Man hört nur mit dem Herzen gut.

04.02.2008 um 22:35 Uhr

Zu spät

von: sunnysightup   Kategorie: Teenagerliebe

Stimmung: 1988

Als Max begann sich für mich zu interessieren, war ich 15einhalb Jahre alt (einhalb ist ja wichtig in dem Alter) und ich habs einfach übersehen, A weil ich die Hoffnung aufgegeben hatte, B weil sich nun auch andere Jungs für mich interessierten. Unter anderem Peter. Und Peter war sowas von ein Griff ins Klo, das kann man gar nicht mit Worten ausdrücken.

Peter hat sich einfach eine Neue geschnappt, nachdem wir die ungeheuer lange Zeit von zwei Monaten zusammen waren und ich schon an die Liebe meines Lebens zu glauben begann. Seine Neue war unglaublich süß. Sie hatte lange rote Haare, war beliebt und klug und gut in der Schule und hatte diese geilen Punkhosen, die mit den roten und schwarzen Streifen, die ganz engen, diese obercoolen 80er Jahre Stretch-Dinger. Sie hatte sie auch in schwarz-weiß und ich hasste sie. Nein. Nicht die Hosen. Die hätte ich selbst gern gehabt. Pia natürlich.

Ph!

Peter und Pia! Auch noch Aliteration. Und Mann, was haben die sich geliebt. Sie blieben die nächsten zwei Jahre zusammen und ich litt Peter hinterher, eben darum, weil ich ihn nicht mehr haben konnte. Einen anderen Grund gab es dafür auch einfach nicht.

Als ich mit Peter zusammen war, ging meine Ärzte-Zeit los.
Das erste Lied, dass ich von ihnen hörte, war Geschwisterliebe, was mich ebenso heftig erröten ließ wie meine erste Erfahrung mit der Dr. Sommer-Seite der Bravo. Ja hör mal! dachte ich, das können die doch nicht machen! Aber irgendwie hatte das Lied was. Vor allem dann, wenn man es in einer großen Gemeinschaft angeschickerter Hühner laut dahingrölte. Aber das hatte mit Peter gar nix zu tun. Obwohl. Doch. Ein bisschen schon. Weil er mich an einem solchen Abend kennen lernte und die Ärzte auch sehr gerne mochte.

Ich merke grade: Das hat hier null Struktur. Null. Aber es ist auch schwer, eine Hommage an die Ärzte zu schreiben. Die haben so viele unterschiedliche Phasen meines Lebens mitgestaltet. Die Anfänge waren echt vielseitig.

Zum Beispiel "Paul": Wisst ihr noch? Paul? Paul? Paul ist toll! Paule heißt er, ist Bademeister.... usw.

Dazu konnte meine Freundin Beatrix die zweite Stimme. Wir wurden nicht müde, den Refrain zu üben. Wir konnten so viele Lieder auswendig. Am liebsten die Tabu-Dinger. Sweet Gwendoline. Schlaflied. Geschwisterliebe und und und.

Wird immer noch nicht strukturierter hier...

Mpf.

Aber immerhin: Als Peter mit Pia auftauchte und ich dies von einer Bekannten erfuhr, war "Zu spät" natürlich wie für mich gemacht.

Lässt sich leicht umdichten. "Ich werd die Herzen aller Määäänner brechen..." Haha! Aber was reimt sich auf Superfrau? Und wo konnte ich die Super-Punk-Hosen unterbringen? "Du liebst sie nur, weil sie die Super-Punk-Hosen hat, und nicht wie ich diese peinlichen Bundfaltenjeans..." Ähm. Ja. Egal.

Und heute? Heute wird das immer noch auf fast jeder Party gespielt. Unglaublich. Und die Teenager können es immer noch mitsingen. Wahnsinn.

Die neue Ärzte-Platte ist übrigens wunderbar.

Wo ist die Struktur?

Kommt nicht mehr...

Aber eins muss ich noch loswerden: Der Farin ist ein großer Reimer! Einer der größten.

Und die mangelnde Struktur ist Peter geschuldet, der war einfach kein guter Aufhänger...

Aber Text ist Text, und ich hau ihn jetzt raus.

Achja, doch noch was: Folgende Liedzeilen haben mich mal zum Weinen gebracht:

doch ich halt den Schmerz
als wärs ein letzter Teil von dir
den ich sicher irgendwann
ganz genau wie dich verlier

...aber das war Jahre später.

 

 

25.12.2007 um 22:07 Uhr

Marillion Teil III

von: sunnysightup   Kategorie: Teenagerliebe

Stimmung: 1985

Mit Dreiteilern ist es ja so eine Sache... Den ersten schreibst du mit links, den zweiten brauchst du einfach, weil du im ersten Teil so viele Dinge nicht untergebracht hast, aber beim dritten, da hab ich Angst, da gibts eine Erwartungshaltung, da will man punkten, pointieren, die Sache zu Ende bringen, ne Klimax muss her, herrje, dabei habe ich noch nicht ein Wort über Marillion selbst gesagt, geschweige denn all die Andeutungen erklärt, und die Geschichte mit Max hatte unendlich viele Höhen und Tiefen, unmöglich die alle zusammenfassen...

Fangen wir mal bei einer wichtigen Korrektur an: Ich habe Marillion's Musik in einem anderen Eintrag als 'Depri-Mucke' bezeichnet. Das ist so nicht ganz richtig. Marillion ist, so sehe ich das zumindest aus meinem erwachsenen Blickwinkel, eine Band, die den Spagat zwischen Depression und Melancholie spielend meistert. Wäre die Musik durch und durch von melancholisch-süßem Sirup geprägt gewesen, hätte sie mich nicht erreicht. Bei konsequenter depressiver Bitterkeit hätte sie mich getötet.

So schwebte ich ab Sommer 1985 Nacht für Nacht auf einem Gefühl, das mich trug, ohne dass ich es spürte. Ich schwebte durch die 'Script for a Jester's Tear', etwas weniger begeistert durch die 'Fugazi' und last but ganz sicher nicht least durch eine 'Misplaced Childhood' - und oh Gott, wie treffend, wie ungeheuer prophetisch dieser Titel auf mich passte, wenn ich mir diese Anmerkung gestatten darf.

Vor einem Jahr ging Fish mit dieser Platte nochmal auf Tour. Wir dachten zuerst, dass er vielleicht ein paar Titel davon spielen wird, nicht mehr nicht weniger - aber nein, er hat sie von vorne bis hinten durchgespielt. Ich stand mit geschlossenen Augen an der Wand und sah mein Kinderzimmer, den schwarz lackierten Tisch, die Bücherregale, den in einen Kleiderschrank integrierten Schreibtisch, die roten Vorhänge, ich sah die Schatten, hörte die Geräusche, die übertönt wurden von dem kleinen Kassettenrecorder, in dem unermüdlich die Kassette spielte, auf deren eine Seite Max mit einer erstaunlich mädchenhaften Schrift 'Marillion - MC' notiert hatte und auf deren anderen 'Dire Straits - MfN' stand.

Ja, die Money for Nothing, die hat mich damals nicht so sehr geflasht - für mich der Beweis, dass es nicht ausschließlich an Max lag, dass ich Nacht für Nacht auflag und Marillion hörte.

Aber der Zusammenhang mit Max ist natürlich keinesfalls zu leugnen. Aber auch Max schaffte einen Spagat spielerisch: Den zwischen Traurigkeit und Coolness. Und das ist - wie ich finde - im Alter von 15/16 nicht leicht. Max hatte einen leichten russischen Akzent, ganz ganz leicht, er rollte das r und suchte manchmal nach Worten, was aber auch daran liegen konnte, dass er so wenig sprach. Bei der Nachtwanderung zum Beispiel sprach er kein Wort. Er hatte mir den Walkman aufgesetzt und lief lächelnd neben mir. Nachdem das Lied zu Ende war, nahm ich die Kopfhörer ab und fragte: Was war das? Da wies Max nur auf sein ausgebleichtes T-Shirt, und das war es erstmal mit Konversation. Aber wir hatten ja noch vier Tage. Und wie es auf solchen evangelischen Fahrten so ist, wurde auch noch viel diskutiert, so über Gott und Jesus und so, und Max sagte auch ein paar Sachen, und beim Essen schauten wir uns manchmal an, d.h. genau immer dann, wenn er zu mir rüberschaute, denn ich konnte fortan kein Auge mehr von ihm lassen. Wir haben uns noch oft getroffen, Max und ich. Er schenkte mir Marillion-Kassetten, und er schwänzte mit mir ab und zu den Unterricht. Und er nahm mich auch mit zu sich nach Hause, wo ich seinen kleinen Bruder kennen lernte. Seine Mutter sagte am Ende meines Besuchs etwas auf russisch zu ihm. Er brachte mich nachdenklich schweigend nach Hause und vor meiner Haustür sagte er:

"Meine Mutter hat etwas über dich gesagt."

Meine Romantik-Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Ich rechnete mit dem Lob meiner Schönheit, meines Lächelns, meiner lieblichen Art, meiner Paßgenauigkeit in Max' Leben.

"Was denn?" fragte ich atemlos.

"Nun. Man kann das Wort nicht genau übersetzen. Aber sie sagte mir, du seist... Mmh... Am besten trifft es 'scheu', aber da ist auch 'ängstlich' drin und 'verletzt'." Er überlegte kurz, ob er weiter sprechen sollte, sagte dann aber doch nach einem tiefen Atemzug:

"Und dass ich gut auf dich aufpassen soll, hat sie gesagt."

Oh. Ich wusste nicht, ob ich das hatte hören wollen. Aber Max passte wirklich auf mich auf. Und jedes Mal, wenn wir uns sahen, lächelte er mich mit dieser Mischung aus Traurigkeit, Spott und solidarischer Verachtung an.

Ich lächelte jedes Mal tapfer wie beim ersten Mal zurück. Was blieb mir auch anderes übrig? Das, wonach ich mich in seinen Augen sehnte, war lange nicht da, und als es auftauchte, da habe ich es nicht mehr sehen können.

Aber wichtig war er, mein Max, und ich denke voller Liebe und mit großer Zärtlichkeit an ihn, wo immer er jetzt sein mag...

 

So I see it's me, I can do anything
And still the child,
'Cos the only thing misplaced was direction
And I found direction.
There is no Childhood's End.
There is no Childhood's End.
Cos' you are my childhood friend.
Cos' you are my childhood friend.
Oh lead me on.

21.12.2007 um 01:52 Uhr

Marillion Teil II

von: sunnysightup   Kategorie: Teenagerliebe

Stimmung: 1985

So here I am once more
In the playground of the broken hearts
One more experience, one more entry in a diary, self-penned
Yet another emotional suicide
Overdosed on sentiment and pride
Too late to say I love you
Too late to restage the play
Abandoning the relics in my playground of yesterday
 
 
Ein Debut-Album mit diesen Worten zu beginnen ist eine Frechheit, eine kackendreiste Angelegenheit. Überhaupt ist es unverschämt, wenn manche Menschen meinen, einfach mal Gedanken aus deinem Herzen zu reißen und sie mal so eben mir nix dir nix in Worte zu fassen und die dazu passende Musik zu schreiben.
Aber so ist das Leben, und Gottseidank ist es so, denn dies schweißt ein Band von nuklearen Grundgefühlen um uns alle.
Aber ich greife vor. Noch wusste ich schlecht frisiertes Mädchen ja noch nichts von diesem musikalischen Wunder. Aber immerhin: Ein Wunder kannte ich schon. Max. Max und sein Lächeln, sein bezauberndes trauriges Lächeln.
Als ich ihn am nächsten Tag wieder im Bus stehen sah, diesmal aber morgens, blieb mir das Herz stehen. Nein, nicht fast - ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass es einfach für wenige Sekunden nicht mehr schlug, schlicht überlastet, das kleine Ding. Schließlich hatte ich die eine Hälfte der Nacht damit zugebracht, mir vorzustellen, ob, wann und wie ich ihn das nächste Mal sehen werde, und die andere hatte ich von ihm geträumt, nur um dann wenige Minuten nach dem Aufwachen vor ihm zu stehen. Das war zu viel.
Um nicht in Ohnmacht zu fallen oder andere Peinlichkeiten zu riskieren (in die Hose machen wäre nicht unwahrscheinlich gewesen), tat ich so, als sehe ich ihn nicht und setzte mich demonstrativ mit dem Rücken zu ihm. Scheiße! Scheiße-scheiße-scheiße. So konnte ich ihn natürlich nicht sehen. Tja, aber so ist sie, die Pubertät. Kurzschlusshandlungen sind an der Tagesordnung, vorausschauendes Verhalten so gut wie unmöglich, heutzutage spricht man ja sogar von einer akuten geistigen Störung - das finde ich nicht abwegig.
Diese Busfahrt verbrachte ich schwitzend auf diesem blöden Sitz und er stand zwei Reihen hinter mir, an die Stange gelehnt, wie immer, und ich kann nicht sagen, ob er mich wieder erkannte, er schaute nicht zu mir rüber, wie ich zumindest in einigen halsbrecherischen Rückenkratz-, Schuhzubind- und Stiftefallenlass-Aktionen feststellen konnte.
Und so ging es ab da nahezu jeden Tag. Manchmal sah ich, dass er nicht im Bus war und stieg dann einen später ein. Ich bin auch einfach mal da ausgestiegen, wo er aussteigt, und habe mich in der fremden Weststadt beinahe verlaufen. Ich sag's ja: Kurzschlusshandlungen.
Aber ich komme jetzt ganz weit vom Thema weg und muss sogar noch weiter weg, weil ich nämlich, nachdem ich ein halbes Jahr mit Max Bus gefahren bin und gefühlte 267 Mal von fiesen Mädchen, denen gegenüber ich nicht den Mund halten konnte, gegen ihn geschubst worden war, endlich seinen Namen rausfand und er begann mich zu grüßen.
Ach, ich kanns jetzt einfach nicht lassen: Was war das für ein wundervoller Tag, als er bei meinem Anblick lächelte und die Augenbrauen hob. Ich hob die meinen, lächelte aber nicht und schaute böse. Na gut. Aber dafür lächelte ich am nächsten Tag und am nächsten auch und am übernächsten. Toll. Wie einfach damals alles war und wie ungeheuer schwierig.
Etwa zur gleichen Zeit, als ich seinen Namen herausfand (Max Bauer, Max, Max, oh Max, du Traum, du bittersüßer Traum) also etwa zur gleichen Zeit begann mein Konfirmandenunterricht. Die Zeiten wurden etwas besser, denn die Leute da waren sehr nett. Es gab dann irgendwann nach wenigen Monaten eine einwöchige Konfirmandenfreizeit.
Und da trug ich mich mit einem Pelikan-Füllfederhalter (mein Gott, wie banal das Ziel der Träume manchmal vonstatten gehen kann...) direkt unter dem Namen Max Bauer in die Namensliste ein. Ich stutzte, lief hochrot an und bekam einen Lachkrampf. Das ist schon ein Kreuz bei Mädchen in dem Alter. Jeder Scheiß wird durch Kichern kompensiert.
Da saß ich nun und bekam vor Gackern keine Luft mehr - ja wie soll man da noch ordentlich denken?
Ein Zufall. Fatalistisch, wie ich war, konnte ich nur an einen Zufall glauben. Was denn sonst. Max Bauer war bestimmt ein zehnjähriger Idiot mit einem Pickel auf der Nase. Und ob meine Quelle, aus der ich den Namen meiner Omnibus-Liebe herausgekitzelt hatte, zuverlässig war, wusste ich schließlich auch nicht.
Max sah mich am Abfahrtstag erst beim Einsteigen. Ich hatte ihn schon viel früher entdeckt und schüttelte mich in hysterischen Lachanfällen. Er grinste überrascht und zog (ganz Max, ganz Achtziger) mal wieder die Brauen hoch.
Selbst auf dieser Busfahrt hat Max gestanden. Er stand die ganze Zeit im Gang, hielt sich an den oberen Haltestangen fest und hörte Walkman. Ich kicherte mich hilflos durch die anderthalb Stunden Fahrt und als wir ankamen und unsere Zimmer bezogen hatten, ging ich erst Mal aufs Klo, setzte mich auf den Boden, schnaufte durch und versuchte mit aller Macht meinen Körper vom vollständigen Organversagen abzuhalten.
Und dann zwei Tage später: Die Nachtwanderung. Als Max mir ohne Vorwarnung seinen Walkman aufsetzte und die Klänge von Script for a Jesters Tear zum ersten Mal mein Ohr und alles, ja wirklich alles andere, erreichten.
Aber davon morgen. Ich muss jetzt erstmal in aller Ruhe Musik hören...

20.12.2007 um 01:01 Uhr

Marillion Teil I

von: sunnysightup   Kategorie: Teenagerliebe

Stimmung: 1985

Ich habe mich gescheut, diesen Eintrag zu machen. Aber er musste sein. Die Chronologie stimmt, die Bedeutung, die Intensität, Marillion trat nun mal im Sommer 1985 in mein Leben. Nur: Diese Beziehung hat sich bis heute gehalten. Wie den Anfang finden, wo dem ein Ende bereiten? Ich fang jetzt einfach mal an, wer weiß, wo und v.a. WANN es endet

Naja, bleiben wir vielleicht noch ein bisschen beim traumatischen Wechsel vom Osten in den Westen. 1984. Frühling. Neue Stadt, neue Wohnung, neue Schule, alles neu. Das schlimmste waren die Farben, diese unendlich vielen unglaublich schrillen Farben, all diese Plakate ind pink und türkis und gelb (mein Gott, ich kannte doch nur schmutzig-rot, schmutzig-orange und grau, und eben die 6 Farben im Malkasten), es bewegte sich alles in einer unberechenbaren Geschwindigkeit - ich begann wieder Mittagsschlaf zu machen, war müde immer nur müde.

In der Klasse, die fünfte wars, mochte man mich nicht besonders, nicht nur, weil ich keine drei Streifen auf den Schuhen hatte (sagt mal, ist das nicht absolut hirnrissig, dass das einen Unterschied macht? Zwei rosa Streifen versus drei. Haste zwei - BUMMS - biste unten durch! Noch schlimmer - fällt mir grade auf - ist, dass ich das heute verstehe), ja aber der Mangel an Adidas-Schuhen war es nicht allein, es war - ähm - ich - ja wie soll ich sagen - äh , ich war - mh - tja - anders eben.

Ich mochte es zu lernen. Das war gar nicht so schlimm. Aber sagen, sagen durfte man das nicht. Im Grunde durfte man gar nichts echtes sagen. Es war wie mit diesen Farben. Alles, was man sagte, musste schrill leuchten, appetitlich irgendwie, wie auf einem Werbeplakat. Nichts durfte normal sein, alles war übersteigert, grenzenlos unnatürlich, aber so war diese Welt nunmal. Ich sollte Klassenkeile bekommen. Rädelsführerin war Carmen, die Anführerin der Mädchenclique und was eine Clique war, wusste ich nicht, ich habe dazu Bande gesagt.

Eines Tages bekam ich mit Kreide ein Hakenkreuz auf den Ranzen gemalt. Ich hatte da schon auf stumpf geschaltet, versucht es wegzuwischen, aber die Kreide hatte sich in den Ritzen des groben Stoffes eingenistet und so habe ich ein kleines Tuch drüber gehängt. Und auf der Fahrt nach Hause in diesem bunten lauten schnellen Bus, da habe ich ein kleines Wunder erlebt. Wenn man mit elf Jahren als heulendes Elend ein aufmunterndes Lächeln von einem mindestens schon drei Jahre älteren Jungen bekommt, dann ist das, als sei man von den Toten auferstanden, als sei der Aussatz nun endlich geheilt, ich konnte wieder laufen, sehen und sprechen. Vor allem habe ich das für diesen Tag erfühlte Unmögliche geschafft: Ich habe zurück gelächelt. Hosiannah, oh Maria voll der Gnaden, Danke für diesen Guten Morgen, Laudato si amen.

Max. Max traf mich und ich traf Max. Max sah ein kleines Mädchen mit schlecht frisiertem arschlangen braunen Haar und einer seltsamen schlecht sitzenden hellbraunen Jacke mit Kapuze, das alleine auf dem Vierer im Bus saß und verschämt die Kreideschmiere auf dem Ranzen verbarg, er sah die anderen Mädchen zu dem Mädchen rüber schauen und hörte sie flüstern und kichern, er sah den starren Gesichtsausdruck des schlecht gekleideten Mädchens, den gequälten Ausdruck in seinen Augen. Lass diese Fahrt bald vorüber sein, bitte Gott, lass mich bald aussteigen...

Und ich sah einen ca. 15-jährigen Jungen, mit längeren braunem Haar, das ihm in die Augen fiel, er stand da mit dem Rücken an eine der Haltestangen gelehnt, hatte eine grüne Feder als Ohrring und sanfte graue Augen und einen ganz weichen Zug um den Mund und cool war er auch irgendwie, seine Jeans war zerrissen, sein T-Shirt schwarz mit einem Schriftzug drauf, und er schaute mich an und dann trafen sich unsere Blicke und er lächelte und in diesem Lächeln lag so viel. Es war ein schmerzliches Lächeln, ein verständnisvolles, ein mitleidiges und gleichzeitig spöttisches. Es war aufmunternd und allwissend zugleich. Und da war etwas in seinen Augen: Verachtung. Keine Verachtung für mich. Solidarische Verachtung. Da mich Max die nächsten acht Jahre meiner Pubertät und Jugend begleitete, weiß ich es genau: Niemand, den ich damals kannte, hatte so viel Verachtung für die Welt im Herzen wie Max.

Natürlich wusste ich das in diesem Moment nicht. Es war der Spätsommer des Jahres 1984 und ich sah nur ein Lächeln, das mich mitten ins Herz traf.

Dass ich diesen süßen Jungen (wie es in der Bravo gestanden hätte) nochmal wiedersehen sollte, dass er nahezu jeden Tag auf dem gleichen Platz stand (Max hätte sich niemals gesetzt, niemals habe ich ihn auf einem Sitzplatz gesehen), das wusste ich damals noch nicht.

Auch nicht, dass das schwarze T-Shirt sein Lieblings-T-shirt war. Auch nicht, was der Schriftzug bedeutete. Aber ich sollte es im Sommer 1985 erfahren.

Da war das T-shirt zwar schon ein bisschen ausgebleicht, aber es stand immer noch deutlich erkennbar 'Marillion' drauf.

 

- Fortsetzung folgt -