Lenin - mag kein blau
"Lenin!" Frau Müller-Bleibtreu's Stimme klang laut und vernehmlich bis zur Strasse hin. Horst und Hans-Georg waren gerade auf dem Weg zu ihrem Wochenendeinkauf.
"Hat sie das öfters?" fragte Hans-Georg besorgt.
"Quatsch", meinte Horst. "Es muss eine Art Spontanregression in die Anfänge des letzten Jahrhunderts sein. Wahrscheinlich hat sie nur zu lange Yoga gemacht!"
"Lenin, mein Kleiner!" Im gleichen Moment sprang ein sympathischer alter Dackel an Horstens Bein hoch. - "Da bist du ja, musst du immer weglaufen!"
Frau Müller-Bleibtreu tauchte jetzt aus dem hinteren Teil des Gartens auf. "Ich sehe, ihr habt euch schon miteinander bekannt gemacht. Das ist mein neuer Mitbewohner. Ich habe ihn von meinem verblichenen Bruder Otto geerbt."
"War Otto, ähm, Kommunist?" fragte Horst interessiert.
"Ein leidenschaftlicher!" bejahte die alte Dame. "Allerdings ein Trotzkist. Mit den sogenannten real existierenden Sozialismen hat er nichts am Hut gehabt. Den Hund übernahm er von einem anderen Genossen, einem Orthodoxen - wenn ihr versteht.
Otto hat erst versucht, ihn in Liebknecht umzutaufen, aber Lenin war schon an seinen Namen gewöhnt."
Sie hielt kurz inne. "Aber wenn ihr schonmal zum Einkaufen geht, könnt ihr dann nicht diesen Freßnapf für mich umtauschen?" Sie zog den genannten aus ihrer Schürzentasche.
"Er ist noch ganz neu. Ich habe ihn erst gestern gekauft!"
"Aber wieso denn das?" verwunderte sich Horst. "Ich meine, ich als Hund - ich fräße gern aus so einem blauen Schüsselchen."
"Du vielleicht." Frau Müller-Bleibtreu blickte ihm in die Augen. -
"Lenin frisst nur aus roten!"
