Stimmung: 1979
Wir hatten damals nur einen ollen Kassetten-Radio-Recorder (Wir hatten ja nix, damals im Osten. Mit'm Bollerwagen simmer zum Intershop gepilgert und ham uns die Nasen platt gedrückt, herrje...). Aber das war ja schonmal was. An Kassetten allerdings gab es einen gewissen Mangel. Um genau zu sein: Wir hatten eine. Eine, auf die alles, was so im Radio lief und uns gut gefiel, aufgenommen wurde. Bald kam die Zeit, wo auch ich als kompetent erachtet wurde, Musik auszuwählen und aufzunehmen. Allerdings gab es strenge Regeln. Ich musste immer das Ende eines anderen Liedes auf der bespielten Kassette abwarten und darauf achten, dass ich schon nach wenigen Sekunden eine Entscheidung traf über Hop oder Top, denn das Lied sollte ja möglichst umfangreich abspielbar sein und den Ansager, den musste man natürlich rausschneiden.
Es gab trotzdem immer ein Riesen-Kuddelmuddel auf dieser Kassette. Irgendwann waren es dann auch mal drei, da hatten wir uns welche aus dem Westen schicken lassen.
Jedenfalls war das für mich als Schulkind eine schöne Spielerei. Nachmittage verbrachte ich in unserer gemütlichen Küche und drückte das Record-Knöpfchen, unermüdlich suchte ich Lieder aus, ehrlich gesagt sehr viele Schlager und ein bisschen Pop-Musik der 70er.
Eines Tages, eines sonnigen Tages im Hochsommer 1979, betrat ich die Küche des Morgens um ca. 7.11 Uhr und ich hörte so wunderschöne Klänge, die mich mitten ins Herz trafen, so richtig tief, dahin, wo der Musik-Nerv sitzt. Geistesgegenwärtig stürzte ich mich alle Regeln missachtend auf den Record-Knopf und bekam noch ca. 7-8 Liedzeilen zu fassen:
Picture yourself on a train in a station
With plasticine porters with looking glass ties
Suddenly someone is there at the turnstyle
The girl with the kaleidoscope eyes
Lucy in the sky with diamonds
Lucy in the sky with diamonds
Lucy in the sky with diamonds
Aaaaahhhhh...
Ich war verzaubert. Trotz des ganzen Ärgers, den ich bekam, weil ich 'Ti Amo' gehimmelt hatte. Ich hörte die paar Töne immer wieder. Unser Kassettenrecorder hatte nämlich einen Trick. Der spulte nämlich Lieder bis genau der Stelle, an der sie begannen. Und das tat ich. Unermüdlich. Ich dachte: Was für eine schöne Melodie. Was für eine süße Stimme. Was für wunderschöne Bilder mir erschienen. Was für eine sonnige Musik.
Nur: Kein Schwein unserer Nachbarn und Verwandten wusste, welche Band das war. Ich rannte damit im Haus rum. Ich sang, summte und trällerte mich um Kopf und Kragen. Alle schüttelten den Kopf. Irgendwann bekam ich folgende Aussage: "Es könnten die Beatles sein, aber ich bin mir nicht sicher."
Flugs schrieb ich meiner Oma im Westen einen Brief. Ich hatte einen Wunsch. Die ganze Billig-Schokolade und den Kaffee sollte sie sich sparen. Sie sollte doch bitte eine Beatles-Platte schicken. Und dann meinetwegen nie wieder was. Oder alle anderen. Bestenfalls. Ich wollte sie. Wollte sie mit Haut und Haaren. Beatles-Musik, wollte ich. Und es dauerte auch nicht ganz ein Jahr, als ich mal wieder enttäuscht in eines dieser Pakete schaute und die mindestens dreiundzwanzigste Karl-May-Platte kritisch beäugte. Ich hatte keinen Bock mehr. Sah das nicht ein. Mama sagte ja, dass man die Beatles vielleicht nicht verschicken DURFTE. Ok, aber die Hoffnung, wisst ihr? Die Hoffnung stirbt doch zuletzt, oder?
Und in der Tat. In der Platten-Hülle von 'Der Schatz im Silbersee' war ein ein Goldschatz ein funkelnder, ein herrlicher ein wunderbarer, ein so unglaublich fantastisches Geschenk verborgen: Das Blaue Album. Zumindest Teil I. Und (ich war mir ja noch nicht ganz sicher): Das Lied war von ihnen. Es war sogar da drauf. Es hieß 'Lucy in the Sky with Diamonds. Toll. Warum nicht? Ein Mädchen namens Lucy im Himmel und Diamanten drumherum. Passte. Passte wie Arsch auf Eimer. Und erst all die anderen Songs, allen voran Strawberry Fields, dicht gefolgt von Penny Lane und und und... Ich war begeistert.
Dass die Beatles sich getrennt hatten, wusste ich zu diesem Zeitpunkt schon und meinte, auch wenn ich das Wort zu diesem Zeitpunkt noch nicht kannte, ein schlechtes Musik-Karma zu haben. Dass John Lennon noch im gleichen Jahr meiner ersten Beatles-Platte starb, halte ich heute dennoch für einen traurigen Zufall.
Meine Gebete fingen ab dann nicht mit 'Lieber John' an, allerdings war Elvis erstmal entthront.
Als wir 1984 rübermachten, kommerzialisierte sich mein Musik-Geschmack, aber das ist eine andere Geschichte, und sie soll ein andermal erzählt werden...