Kapitel 1
Ich hatte einen Plan und trotzdem ziemlich Angst. Ich wusste genau, dass was ich hier tat verrückt war und dass es meiner Mutter sehr wehtun würde und einigen Leuten einen gewaltigen Schock einjagen und ich würde gerne sagen es war mir egal aber das war es nicht. Aber ich hatte schon schlimmere Dinge getan, und nichts hatte funktioniert, also könnte ich genauso gut das hier versuchen. Wo früher Therapeuten helfen sollten, kam jetzt eben die Polizei ins Spiel, und das war mein Trumpf, endlich ging es nicht nur „die Familie“ was an und zugegebenermaßen fand ich den Gedanken ziemlich prickelnd.
Draußen war es kälter als ich gedacht hatte. Ich schwang mich auf mein Fahrrad, das mit jedem Tritt quietschte und radelte einfach drauf los. Den Weg kannte ich halbwegs, schließlich war es Teil meines aktuellen Schulweges, eine halbe Stunde Rad fahren, bis zum Sammelplatz und in den Schulbus einsteigen und ganz weit weg fahren, ich schlief immer dabei ein, aber immerhin wusste ich der Weg war auf der Hauptstraße auf der nur der Schulbus fuhr, einige Lastwagen und natürlich die Touristen.
Mein Herz pochte ziemlich laut aber nicht halb so laut wie in den Thrillern bei denen Herzklopfen nie was Gutes zu bedeuten hat. Der Fahrtwind war stechend und meine Finger taten weh aber das bemerkte ich nur am Rande und es war angenehm. Als ich über den Kies am Sammelplatz fuhr fühlte ich mich plötzlich unendlich frei und fragte mich ob ich meinen Plan wirklich Schritt für Schritt durchführen würde aber dann erinnerte ich mich an die Horrorgeschichten von verlornen Mädchen die als Prostituierte in Osteuropa endeten oder war es andersrum und das wollte ich verständlicherweise auf keinen Fall.
Es dauerte eine halbe Ewigkeit bis ich zu der Hütte kam, die ich schon auf der Herfahrt in dieses gottverlassene Kaff bemerkt hatte als mir zum ersten Mal der Gedanke kam der sich nicht mehr unterdrücken ließ. Ich war einmal hierher gefahren und hatte geschaut was darin so lag und als ich sah dass es Fahrradteile waren formte sich ein ziemlich guter Plan in meinem Kopf.
Dass es so gut klappen würde hätte ich nicht gedacht. Ich zog Handschuhe an, nahm einfach mein Rad auseinander, verteilte die Teile möglichst unauffällig unter den staubigen platten Reifen, Hupen, zerbrochenen Lichtern und Pumpen und schaute noch einmal in meinen Rucksack. Es war ein Tick von mir immer zu befürchten, dass ich etwas verloren hatte, und selbst wenn ich nichts daran hätte ändern können, tastete ich doch immer wieder nach meinem ledernen Geldbeutel. Dass er noch da war beruhigte mich für die nächsten fünf Minuten.
Es war halb sechs – Rushhour für die frühmorgendlichen Lastwagenfahrer, und darauf zählte ich. Ich blieb einfach am Rand stehen und streckte meinen Daumen in die Luft, wie ich es in Roadmovies gesehen hatte aber nur einmal im wahren Leben bei einem armen Tropf mit einem Schild um den Hals.
Jedenfalls hätte ich es selbst nicht erwartet aber irgendwann hielt irgendein Auto an und der Fahrer winkte mich zu sich ran und fragte wie alt ich denn überhaupt sei, und meine neunzehn gingen locker durch, dafür sorgte die Masse an Makeup und die Tatsache dass ich mich rundum mit Ersatzkleidern ausgepolstert hatte um in die Hosen meiner Mum zu passen.
Als ich einstieg wurde ich neben einen Kindersitz gequetscht und hörte eine ganze Stunde lang der Mutter zu die in gebrochenem Englisch etwas erzählte was ich nicht verstand aber diese Leute schienen nett und ich hatte sie dazu gebracht mir zu verraten wohin sie fuhren, ohne davor sagen zu müssen, wohin ich denn wollte. Geborgen in dieser scheinbar perfekten Familie schlief ich sogar ein paar Minuten lang ein, döste vor mich hin und träumte von Polizeiwagen und Hubschraubern, bis der kleine Junge neben mir laut los schrie und die Mutter gestresst aus dem Wagen stieg. Wir waren an einer Tankstelle, es roch nach Benzin und ich ging aufs Klo, und als ich wieder kam war meine Mitfahrgelegenheit verschwunden. Es war mir egal.
Ich zählte zur Sicherheit noch mal in der Toilettenkabine meine Scheine und beschloss, meine erste Veränderung durchzuführen: Blondierung. Darin hatte ich zum Glück jede Menge Übung. Meine Mum, eine geborene Brünette wie ich, ließ das jede zweite Woche von mir erledigen.
Mein Blond wurde unglaublich künstlich und hässlich, aber es passte zu mir. Man konnte mich kaum mehr erkennen, schon gar nicht mit schicker Sonnebrille und einer ausgepolsterten Figur, die mir unglaublich fett vorkam, aber so ziemlich genau 90-60-90 war – ich hatte extra ein Maßband mitgenommen da ich eine verzerrte Sicht auf Körper habe, sagt mein Therapeut, der das hier wahrscheinlich als Schockheilung gutheißen würde und die Hand ausstrecken um zu kassieren.
Na jedenfalls gönnte ich mir erstmal einen Cappuccino in dem Café an der Tanke weil ich mir sagte he du türmst eh nicht wirklich und Geld hast du ja wirklich gut das kannst du eh zu nix Vernünftigem gebrauchen und manchmal weiß man’s einfach nich aber man sagt die totale Wahrheit auch wenn man es ganz ganz anders meinte und so verschwendete ich also die Scheine. Ich aß nichts aber ich trank viel mit Koffein weil Koffein mich auf leerem Magen hyper und fröhlich macht und ich so gut wie immer einen leeren Magen habe wenn’s nicht anders geht und so ist es meine ganz eigene Droge.
Ich begann das Ganze als ein großes Abenteuer zu sehen, als eine Herausforderung. Je länger ich durchhielt, desto besser wäre ich, und dann könnte ich mich dafür belohnen, mit etwas Käse vll, das hatte ich schon lange nicht mehr gegessen, denn ich hätte mich ja ziemlich viel bewegt, da ich ja auf der Flucht war und so, und mir damit sicher das Stückchen Käse verdient, oder nicht?
So in Gedanken lief ich raus aus dem Café auf den Parkplatz, als mir auffiel dass ich mir wieder nen Fahrer suchen musste. Ich schaute an mir herunter und bemerkte, dass ich ziemlich lächerlich aussah und man sehr wohl sah, dass meine Cupgröße D nur ein paar Lumpen unter meinem T-Shirt waren also ging ich zum dritten Mal aus Klo, „leerte“ meine Klamotten von dem Schrott, zerschnitt die Kleider meiner Mutter in kleine Fetzen, stopfte sie in den Mülleimer, zog mir Shorts und ein T-Shirt an und betrachtete mich im Spiegel. Oh Herr Dr. Hausmann oder wie sie auch sonst lächerlich heißen, ich breche unsere Verabredung, ich schaue in den Spiegel. Ich war dick aber ich versuchte es ja so gut es ging zu ändern.
Nachdem ich alle Ersatzkleider in meinen Rucksack gestopft hatte setzte mich auf dem Parkplatz in die Sonne und dachte nach. Was würde ich jetzt machen? Wer würde noch Teil meines Abenteuers werden?
Und dann sah ich ihn. Er war vielleicht fünfunddreißig, groß gewachsen, er hatte Muskeln, die man unter seinem Muskelshirt sehen konnte, deswegen hieß das Ding ja auch so, und er war gebräunt als käme er aus Copacabana oder ist das gar kein Ort? Jedenfalls war er braun wie sonst was und hatte das unglaublichste Lächeln, und es traf mich, dass er mich anlächelte, und dabei bekam er kleine Grübchen und ich sah dass sein Bart dunkelbraun war und ganz kurz. Er zog mich zu sich hin wie ein Wasserstrudel. Na Kleine, sagte er, und nickte mir zu und ich sagte nur na.
Und wenig später saß ich neben ihm im Lastwagen und erfuhr, dass er erst seit zwei Monaten wieder abreitet, doch was er davor getan hatte verschwieg er. Und so fuhren wir Richtung Norden, denn da wollte er hin und mir war es sowieso egal. Als ich aufwachte spielte das Radio leise „Sweet Home Alabama“ und ich musste lachen. Er drehte mir den Kopf zu und grinste einfach und dann klopfte er mit den Fingern auf das Lenkrad, summte mit und ich stimmte mit ein.
Du bist wunderschön, sagte er dann. Ich starrte ihn einfach von der Seite an. Er sagte nicht wie die anderen die ich kannte Mädchen, wie alt bist du, mein Gott, iss doch was, nein, er sagte: du bist wunderschön. Fahr rechts ran, sagte ich, und einfach so beugte ich mich rüber und küsste ihn, einfach weil ich wollte, und das Radio sang does my conscience bother you, und nein, das tat es nicht, Sweet Home Alabama…
Ich beobachtete wie Straßenlaternen und Nebellichter an uns vorbeirasten als wir wieder auf der Autobahn waren. Er sagte nichts, aber ein Lächeln umspielte seine Lippen und meine auch. American Style Roadside Diner stand auf einem grünroten Neonschild am Straßenrand, und es raste vorbei, später ein Straßenschild, aber ich las es nicht. Ich beobachtete ihn.
Das Lied im Radio wechselte. Das is Athlete von Tourist sagte er, und ich nickte einfach nur. Und so ging es weiter. Das ist Orson, sagte er. Linkin Park. Maximo Park. Er kannte alle Lieder. Hörst du immer den gleichen Sender, fragte ich, und gleich darauf, wie hälst du es in der Einsamkeit aus, hast du keine Familie? Genauso wie du, meinte er blos, du scheinst mir ein Mädchen sein, dass die Einsamkeit schätzt, und du hast auch keine Familie mehr, was?
Als ich schwieg schwieg auch er und am nächsten Morgen als ich wieder wach war saß er noch immer am Steuer. Neben dem Lenkrad lag eine Packung mit Pillen. Damit ich wach bleibe, erklärte er, und ich dachte nicht einmal zweimal darüber nach.
Als wir endlich an seinem Ziel ankamen ließ er mich etwas warten während er den Laster zurückbrachte und dann nahm er mich mit in sein Hotel wo er schlief und fernab von meiner Mutter, Therapeuten, Lehrern und anderen Wichtigtuern und Moralaposteln taten wir einfach was wir wollten und was das war muss ich nicht hinschreiben und als wir fertig waren ließ er mich liegen und ging.
Das war der erste Tag.
