Wenn du etwas an dir entdeckst, was du lieber nicht herausgefunden hättest
Ich saß auf Axel Müllers Bett, als ich das Lied zum ersten Mal hörte. Es war ein großes Bett, zwei mal zwei Meter, jawohl, es nahm das halbe WG-Zimmer ein, und das tat es nicht umsonst, wahrhaftig nicht, denn Axel Müller war ein Womanizer vor dem Herrn, worin ich ihm als Man-Eater(in, öhöm) in nichts nachstand. Axel Müller hatte tatsächlich einen Narren an mir gefressen. Er war an diesem Abend extra früher von einer Party wieder zurückgekommen (auf die ich ebenso extra nicht mitgekommen bin, man weiß schließlich, wie man sie kriegt, schon wieder öhöm) und Axel sah mich und lächelte sein Habicht-Lächeln auf mich herab, dieses unwiderstehliche schiefe Lächeln mit den zwei spitzen Eckzähnen. "Scheiße, ich hab dich vermisst", sagte er, woraufhin ich mein Luchslächeln zu ihm herauflächelte. Der Habicht und der Luchs. Ein schönes Paar. Wir hatten uns nun schon seit einigen Monaten umkreist, Körperflüssigkeiten ausgetauscht und nichts preisgegeben. Ein Teil in mir jubelte, er hatte mich vermisst, und nicht nur das, er gab es auch noch zu. Ein anderer Teil fiel in sich zusammen. "Bald", dachte ich, "wird das schöne Spiel ein Ende haben. Sein Habichtlächeln wird keines mehr sein. Seine Augen werden sich mir öffnen, ich werde hinter den Vorhang schauen und mich enttäuscht zum Ausgang begeben." Axel schlenderte während meiner ketzerischen Gedanken zum CD-Turm, der knapp die zweite Hälfte seines Zimmers in Anspruch nahm und sich in einem lila-metallic-farbenen Riesenkühlschrank befand.
Und dann kam es, es begann leise, unheimlich intensiv, einfach und kompliziert zugleich, tiefgehend, Axel schlenderte bei den Worten
You're just like an angel, Your skin makes me cry mit zwei Bierflaschen in einer Hand auf mich zu zündete mit der anderen eine Kerze neben seinem Bett an, als sie You're so fucking special sangen, er küsste mich bei
I don't care if it hurts, streichelte mein Haar als der Sänger mit I wanna have control fortfuhr, und der Moment, in dem die Kerze leicht zu flackern begann, wurde von den Worten I don't belong here begleitet. "I'm a creep", sang der Sänger wieder und wieder voller Inbrunst, "I'm a weirdo." Ich fühlte Axels raue Lippen auf meinem Mund, meinen Wangen, meinem Hals, ich spürte, dass etwas Entsetzliches geschehen würde,
... She's running out the door
She's running out
She run run run run...
run...
What the hell am I doing her?Â
Das Salz meiner Tränen konnte Axels vehementer Zunge, die mit der eingehenden Erforschung meines Gesichts beschäftigt war, nicht entgehen. Er stutzte und sah mich an.
Männer können bei Tränen genau richtig und genau falsch reagieren. Ok oder geht so gibt es nicht.
Axel fragte: "Was'n los?"
Ich rannte. Rannte so schnell ich konnte. Raus. Aus der Tür. Ohne Jacke. Ohne Schuhe. Im Winter. Scheiße. I'm a creep. Was soll man machen...
