Hummelchen

05.02.2016 um 01:35 Uhr

Bunt, laut, nass, kalt und dazwischen die Hummel

Als ich heute im eiskaltem Regen, mit eiskalten Füßen, eiskalten Händen und eiskalter Nase dem bunten Karnevalstreiben zuschaute, Bonbons, Gummibärchen, Taschentücher, Küchenschwämme, Kugelschreiber und Billigschokolade aus den Pfützen sammelte, hab ich wie jedes Jahr an meinem Verstand gezweifelt. Die Hummel hatte gleich zu Beginn des Zuges eine Freundin auf der gegenüberliegenden Seite der Straße entdeckt und schrie "JOOO-HAAAA-NAAAAAAH!!!" statt wie alle anderen Kinder "KAM-MEL-LÄÄÄÄÄ!!". Nach einer halben Stunde merkte sie, dass es keinen Sinn hat, sich gegen den Lärm aufzulehnen. Sie sammelte seelenruhig alles ein, was sich in unmittelbarer Reichweite befand.

Ich stand da und sah all das Zeug durch die Luft sausen, all die Menschen mit quietschbunten Mützen, Nasen und Anzügen. Seit ca 20 Jahren betrachte ich leicht bekleidete junge Mädchen mit mütterlicher Sorge und bin froh, dass die Erdnuss solide als FBI-Agentin unterwegs ist. Gleichzeitig frage ich mich, was Flüchtlinge wohl denken mögen, wenn sie sehen, dass es Länder gibt, in denen Lebensmittel einfach so mal in rauen Mengen in kalte Pfützen auf die Straße geworfen werden.

Die Hummel steht da, wie immer unbekümmert, unbeeindruckt von Lärm und Kälte. Lakonisch hält sie mir eine kleine Popcorntüte hin. "Aufmachen!" heißt das. Mit Ausrufezeichen, ohne Danke. Ich folge widerspruchslos. Mir ist kalt und ich habe diese Gesellschaft satt. Die gesamte. Insbesondere die des Rheinlands. Und dann habe ich etwas gemacht, was mir entgegen aller Erwartungen unfassbar viel Spaß gemacht hat: Ich habe 10 Minuten die Hummel dabei beobachtet, wie sie ein Popcorn nach dem anderen bedächtig und genussvoll in den Mund wirft und kaut. Während dieser Zeit fahren zwei riesengroße Traktoren an ihr vorbei. Eine Kanone gibt einen lauten Knall von sich. Von überall fliegen Riesenschokoladentafeln, Chipstüten und Lakritzstangen um unsere Ohren. Einige landen auf dem Hummelkopf, die weiterhin unerschrocken ihr Popcorn genießt und aufmerksam die von mir als so ermüdend empfundene Gesellschaft beobachtet.

Sie hat definitiv eine Begabung für den Augenblick.

17.12.2015 um 00:34 Uhr

Deine Augen voller Tränen

Es bricht mir das Herz, wenn sich in deinen Augen in kaum wahrnehmbarer Geschwindigkeit ein See von Traurigkeit bildet. Manchmal weinst du aus Berechnung. Aber diese Augenblicke sind voll tiefem und auch für dich überraschenden Kummer.

Deine Stimme bricht dann und dein kleiner Mund zittert und ja, es war nur eine winzige Kleinigkeit in meinem Universum, aber in deinem, da war das ein Riesending. Die Flasche Sprite hatten wir für dich gekauft. Und nun war sie leer. Das hat dich so tief getroffen, dass du mit diesen Kummerseen in den Augen vor mir stehst, mühsam in Worte fasst, dass es DEINE Flasche war, und dass sie nun jemand anders getrunken hat und dass gar nichts mehr für dich übrig ist.

Eine Kleinigkeit. Für dich ein kurzer und schnell vergänglicher Weltuntergang. Aber in diesem Moment trägst du deinen Schmerz hinaus in die Welt, er hat mich erreicht, durchflossen und vorübergehend mit umgehauen. Wir haben uns gedrückt und ich habe deine Tränen von deinen runden Wangen gewischt.

Morgen werden wir eine neue Flasche Sprite holen. Du wirst dich daran erinnern, so wie du dich an die meisten Sachen erinnerst. Aber mit dem Schmerz von diesen wenigen Sekunden wird es nichts zu tun haben.

Der ist vorbei. Und doch war er da.

25.11.2015 um 23:46 Uhr

Na super!

Ich liebe es tatsächlich auch, jeden Morgen mit dir über deine Kleidung zu diskutieren. Es macht mich auch wahnsinnig und ich muss zur Arbeit und du Sturkopf diskutierst mit mir alles bis zum bitteren Ende aus. Du findest unfassbar gute Argumente von "blau ist nicht so meine Farbe" bis hin zu "ich möchte nicht cool sein, ich möchte süß und schön sein"

Falls das alles nicht hilft, ziehst du die "es kratzt oder drückt"-Karte. Ein sogenanntes Totschlagargument. Darauf geh ich immer ein.

Aber gestern hatte ich mich durchgesetzt. Du wolltest keine Hose, also suchte ich ein Kleid aus. Du wolltest lieber einen Rock, aber alle deine Röcke waren in der Wäsche. Also wolltest du ein anderes Kleid. Auch das hab ich dir ausgesucht. Wir mussten dann auch den Pullover wechseln. Raus aus dem Shirt. Rein in den Pullover, Kleid drüber. Du diskutierst über die Farbe der Strumpfhose. Und die, die du anhast, kratzt natürlich. Also wechseln wir auch die. Und dann überlegst du es dir spontan anders. Nein. Das Kleid ist nicht schön. Ein anderes Kleid soll her.

Aber dieses Mal nicht. Ich bestehe auf dem Kleid. Nö. Jetzt reicht es. Ich gehe aus der Wohnung. Du schluchzt hinter mir her, beruhigst dich aber schnell. Du steigst auf dein Fahrrad. Fährst los. Strampelst den kleinen Hügel hinauf. Hältst an. Wartest, bis ich neben dir bin und schaust mich von der Seite böse an:

"Na super Mama! Da hast du mir ja das PERFEKTE Kleid zum Fahrrad fahren rausgesucht!"

Mir bleibt der Mund offen stehen. Das ist schon nicht mehr ironisch, das ist schon süffisant.

Ich muss lachen. Du nicht. Mit zusammen gekniffenen Mündchen fährst du weiter. Aber schon ein paar Meter weiter lachst du wieder. Du bist niemals nachtragend. Nur sehr klar.

Man weiß immer, wo man bei dir dran ist.

Ich freu mich schon auf morgen früh.

22.11.2015 um 00:52 Uhr

Was nutzen Texte in Gedanken?

Immer wieder sehe ich dich an, lausche deinen süßen Konstruktionen und Kommentaren, schnupper an dir und will es beschreiben, in Gedanken finde ich dann ruckzuck schöne Worte für den zarten Schwung deiner Wangen, das Grübchen unter deinen vertrauensvollen blauen Augen, für deine Durchsetzungsfähigkeit und deinen unverblümten Humor.

Und dann sind die Momente zu weit weg. Keine Zeit. 50h Büro, Wäsche, Einkaufen, viel zu viel um den Genuss der wenigen freien Augenblicke noch in Worte zu gießen...

Heute hast du gerülpst. Es war ein eleganter spontaner außerordentlich langer Rülpser, der dich selbst überrascht hat. Wir haben uns verdutzt angeschaut und mussten so lachen. Das ist die Erinnerung von heute.

Sie ist klein, aber wunderbar.

Wie du.

02.11.2014 um 00:57 Uhr

Seh mal, was is kanne!!!

Ach, die Hummel. Sie setzt ihr unbekümmertes Sein fort. Jeder Tag eine Neuentdeckung von Zielen, Wünschen, Kenntnissen und Bildern.

Das setzt sie, nach Meinung der Pädagogen aus dem Kindergarten, brilliant in Worte um. Der Meinung bin ich auch, nur denke ich, dass das EIGENTLICH Brilliante daran, ihre formvollendete Grammatik ist, die sie souverän in eine Fantasie-Aussprache gießt. Sie bildet die komplexesten Sätze. teils hypotaktisch ineinander verschachtelt, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Sie liebt Small-Talk. Sobald sie merkt, dass man sich gepflegt unterhält, hat sie gleich auch was zu sagen. Und nicht nur mit der Aussprache, nein, auch mit der Wahrheit nimmt sie es dann nicht mehr so genau.

Heute war Kevin zu Besuch. Ja. Kevin und die Erdnuss sind immer noch Freunde. Das ist sehr romantisch, bedenkt man, dass sie die Windelphase, die Kindergartenphase, die natürliche Segregationsphase, die Grundschul- und nun auch die weiterführende Schulwechselphase gemeinsam überstanden haben. Aber darum geht es ja grad gar nicht. Kevin sitzt bei uns beim Abendessen und erzählt über seine neue Klasse. Die Hummel mischt sich ein: "Kevin? Is hat eine Dino-Sauria desehn." Kevin kann sich immer gar nicht entscheiden, ob er die Hummel süß oder unheimlich finden soll. Nein. Das ist es nicht. Es ist ihm unheimlich, dass er sie so süß findet. Und dann weiß er gar nicht mehr weiter. Er schaut sie mit genervtem Verzücken an und fragt höflich nach: "Ach?" "Ja. Als is im Tzoo war, midde Anika, da hat is ein Dinosauria desehn, aber der war danz tlein, so tlein war der", sie zeigt mit Daumen und Zeigefinger, wie klein der Dinosaurier war und quasselt weiter: "der hat um der Zaun desessen und da war auch eine Rutze und da sin auch Tziegen gewesen und die ham mir Aua demacht, und dann hat is eine DiRAFFE desehn und die war lang!" Die Erdnuss amüsiert sich: "Lang? Die Giraffe war lang?" "Mmh." Die Hummel nickt beiläufig. "Und die Lotta war da, weil die is mitdetommen und die hat is lieb." "Die Lotta hast du lieb?" "Mmh. Und dann hat is nis gelafen in de Kindahaus." Abrupter Themenwechsel, Hauptsache, man wahrt sich das Rederecht.  "Ja, warum schläfst du eigentlich nicht im Kinderhaus?" Wie aus der Pistole geschossen: "Weil is aua hatte, weil die Tziege im Tzoo mis gebissen hat. Weil de Löwe so laut war und de Sauria auch." Ihr geht die Luft aus und sie stopft sich eine ganze Scheibe Fleischwurst in die kleine Schnute. Zufrieden durch die Nase röchelnd, versucht sie die Riesenwurstmatsche zu bewältigen, die Großen nehmen ihr Gespräch wieder auf. Das passt der Hummel gar nicht. "Mama?" "Psst Hummel, der Kevin redet grade" "Mama?" "Wart mal kurz, ich will dem Kevin zuende zuhören." Kevin öffnet den Mund. "Mama?"