Man hört nur mit dem Herzen gut.

23.12.2009 um 20:23 Uhr

One in a Million...

Seitdem ich diesen Bürojob mache, habe ich nochmal viel über den Trieb der Menschen gelernt, an der Oberfläche herumzudümpeln. Sie erzählen Blödsinn den halben Tag. Mein Gott, wie sehr ich hoffe, dass sie es wirklich nur den halben Tag tun, aus Angst, auf der Arbeit zu viel von sich preiszugeben. Den anderen halben Tag lauschen sie vielleicht in sich hinein. Fragen sich, was sie hier auf der Welt tun. Wen sie lieben. Und auf welche Weise. Vielleicht, ja vielleicht schauen diese Menschen, nachdem sie den halben Tag über Urlaube, EDV-Probleme und das Wetter geredet haben, in den Himmel in die Wolken und bauen an ihrem Märchenschloss. Vielleicht suchen sie Gott. Oder die all erlösende Energie.

Vielleicht.

Aber sie tun es nicht auf der Arbeit.

Als ich mal wieder in einem Raucherpäuschen mit den Mädels zusammenstand und immerhin die letzte Karnevalsparty der Firma Thema war, stand sie da, die kleine Studentin aus der Materialkammer, die immer so ätherisch lächelt. Mit ihren rausgewachsenen Rastas sah sie aus wie 16, war aber schon 10 Jahre älter. Sommersprossen, große durchscheinende Augen und ganz still. Wir haben uns ab und zu zugegrinst. Irgendwie wissend. Aber wir wussten nicht wirklich warum. 

Als man die Zigaretten ausdrückte, blieb ich noch. Helenas Selbstgedrehte mit Hanfblättchen dauerten immer ewig. Ich steckte mir noch eine an und leistete ihr Gesellschaft. Sie rauchte genüsslich und sagte beläufig zum Aschenbecher gewandt: "Kennst du das Gefühl, wenn die Zeit irgendwie langsamer zu laufen scheint."

Ich starre sie an. Sie hebt schüchtern den Blick. Wir schauen uns an. Und dann entscheide ich in Sekundenschnelle, die Wahrheit zu sagen: "Ja. Das Gefühl kenne ich. Ich habe darüber sogar ein Gedicht geschrieben." Helena lächelt entgeistert: "Ich auch."

Seitdem sind wir unzertrennlich, Helena und ich. Wir sitzen in der Kantine und philosphieren. Über Raum. Über Zeit. Über Jetzt, dessen punktuelles Licht die Strahlen des Gestern und des Morgen bündelt. Wir philosophieren über Religion. Über die Liebe zwischen den Menschen. Das Schreiben, die Macht der Worte, die aus unseren Herzen fließen. Dabei lachen wir über unsere Sentimentalität und unser Durcheinander. Letztens standen wir am frühen Abend lachend am Kaffeeautomat in der Kantine, in dessen Display das schöne Wort 'HELP' aufleuchtete. Wie auf Kommando sangen wir lauthals besagtes Lied von den Beatles. Dass um die Ecke noch zwei Leutchen saßen, die als sie uns sahen, nur die Köpfe schüttelten, ließ uns zwar knallrot anlaufen, hielt uns aber nicht vom Lachen ab.

Neben all dieser Philosophiererei verbindet uns noch etwas: Musik.

Und Helena brachte eine neue Band in mein Leben. Verrückt. Durchgedreht. Irgendwie stylish. Und experimentell.

Im ersten Moment mochte ich sie. Im zweiten Moment trug sie mich. Im dritten Moment lächelten wir uns an, die Musik und ich.

Ich laufe mit ihr durch den Schnee und lächel, obwohl mir seit Tagen nicht nach Lächeln ist...

Coco Rosie. Rainbowarriors.