Eigentlich war alles ganz anders gedacht.
Es sollte der zweite Teil des Traumaarbeitseminars werden. Ich reichte Urlaub ein
für Donnerstag und Freitag, kratzte das Geld zusammen und bereitete mich innerlich
darauf vor meiner Selbstständigkeit entgegen zu arbeiten.
Ich nahm meinen Schwund (Schweinehund) an die Leine, obwohl er an diesem Morgen
wirklich mächtig kläffte und meine Unlust in eine Richtung führte, die mein Verstand
versuchte zu unterbinden. Das unangenehme Kribbeln im Bauch war heute irgendwie
doller als sonst und ich versuchte Erklärungen dafür zu finden. Auf dem Weg meinte
die U-Bahn dann auch einfach mal aussetzen zu müssen und der Schaffner schmiss alle
Fahrgäste mit bekannter Berliner Freundlichkeit aus dem Zug („Zuch is kaputt, keene
Ahnung wie se von hier wegkommen…“). Also ein kleiner halbstündiger Spaziergang
durchs angesnobte, mittagshungrige Charlottenburg. Ich hatte keine Lust. Einfach
keine Lust und ließ mir Zeit mit dem Schlendern, in Erinnerungen im Abend zuvor
schwelgend… Am Seminarort eingetroffen, warteten die bereits Anwesenden auf alle
noch hängengebliebenen U-Bahnopfer. Und dabei hoffte ich so, den Anfang verpasst
zu haben. Nein! Ich wollte mich zusammenreißen und alles mit Lust und Laune mitnehmen.
Aber es wollte einfach nicht zum Gefühl passen….
Ich kam überhaupt nicht richtig an. Ich konnte mich weder mit der Gruppe verbinden,
noch mit mir. Ich war gar nicht da. Und mit jedem zurück in den Raum zwingen, spürte
ich wie ich mich irgendwie in ein Schema eingrenzte und wie ich etwas tat, was gerade
einfach kein Teil in mir wollte. Ich rebellierte, mein Verstand versuchte zu
rebellieren und dieser Kampf ließ mich traurig werden. Diese Art von Arbeit, sich
mit der Familientraumathematik zu beschäftigen passte gerade so überhaupt nicht
in mein Gefühl. Ich hatte keine Lust eine Selbsterfahrung zu durchleben in der Familienproblematiken
an den Haaren herbeigezogen wurden (wenn ich nur nach Problemen suche, dann
finde ich auch welche…). Ich wollte keine Ahnen aus der Vergangenheit hinter
mir aufstellen und fühlen…. Mir ging es gerade viel zu gut um irgendwo
rumzurühren, wo ich früher schon rumrührte. Das hier war mein ureigenster
Rhythmus, dem ich nachgehen wollte und der gerade stattfindet. Und hätte ich
gewusst, dass es in Richtung Familienaufstellung geht, dann hätte ich einfach
nicht teilgenommen.
Ich fühlte mich einfach vollkommen falsch in diesem Raum. Ich wollte flüchten.
Ich fühlte mich beinah schon aus meinem Körper schwinden und mir drohte
schwindelig zu werden. Ich sah mich am Meer, ich sah mich immer wieder auf dem Anathema-Konzert.
Ich spürte, wie ich das als viel heilsamer empfand in der Gegenwart zu genießen,
als in der Vergangenheit nach Traumata zu wühlen. Ich konnte einfach nicht
fühlen, was er erzählte. Es fügt sich alles, ohne dass ich in die Tiefe einer
Vergangenheitsbewältigung hinein muss. Es wird auf anderer Bewusstseinsebene
etwas heil. Das war ein intensives, inneres Durchleben und eine Erkenntnis für
mich selbst...
Und ich sah mich wieder am Meer und mir tat sich das unbändige Gefühl auf, dem
einfach nachzugehen. Ich spielte immer tiefer mit dem Gedanken, das hier
einfach abzubrechen. Erst als am Nachmittag die erste Behandlung auf der Liege begonnen
wurde, kam ich ein stückweit wieder zu mir. Diese Art zu behandeln tut mir einfach
so gut. Ich war bewusst und präsent, als ich meine Übungspartnerin behandelte
und unser Erfahrungsaustausch deckte sich mit unser beider Empfinden und
Intuition. Und ich strudelte in andere Welten, als sie mich behandelte. Ich sah
Bilder, hörte Töne, ich fühlte, wie sich etwas ordnete und sortierte, wie eine bestimmte
Ebene in mir „glatt“ wurde. Und mein Körper unterstrich das, indem er sich öffnete
und weit atmete. Meine Übungspartnerin bestätigte mir das, sie sagte, alles fühlt
sich ganz weit und wohlig an.
Beim Gruppenaustausch am Ende erzählte ich das so. Dass ich davonschlummerte
und andere Welten betrat, aber trotzdem spürte, dass etwas passierte, ohne dass
ich das genau benennen oder bestimmen konnte. Ich sah keine Ahnen oder konnte
erklären, wie sich spezifisch wo, was in mir veränderte. Ich fühlte einfach den
Fluss, der sich von selbst regulierte. Mein Seminarleiter W. sah darin wohl ein
tief sitzendes Problem und schob das in meine „ProblemThematik“-Schublade. Wohl
auch, weil ich zu Beginn kein Gefühl zu meinen Familienmitgliedern und Ahnen aufbauen
wollte und das bei ihm als Verweigerung ankam. Wahrscheinlich habe ich wohl ganz
viel zu verbergen, wovor ich gerade Angst habe, so seine Gedanken, die mich
erreichten… Er nahm mich oft nicht ernst und dass er sich vor der Gruppe anmaßte
mir zu erklären, dass ich nicht bewusst genug wäre, weil ich davonschwebte (meine
Traumwelt ist der beste Heilort für mich, den es gibt…), erklärte dann meine
Verschlossenheit der Gruppe gegenüber. Witzigerweise erzählten viele der Teilnehmer
ähnliches, nur sie formulierten es anders. Sie schliefen nämlich einfach nur ein
und da war es wohl völlig in Ordnung unbewusst zu sein. So manches Mal kam mir das
mit ihm und mir schon wie ein kleiner, indirekter Machtkampf vor, weil ich nicht
zu hundert Prozent dem folgte, was er seit Jahren lebt… Andere finden ihn wohl
wahnsinnig faszinierend, wenn er sich mit seinen Behandlungserfolgen schmückt und
seine Bühne für seinen Auftritt bereitet. Eigentlich sah ich darüber immer hinweg
und fand es nur spannend, wie andere mit großen Augen an seinen Lippen klebten.
Jeder hat so sein Steckenpferd und er braucht eben seinen Mittelpunkt und seine
Streicheleinheiten. Und so konzentrierte ich mich auf das, was ich mitnehmen
wollte. Das war mit jeder Faser diese Art der Körpertherapie. Und er hat eine
Menge Wissen, welches er zu vermitteln wusste. Nicht alles stieß auf Resonanz
in mir, aber das muss es ja auch nicht.
Ich beschloss also am Ende des Tages meinem Impuls zu folgen und ihm offen mein
Empfinden zu vermitteln. Er nahm es anfangs hin und legte mir sogar meinen Wunsch
in den Mund hier abzubrechen. Dabei beließ er es allerdings nicht. Plötzlich endete
es in einem cholerischen Tobsuchtsanfall und er schrie mich an. Ich erstarrte kurz
und Stück für Stück realisierte ich, was hier eigentlich abging. Trotz, dass meine
Halsschlagader anschwoll und pumpte und pumpte, weil es mich eben nicht kalt lässt,
wenn mich jemand anschreit, musste ich innerlich sogar ein bisschen schmunzeln,
ob des Theaterstückes, welches er gerade aufführte. Er tat eigentlich genau das
Gegenteil von dem, was er immer predigte. In liebevoller Achtsamkeit und
Offenheit, blabla – nichts davon war gerade mehr von Bedeutung. Er sah mich gar
nicht – hat mich nie wirklich gesehen. Er stieß auf etwas in mir, was er in sich
ablehnte. Als er lauter wurde, stand ich einfach auf und ging. Ich muss mich nicht
anschreien lassen für eine Sache, die ich freiwillig tue…
Das war es wohl. Meine Ausbildung ist an diesem Ort nun zu Ende und ich weiß jetzt
auch warum…
Auf dem Rückweg war ich dann in Gedanken, in Zweifel und in dennoch immer wieder
dazwischen auftauchender Bestätigung… Und ich fuhr mit der U-Bahn in die komplett
andere Richtung, als ich eigentlich wollte und bemerkte es erst, als ich schon
fast am Ende war. Wenn das kein Zeichen ist…;) Es musste wohl so kommen. Mit
viel Explosion und Action. Es passt gerade alles zusammen...
Ich habe beschlossen nur noch zu genießen und mich nicht mehr in irgendwelche Zwänge
zu verwurschteln und mich anzupassen. Wozu auch? Wenn ich mich ganz und gar fühle,
glücklich und ausgeglichen, was mehr kann ich mir hier in diesem Leben wünschen?
Ich fuhr zum Meer und fühlte mit jedem Moment die Richtigkeit meiner
Entscheidung.
Mir wurde ein Sternenschnuppenregen im Universum geschenkt, welcher das alles nicht
hätte besser besiegeln können…
Ich hatte nicht mal einen Wunsch, weil gerade irgendwie alles da ist…
Und zu meiner Überraschung laß ich dann einen Artikel, der mich staunen ließ, weil
ich genau das gerade durchlebte…