihre Tränen und machte uns ein Zuckerbrot sang der Mann melancholisch, und dass das Gras immer wieder wächst, bis die Sensen ohne Hass ihre Kreise ziehen. Und dann wächst es wieder, so sang er, das Gras, und es klammert all die Wunden zu.

Dass ich weinte, merkte ich erst, als von allzu oft geflickten Flügeln die Rede war. Sie wurden in den Schrank gestopft, weil wir endlich alt genug waren. Ich weinte und synchron mit den Regentropfen, bahnten sich meine Tränen einen Weg nach unten, sie flossen durch die sanften Hügel meines Gesichts, tropften in meinen Kragen, der sie aufsog, um daraufhin in der trockenen Heizungsluft des kleinen roten Golfs zu trocknen.

Immer wieder wächst das Gras.


Ein Lied, dessen Bedeutung mir immer neu bewusst wird. Dessen Bedeutung sich immer neu erschließt. Dessen Bedeutung so vielschichtig ist, dass es mir niemals langweilig wird.

Dieses Lied wird mir bis ans Ende meines Lebens etwas bedeuten.

 

 

07.11.2008 um 11:27 Uhr

Sentimental

Jörg, mein Joe Jackson-Mann, hat heute geheiratet. Eine tolle Frau. Ein schönes Paar. Da saßen sie und sagten Ja. Und ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Die alten Tage machen sentimental. Mitte Dreißig und nie Taschentücher dabei.

Hey, ihr beiden. Ein schönes Leben. Mit allem drum und dran. Strahlt weiter so.

Schnüff.

 

07.11.2008 um 00:57 Uhr

Wenn du etwas an dir entdeckst, was du lieber nicht herausgefunden hättest

von: sunnysightup   Kategorie: Studentenjahre

Ich saß auf Axel Müllers Bett, als ich das Lied zum ersten Mal hörte. Es war ein großes Bett, zwei mal zwei Meter, jawohl, es nahm das halbe WG-Zimmer ein, und das tat es nicht umsonst, wahrhaftig nicht, denn Axel Müller war ein Womanizer vor dem Herrn, worin ich ihm als Man-Eater(in, öhöm) in nichts nachstand. Axel Müller hatte tatsächlich einen Narren an mir gefressen. Er war an diesem Abend extra früher von einer Party wieder zurückgekommen (auf die ich ebenso extra nicht mitgekommen bin, man weiß schließlich, wie man sie kriegt, schon wieder öhöm) und Axel sah mich und lächelte sein Habicht-Lächeln auf mich herab, dieses unwiderstehliche schiefe Lächeln mit den zwei spitzen Eckzähnen. "Scheiße, ich hab dich vermisst", sagte er, woraufhin ich mein Luchslächeln zu ihm herauflächelte. Der Habicht und der Luchs. Ein schönes Paar. Wir hatten uns nun schon seit einigen Monaten umkreist, Körperflüssigkeiten ausgetauscht und nichts preisgegeben. Ein Teil in mir jubelte, er hatte mich vermisst, und nicht nur das, er gab es auch noch zu. Ein anderer Teil fiel in sich zusammen. "Bald", dachte ich, "wird das schöne Spiel ein Ende haben. Sein Habichtlächeln wird keines mehr sein. Seine Augen werden sich mir öffnen, ich werde hinter den Vorhang schauen und mich enttäuscht zum Ausgang begeben." Axel schlenderte während meiner ketzerischen Gedanken zum CD-Turm, der knapp die zweite Hälfte seines Zimmers in Anspruch nahm und sich in einem lila-metallic-farbenen Riesenkühlschrank befand.

Und dann kam es, es begann leise, unheimlich intensiv, einfach und kompliziert zugleich, tiefgehend, Axel schlenderte bei den Worten You're just like an angel, Your skin makes me cry mit zwei Bierflaschen in einer Hand auf mich zu zündete mit der anderen eine Kerze neben seinem Bett an, als sie You're so fucking special sangen, er küsste mich bei I don't care if it hurts, streichelte mein Haar als der Sänger mit I wanna have control fortfuhr, und der Moment, in dem die Kerze leicht zu flackern begann, wurde von den Worten I don't belong here begleitet. "I'm a creep", sang der Sänger wieder und wieder voller Inbrunst, "I'm a weirdo." Ich fühlte Axels raue Lippen auf meinem Mund, meinen Wangen, meinem Hals, ich spürte, dass etwas Entsetzliches geschehen würde, ... She's running out the door

She's running out


She run run run run...


run...

 

What the hell am I doing her? 

Das Salz meiner Tränen konnte Axels vehementer Zunge, die mit der eingehenden Erforschung meines Gesichts beschäftigt war, nicht entgehen. Er stutzte und sah mich an.

Männer können bei Tränen genau richtig und genau falsch reagieren. Ok oder geht so gibt es nicht.

Axel fragte: "Was'n los?"

Ich rannte. Rannte so schnell ich konnte. Raus. Aus der Tür. Ohne Jacke. Ohne Schuhe. Im Winter. Scheiße. I'm a creep. Was soll man machen...