Man hört nur mit dem Herzen gut.

15.09.2008 um 01:44 Uhr

Klassik, die zweite...

Ein Weltorchester. In einer Weltstadt. Mit Weltmännern. Und Weltfrauen. Parkett. Dritte Reihe. Sackig teuer. Ballkleider. Hüte. Frisuren. Lippenstift. Alles vom feinsten. Ich? Mittendrin. Klaro. Mitten rein zwischen die feinen Leut', kenn ich nix! H&M-Weste? Deichmann-Pumps? Ach, drauf geschissen sag ich, drauf geschissen. Guckt eh keiner genau hin, und wers tut, solls tun. Mir doch "wumpe", wie mein Freund Kawuppke sagen würde, von dem wir bis heute nicht wissen, warum er so genannt wird. Wir vermuten, dass er es selbst nicht weiß, dass es ihm aber auch wumpe ist, Kawuppke ist so ziemlich alles wumpe. Und mir? Mir im Grunde nicht. Mein Fehler ist, dass ich alles viel zu ernst nehmen und ich gebe es zu: Ich fühlte mich klein. Klein und üsselig, wie der Rheinländer sagt. "Der grausige Fund" würde Lorelei es nennen, sie bringt die Dinge immer so schön auf den Punkt, das muss man ihr lassen. Jawohl. Wie der grausige Fund fühlte ich mich, als ich mit meinen improvisierten Haaren und meiner Riesen-Esprit-Handtasche zwischen der Créme-de-la-Créme saß und verstohlen-verloren auf den leeren Platz neben mir linste. Mein Partner hatte Rücken. Und fiel aus. Merkwürdig, neben ihm hätte ich mich  wieder weltmännisch gefühlt. Klassik. Mein Metier. Das alte Spiel. Weltorchester tritt auf. Setzt sich. Dirigent kommt. Lässt'se aufstehen. Alles klatscht in der richtigen Reihenfolge. Musik spielt auf. So isses. Das alte Klassik-Rein-Raus-Spiel. Hier rein, da raus.

Was dann geschah:

Sssssssssssssssst. Mein Musiknerv wurde getroffen. Mitten rein. Volle Breitseite. Bei Mendelssohn gings noch. Aber Beethoven. Mensch der Beethoven. Und meine Fresse, das Orchester. Menschen gehen in ein ausverkauftes Klassikkonzert, um ihre Garderobe zu präsentieren? Sollen sie! 

Meinem Musiknerv ist das offensichtlich, äh,..., na? Sagen wir es gemeinsam: "Wumpe!" Danke Musiknerv. Danke Weltorchester. Danke Beethoven. Gänsehäute jagten mir den Rücken hinunter und wieder hinauf. Der Dirigent ein Meister. Ein Derwisch. Ein Mensch mit wirrem Haar und Charisma (sieht man oft zusammen), der sowohl den Komponisten als auch seine Musiker liebte, und dieser Liebe mit wunderbaren Gesten, Verrenkungen und einer überaus abwechslungsreichen aber authentischen Mimik Ausdruck verlieh. Die fünfte. Ausgerechnet die fünfte. Die Geigen weinten, die Bässe pulsierten, die Flöten zirpten, die Pauke dröhnte, ein Meer, ein Meer von Musik floss durch mich hindurch und Tränen kullerten meine Backen herab. Als ich verstohlen in meiner Esprit-Tasche nach Zellstoffresten kramte, sah ich mich um. Und ich sah lächelnde, gerührte, staunende Menschen unter den teuren, extravaganten, knitterfreien Hüten, Frisuren und Stoffen - was für eine Freude. Der Funke war gezündet und von "ernster Musik" konnte keine Rede mehr sein. Schade, dass es nicht anhielt. Schon an der Garderobe war der Zauber gebrochen. 

Am Anfang war das Wort? Ach hört mir doch auf. Am Anfang war Musik. So war das. Und nicht anders.

 

Kommentare zu diesem Eintrag:

  1. zitierenSeren_a schreibt am 15.09.2008 um 07:54 Uhr:Ja, das Wort ist ganz bestimmt gesungen! :-) Und alle Planeten singen... ich hab CDs davon, genial...
    Lieben Gruß und danke für die schöne Unterhaltung, das war wirklich genüsslich. :-)
  2. zitierenlady_bright schreibt am 15.09.2008 um 08:41 Uhr:Hach, wie schön! Mein Musiknerv mag Händel oder Bach.

    'Am Anfang war Musik.', das glaube ich auch. Und am Ende ist es doch wieder die Musik, die alles tausendmal besser ausdrückt als alle Worte.
  3. zitierenwindkraft schreibt am 15.09.2008 um 13:04 Uhr:Nee, also Fräulein Sunny, jetzt muss ich wirklich mal sagen: Was für ein Geniestreich!
    "Das alte Klassik-Rein-Raus-Spiel" - großartsch! Oder auch: "Ein Mensch mit wirrem Haar und Charisma (sieht man oft zusammen)" - nicht nur eins-a gereimt, sondern ich hab mich auch noch komplett weg geschmissen! (Eigentlich hasse ich diese Gag-Wiederholer, aber in diesem Fall muss es einfach sein!)
    Danke für diese wunderbaren Momente und einen verstohlenen Kuss aufs wirre Haar
  4. zitierensunnysightup schreibt am 15.09.2008 um 14:41 Uhr:@serena: du hast cds, auf denen planeten singen? mannomann, und ich schreib hier über ein olles orchester...

    @lady_bright: händel und bach sind auch was ganz feines. und siehste: musik war nicht nur am anfang, sondern auch am ende. da schließen sich die kreise.

    @windkraft: ich nehme die blumen und den kuss mit einem artigen knicks entgegen. und gag-wiederholer sind durchaus schmeichelhaft, also zumindest für die quelle (*kicher)

    liebliche grüße an euch alle (bin immer noch ein bisschen klassisch drauf, geht aber ins barocke, wegen der vielen donuts, die ich gegessen habe, werde ich wirr? die frisur sitzt zumindest...)
  5. zitierensternenschein schreibt am 19.10.2008 um 01:23 Uhr:Liebe Sunny,
    sollen sie doch, mit ihrer Mode, mit ihren Ballkleidern.
    Damit hört man auch nicht besser, und Musik geht durch jedes Kleidungsstück, wenn sie denn ins Herz und Seele trifft.
    Dieses war hier ja der Fall.
    Und kannst mir vertrauen, sie hätte sich kein Deut anders angehört in einem Ballkleid. Wirklich nicht.
    Am Anfang war Musik, am Ende auch. Es ist alles Musik, nur wir wissen es nicht. Musik und Licht, mehr nicht.
    Liebe Grüsse
    sternenschein

Diesen Eintrag kommentieren

Bitte beachte: Gästebucheinträge in diesem Weblog werden erst nach Freigabe durch den Autor angezeigt.