Man hört nur mit dem Herzen gut.

07.11.2008 um 00:57 Uhr

Wenn du etwas an dir entdeckst, was du lieber nicht herausgefunden hättest

von: sunnysightup   Kategorie: Studentenjahre

Ich saß auf Axel Müllers Bett, als ich das Lied zum ersten Mal hörte. Es war ein großes Bett, zwei mal zwei Meter, jawohl, es nahm das halbe WG-Zimmer ein, und das tat es nicht umsonst, wahrhaftig nicht, denn Axel Müller war ein Womanizer vor dem Herrn, worin ich ihm als Man-Eater(in, öhöm) in nichts nachstand. Axel Müller hatte tatsächlich einen Narren an mir gefressen. Er war an diesem Abend extra früher von einer Party wieder zurückgekommen (auf die ich ebenso extra nicht mitgekommen bin, man weiß schließlich, wie man sie kriegt, schon wieder öhöm) und Axel sah mich und lächelte sein Habicht-Lächeln auf mich herab, dieses unwiderstehliche schiefe Lächeln mit den zwei spitzen Eckzähnen. "Scheiße, ich hab dich vermisst", sagte er, woraufhin ich mein Luchslächeln zu ihm herauflächelte. Der Habicht und der Luchs. Ein schönes Paar. Wir hatten uns nun schon seit einigen Monaten umkreist, Körperflüssigkeiten ausgetauscht und nichts preisgegeben. Ein Teil in mir jubelte, er hatte mich vermisst, und nicht nur das, er gab es auch noch zu. Ein anderer Teil fiel in sich zusammen. "Bald", dachte ich, "wird das schöne Spiel ein Ende haben. Sein Habichtlächeln wird keines mehr sein. Seine Augen werden sich mir öffnen, ich werde hinter den Vorhang schauen und mich enttäuscht zum Ausgang begeben." Axel schlenderte während meiner ketzerischen Gedanken zum CD-Turm, der knapp die zweite Hälfte seines Zimmers in Anspruch nahm und sich in einem lila-metallic-farbenen Riesenkühlschrank befand.

Und dann kam es, es begann leise, unheimlich intensiv, einfach und kompliziert zugleich, tiefgehend, Axel schlenderte bei den Worten You're just like an angel, Your skin makes me cry mit zwei Bierflaschen in einer Hand auf mich zu zündete mit der anderen eine Kerze neben seinem Bett an, als sie You're so fucking special sangen, er küsste mich bei I don't care if it hurts, streichelte mein Haar als der Sänger mit I wanna have control fortfuhr, und der Moment, in dem die Kerze leicht zu flackern begann, wurde von den Worten I don't belong here begleitet. "I'm a creep", sang der Sänger wieder und wieder voller Inbrunst, "I'm a weirdo." Ich fühlte Axels raue Lippen auf meinem Mund, meinen Wangen, meinem Hals, ich spürte, dass etwas Entsetzliches geschehen würde, ... She's running out the door

She's running out


She run run run run...


run...

 

What the hell am I doing her? 

Das Salz meiner Tränen konnte Axels vehementer Zunge, die mit der eingehenden Erforschung meines Gesichts beschäftigt war, nicht entgehen. Er stutzte und sah mich an.

Männer können bei Tränen genau richtig und genau falsch reagieren. Ok oder geht so gibt es nicht.

Axel fragte: "Was'n los?"

Ich rannte. Rannte so schnell ich konnte. Raus. Aus der Tür. Ohne Jacke. Ohne Schuhe. Im Winter. Scheiße. I'm a creep. Was soll man machen...

 

09.05.2008 um 00:08 Uhr

Joe I

von: sunnysightup   Kategorie: Studentenjahre

Auch mit einem anderen unübertrefflichen Musiker namens Joe Jackson verbindet mich eine außergewöhnliche Konzerterfahrung. Das heißt, eigentlich sind es mehrere, aber beginnen wir mit der ersten. Joe stellte irgendwann im Herbst oder Winter 1994 seine neue Platte Night Music vor, eine etwas gewöhnungsbedürftige, Streichinstrumentlastige CD mit viel Assonanzen und intellektueller Eleganz - ich mochte es, aber die Joe Jackson Fans wohl eher nicht. Das Konzert war bestuhlt, alle saßen brav und klatschten zwischendurch auch mal mit (Es ist zum Mäusemelken: Bei It's Different for Girls tun sie es immer wieder - der Spott in seinen Augen ist kaum zu ertragen). Jedenfalls war ich mal wieder in meinem Konzerteparadoxon. Zu viele Menschen, zu viele Eindrücke, zu viel Raum und Akustik. Fallen lassen? Fehlanzeige. Joe kündigte irgendwann nach viel Huhuhu (der Sopran nervte tatsächlich etwas) und viel Gejammer auf der Geige auf diesem Konzert das letzte Lied dieser CD an und einer der Zuschauer machte den Fehler zustimmend und freudig 'YEAH!" zu rufen. Es wurde still. Warum auch immer ein Saal von 5000-8000 Zuschauern verstummen kann, es war so. Und ich glaube, es lag daran, dass Joe Jackson ernsthaft verstimmt war. Niemals wieder habe ich einen Menschen auf der Bühne so viel charismatische Macht ausstrahlen sehen. Joe ging an den Rand der Bühne, sah in die Richtung des Rufers, kniff die Augen zusammen, als könne er ihn tatsächlich ausmachen. Nach etwas einer halben Minute, hob er seinen Mittelfinger und sagte laut und vernehmlich in die mulmige Stille hinein: "Fuck you, pal! This is not a heavy metal concert!"

Das ist es, was ich an Joe Jackson liebe, bei aller intellektueller Eleganz ist er doch absolut rotzig, seine Texte sind oft so gemein, dass sie beim lange ausbleibenden und dann überrumpelnden Aha-Effekt regelrecht weh tun.

Dass er seinen Heavy-Metal-Spruch höchstselbst ad absurdum geführt hat und sich auf einer mit zwei Seiten bespannte Gitarre auf den Knien einen abgeschrammelt ha, dass wir alle von den Stühlen sprangen und vorne völlig ausgeflippt sind, dass alle Musiker auf der Bühne zum Schluss ausgelassen gelacht haben, sogar die olle Sopranistin, das ließ meine Konzertambivalenz vollends dahinschmelzen. Was hatte ich ihn lieb den Joe.

Wie ich schon erwähnte, hatte damals in meiner Heiße-Studentin-Phase der Morrissey-Mann gewonnen. Er gewann gegen den Joe Jackson-Mann. Und das, weil der Morrissey-Mann auch ein bisschen wie Morrissey war. Ein androgyner Spötter, Feingeist, sehr niveauvoll, hübsch anzusehen und Oscar Wilde-Fan war er auch. Das Bild hier hing an Erics Wand, womit eigentlich schon viel gesagt ist:

 

 

morrissey

 

Der Morrissey-Mann und ich haben einfach nicht zusammen gepasst. Zu sauber, zu fein, zu konzeptionell. Außerdem bin ich der festen Überzeugung, dass es Eric mit einem Mann besser ergangen wäre und gefallen hätte. Die Beziehung dauerte ein Jahr und war voll von witzigen Unterhaltungen, Textstudien und guten Gedichten. Offensichtlich war ich noch nicht reif für Joe Jackson und so wurde Jörg, der Joe Jackson-Mann, zu meinem 'besten Freund'.

Und wie undankbar, ständig musste er sich von mir Geschichten über mangelnde Leidenschaft in meinem Leben anhören, schwierig schwierig, und er versuchte dem Ganzen mit einem Morrissey bei Weitem übertreffenden Zyniker beizukommen. Immer wieder bekam ich über Joe subtile Hints auf den liebevoll zusammengestellten Knuddelmixen, es gab Knuddelmix 1, da war Real Men drauf, Knuddelmix 2 mit Fools in Love , Knuddelmix 3: Is She Really Going Out With Him , Knuddelmix 4: Be my Number Two , Knuddelmix 5: You Can't Get What You Want und letzten Endes hatte Jörg, mein bester Freund damals und im Grunde bis heute, die Schnauze voll und ließ auf Knuddelmix 6, die I'm the Man enthielt, einen bitterbösen Brief folgen, der mit den Worten "Du bist ja wohl das Peinlichste, was ich kenne" begann. Naja, Anfang der Neunziger war es gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass das stimmte. Öhöm.

Das war alles sehr ärgerlich, ich sagte entrüstet die geplante Silvesterfeier mit bestem Freund ab, machte trotzdem mit dem Morrissey-Mann Schluss und angelte mir am 1. Januar um 5.30 Uhr einen Mann, der nur unter Zwang auf Parties Musik hörte, allerdings gehört das nun wirklich nicht hierher (herrje ich schreib mich um Kopf und Kragen), weil er mit Herz oder Musik einfach nichts zu tun hatte.

Zurück zu den Liedern: Dass ich nun mit dem stadt- bzw. uni-bekannten Frauenhelden zusammen war, nahm Jörg zum Anlass, mir von Neil Young 'A Man Needs a Maid ' auf die nächste Kassette zu plazieren, die nicht mehr Knuddelmix hieß, sondern 'Für Sunny'.

Er hatte Humor, das muss man ihm lassen.

Aber so gern ich Neil Young mag, er schaffte es nicht in mein Herz, doch Joe Jackson erobert es seit Beginn der Neunziger immer wieder.

Deshalb bekommt er auch nicht nur einen, sondern gleich drei Einträge.

Was folgt also?

Die Fortsetzung.

 

21.03.2008 um 03:18 Uhr

Grün und Grau, Teil II

von: sunnysightup   Kategorie: Studentenjahre

Stimmung: 2000

Justin Sullivan.

Dieser Name stand vor ca. acht Jahren mit Edding auf einem selbst gebasteltem Plakat hinter der ebenfalls mit Edding hingepinselten Uhrzeit 15.00. Ort? Der Marktplatz einer recht kleinen Stadt im Rheinland.

Hallo? Was stimmt hier nicht? Justin Sullivan? 15.00? Marktplatz?

Das musste ein Scherz, mindestens ein Irrtum sein. So dachten wohl viele, denn um 14.45 war kein Schwein da. Also schon ein paar Leutchen, aber die standen um die Bierrondells in der Mitte des Marktplatzes etwa 200 m von der Bühne entfernt, was wohl auch dem strömenden Regen geschuldet war. Die Bühne war ein kleines Bretterding, es war hell, es war ein stinknormaler Tag, alle benahmen sich wie immer, niemals, keinesfalls konnte gleich mit dem Held meiner Jugend zu rechnen sein.

PLOING.

Ein Griff in die Gitarre.

Und da stand er. Stand einfach so rum. Zweihundert Meter Luftlinie von mir entfernt, mit nichts und niemandem außer ein paar dicken Regentropfen zwischen uns. Schon wieder Regen.

Verschiebung in der Matrix...

Wenn zwischen Bühne und Bier zweihundert Meter liegen, kennt der Rheinländer ja nix. Er bewegt sich kein Stück. Keiner rührte sich. Und weil ich mir schon die ganze Zeit eingeredet hatte, dass heute keineswegs etwas außergewöhnliches passieren wird, rührte ich mich auch nicht. Keiner wollte dieses kleine Wunder anerkennen, keiner sah das Licht, und entsprechend wäre man sich äußerst seltsam vorgekommen, wenn man nun als einzige völlig außer sich geraten wäre.

PLÖÄNG!

Der nächste Griff. Mein Freund lächelte mir aufmunternd zu. Sein Kopf machte einen leichten Kick Richtung kleines Bretterding. Sozusagen eine Aufforderung quer durch den Regen.

Ok.

Zögerlich gingen wir nach vorne. Als einzige. Vor dem kleinen Bretterding. Wie zwei Kleinkinder im Zoo standen wir da und hielten uns an den Händen. Schauten Justin, der immer noch mit Gitarre stimmen beschäftigt war, mitten ins Gesicht.

Er guckt kurz hoch. Sagt hallo zu den Rheinländern und spielt.

Fragt mich nicht, welches Lied. Keine Ahnung, keinen verdammten blassen Schimmer, was er spielte. Es war völlig surreal, ich hörte die Gitarre und hörte sie wieder nicht, die Stimme erreichte mein Ohr und irgendwie auch wieder nicht. Mein Gott, es ist schon schwer genug, die Nacht zu pflücken, versucht das mal mit dem frühen Nachmittag...

Schon das zweite Lied. Ich habe vergessen zu klatschen. Scheiße.

Fieberhaft denke ich nach. Irgendwas muss ich doch jetzt tun. Verdammt. Raste aus, Sunny, klatsch in die Hände, gröl, schwing die Hüften, wipp mit dem Fuß, rühr den kleinen Finger, IRGENDWAS!! Nein. Wie angewurzelt stand ich da. Mit Beton übergossen.

Und dann?

Vagabonds. Die ersten Klänge.

Ich reiß, .. nein, ich hab gar nichts gerissen, meine Hände sind wie von selber in mein Gesicht gesprungen, an beide Wangen, meine Augen gehen auf, weit auf, ich quietsch, so laut, mitten in die Gitarrenklänge: "Oh mein Gott! OH MEIN GOTT!!!"

Und das hatter gesehen der Justin. Gehört wahrscheinlich nicht. Aber er war nah genug, um es von meinen Lippen zu lesen. Und dann hat er was gemacht, was ich nie vergessen werde.

Er hat mich angelächelt. Mich ganz allein. Und den Kopf geschüttelt hat er. Wahrscheinlich auch aufgrund der Skurrilität der Situation. Und dann hat er gesungen. Ich bin sicher, nur für mich.

Und so komisch ist es dann DOCH wieder nicht, wenn man als einzige völlig außer sich gerät.

Ich möchte hiermit nochmal betonen, dass ich Midnight bin, keinesfalls Afternoon, aber die Sekunde, in der man glaubt, der Rockstar schaue einem direkt in die Augen, die hat lang gedauert an diesem verregneten Nachmittag in einer kleinen Stadt im Rheinland.

 

We are old, we are young
We are in this together
Vagabounds and children (are)
Prisoners forever
With pulses a-raging
And eyes full of wonder
Kicking out behind us again


10.03.2008 um 14:20 Uhr

You are the Quarry...

von: sunnysightup   Kategorie: Studentenjahre

Stimmung: 1992

ich pfeif doch auf die chronologie. kategorien sind dafür da, gemischt zu werden.

niemanden, wirklich niemanden im musikgeschäft verstehe ich besser als morrissey. nicht inhaltlich. nee. seine texte. er singt so deutlich. und auch schön. in mein leben getreten ist er 1992. eine zeit, in der ich mich reichlich wenig mit songtexten auseinandergesetzt habe. das wurde danach anders.

es war die zeit meiner ersten geschenkten mixkassetten. als blutjunge studentin hatte ich plötzlich sauviele verehrer, sie standen mit handbemalten kassetten schlange vor meiner wohnheimzimmertür nummero 156 a. ein sammelsurium an musikgeschmäckern, und da ich mich nicht festlegen wollte, hörte ich sie alle rauf und runter, die bunten lieder, klapperte mit den wimpern auf und ab und entschied nach emotionaler tiefe der jeweiligen mixes.

morrissey und somit mein dann doch schließlich auserwählter brachten mich zum schmelzen. asian rut - auf der kill uncle, die direkt nachgeliefert wurde, wunderschön, noch heute könnt ich jedes verdammte Mal zusammenbrechen, wenn ich das Lied höre und nun sitze ich hier und höre und höre Morrissey, alle Alben, bin nun bei 2004 angelangt und habe jedes Wort verstanden.

 

So how can anybody say, they know how I feel,

The only one around here who is me,

is me...