Grün und Grau, Teil II
Stimmung: 2000
Justin Sullivan.
Dieser Name stand vor ca. acht Jahren mit Edding auf einem selbst gebasteltem Plakat hinter der ebenfalls mit Edding hingepinselten Uhrzeit 15.00. Ort? Der Marktplatz einer recht kleinen Stadt im Rheinland.
Hallo? Was stimmt hier nicht? Justin Sullivan? 15.00? Marktplatz?
Das musste ein Scherz, mindestens ein Irrtum sein. So dachten wohl viele, denn um 14.45 war kein Schwein da. Also schon ein paar Leutchen, aber die standen um die Bierrondells in der Mitte des Marktplatzes etwa 200 m von der Bühne entfernt, was wohl auch dem strömenden Regen geschuldet war. Die Bühne war ein kleines Bretterding, es war hell, es war ein stinknormaler Tag, alle benahmen sich wie immer, niemals, keinesfalls konnte gleich mit dem Held meiner Jugend zu rechnen sein.
PLOING.
Ein Griff in die Gitarre.
Und da stand er. Stand einfach so rum. Zweihundert Meter Luftlinie von mir entfernt, mit nichts und niemandem außer ein paar dicken Regentropfen zwischen uns. Schon wieder Regen.
Verschiebung in der Matrix...
Wenn zwischen Bühne und Bier zweihundert Meter liegen, kennt der Rheinländer ja nix. Er bewegt sich kein Stück. Keiner rührte sich. Und weil ich mir schon die ganze Zeit eingeredet hatte, dass heute keineswegs etwas außergewöhnliches passieren wird, rührte ich mich auch nicht. Keiner wollte dieses kleine Wunder anerkennen, keiner sah das Licht, und entsprechend wäre man sich äußerst seltsam vorgekommen, wenn man nun als einzige völlig außer sich geraten wäre.
PLÖÄNG!
Der nächste Griff. Mein Freund lächelte mir aufmunternd zu. Sein Kopf machte einen leichten Kick Richtung kleines Bretterding. Sozusagen eine Aufforderung quer durch den Regen.
Ok.
Zögerlich gingen wir nach vorne. Als einzige. Vor dem kleinen Bretterding. Wie zwei Kleinkinder im Zoo standen wir da und hielten uns an den Händen. Schauten Justin, der immer noch mit Gitarre stimmen beschäftigt war, mitten ins Gesicht.
Er guckt kurz hoch. Sagt hallo zu den Rheinländern und spielt.
Fragt mich nicht, welches Lied. Keine Ahnung, keinen verdammten blassen Schimmer, was er spielte. Es war völlig surreal, ich hörte die Gitarre und hörte sie wieder nicht, die Stimme erreichte mein Ohr und irgendwie auch wieder nicht. Mein Gott, es ist schon schwer genug, die Nacht zu pflücken, versucht das mal mit dem frühen Nachmittag...
Schon das zweite Lied. Ich habe vergessen zu klatschen. Scheiße.
Fieberhaft denke ich nach. Irgendwas muss ich doch jetzt tun. Verdammt. Raste aus, Sunny, klatsch in die Hände, gröl, schwing die Hüften, wipp mit dem Fuß, rühr den kleinen Finger, IRGENDWAS!! Nein. Wie angewurzelt stand ich da. Mit Beton übergossen.
Und dann?
Vagabonds. Die ersten Klänge.
Ich reiß, .. nein, ich hab gar nichts gerissen, meine Hände sind wie von selber in mein Gesicht gesprungen, an beide Wangen, meine Augen gehen auf, weit auf, ich quietsch, so laut, mitten in die Gitarrenklänge: "Oh mein Gott! OH MEIN GOTT!!!"
Und das hatter gesehen der Justin. Gehört wahrscheinlich nicht. Aber er war nah genug, um es von meinen Lippen zu lesen. Und dann hat er was gemacht, was ich nie vergessen werde.
Er hat mich angelächelt. Mich ganz allein. Und den Kopf geschüttelt hat er. Wahrscheinlich auch aufgrund der Skurrilität der Situation. Und dann hat er gesungen. Ich bin sicher, nur für mich.
Und so komisch ist es dann DOCH wieder nicht, wenn man als einzige völlig außer sich gerät.
Ich möchte hiermit nochmal betonen, dass ich Midnight bin, keinesfalls Afternoon, aber die Sekunde, in der man glaubt, der Rockstar schaue einem direkt in die Augen, die hat lang gedauert an diesem verregneten Nachmittag in einer kleinen Stadt im Rheinland.
We are old, we are young
We are in this together
Vagabounds and children (are)
Prisoners forever
With pulses a-raging
And eyes full of wonder
Kicking out behind us again

Da kriegste ja verdammtes Herzrasen bei der Story... einatmen, ausatmen... puh... und von tief unten, innen drin kam sogar was hoch in mir... fast schon ein leises - wohl eher lautes - Tränchen.
Ich bin sicher, Du hast keinen blassen Schimmer, wielange er spielte, die Erde stand still... ich spürs.
schön, dass du mitfühlst!