Intelligenzmord

27.05.2010 um 20:43 Uhr

Konfrontationsentwicklung

Die Kacke ist richtig am dampfen. Habe meinen schwulen Freund inklusive Ex-Freund in meiner Bude einquartiert bzw. einquartieren lassen und ich weiß immer noch nicht, was Andy eigentlich hier will. Ich meine, die Wahrheit ist auch nicht immer wichtig und deswegen weigere ich mich weiterhin nachzufragen, auch auf das Drängen von Steve hin:

"Jetzt frag' ihn doch mal, was er hier will!"

"Wieso sollte ich? Der denkt doch dann nur, dass ich die Hoffnung habe, dass er hier ist, weil er die Scheidung eingereicht hat und nach Jahren doch mal erkannt hat, was er an mir hatte!"

"Das bezweifle ich...."

"Was soll denn das heißen?" Willst du mir etwa sagen, dass ich nicht vermissenswert bin?!"

"Nun ja, aufgrund der Tatsache, dass du Launen hast, die sich im Millisekunden-Takt ändern, du nachtragend bist, als würdest du einen Rekord aufstellen wollen im Vorhaltungen-machen-zu-jeder-Gelegenheit und du wohl unter einem Gendefekt leidest, der deinen Egoismus besonders stark hervorheben lässt, würdest du mir irgendwann bestimmt auch mal fehlen."

"Was soll denn das jetzt werden?! Auf welcher Seite stehst du eigentlich?! Nur um deinen scheinbar beschädigten Hirnwindungen auf die Sprünge zu helfen, war er der Auslöser dafür, dass ich emotionale Qualen durchstehen musste, von denen du so viel Ahnung hast, wie von Muschis!"

Das sah er dann wohl ein, allerdings auch nur, weil ihm eingefallen ist, dass ich ihn in dieser schweren Zeit jedes Mal angerufen hatte,wenn mich eine neue Schluchzwehe heimsuchte. Er hatte angeboten, dass ich ihn jeder Zeit anrufen kann, wenn etwas ist. Und wie etwas war. Lass' ich mir ja nicht zweimal sagen. Angebotene Hilfe auszuschlagen ist ja wie Schuhe anprobieren und sie dann nicht kaufen! 

Da der Seelenmetzger bisher noch keine Anstalten macht, meine Couch und mich wieder zu verlassen, werde ich nun doch mal dezent und völlig unauffällig nachhaken müssen. Seinen Ehering trägt er zumindest noch, wie ich schnüffelnd nach Hinweisen gesehen habe. Auf keinen Fall den Eindruck von Hoffnung erwecken, Gleichgültigkeit ausstrahlen ist die Devise. Tu' so als wäre nichts, dann ist auch nichts. Jawohl.

Er macht es mir aber auch wirklich leicht! Was ganz Neues. Verhält sich den ganzen Tag völlig normal, als wäre er nie woanders gewesen. So kann das aber nicht weiter gehen!

Schleicht sich plötzlich wieder in mein andybefreites Leben und tut so als wäre nichts gewesen. Oh nein, verhält sich sogar, als wäre ich eine gute Bekannte, die man ab und an mal für ein paar Tage besucht!

Es ist Zeit, die Fronten zu klären! 

25.05.2010 um 19:14 Uhr

Erwischt...

Da stand er also plötzlich hinter mir. Natürlich. Ich hätte es wissen müssen! Schließlich bin ich nicht das erste Mal in die Situation gekommen, dass ich im Eifer des Gefechts meine Umwelt gänzlich ausblendete. Könnte auch an meiner nicht vorhandenen Multi-Tasking-Begabung liegen. Konversationen über jemand anderes führen und dabei noch die Umgebung beobachten, das ist einfach zu viel des Guten. Allerdings ziehe ich meinen Hut vor allen Frauen, die dazu wirklich fähig sind und es nicht nur behaupten, weil sie glauben, diesem Klischee anzugehören würde Eindruck schinden.

Gerade als ich mich voll und ganz meinem Erwischt-worden-Gefühl hingeben und dazu stehen wollte, hatte Steve das Bedürfnis mir zu helfen:

"Sie hat nicht den Sex mit dir gemeint, sondern den mit dem Mann, mit dem sie dich betrogen hatte, also mach dir keine Gedanken, es ging hier gerade wirklich nicht um dich."

Da stand Steve grinsend vor uns, überzeugt davon mich gerettet zu haben. Ich konnte es nicht fassen. Andy auch nicht.

"Du hast mich betrogen?"

Warum nicht einfach mal so stehen lassen. Ich hatte vor die Wahrheit zu sagen, der Wille war durchaus da.

"Was regst du dich so auf? Darf ich dich daran erinnern, dass nicht ich es bin, die du auf Knien darum gebeten hast, deine Frau zu werden, sondern die, mit der du in meiner Abwesenheit deine Einsamkeit bekämpft hast?! Nicht, dass ich scharf darauf gewesen wäre eine Karriere als Ehefrau zu starten, hätte ich mich auch darüber gefreut zu hören, dass du derzeit davon überzeugt bist dein Leben in Anwesenheit von mir zuende zu leben!"

Steves Freude wich der puren Verweiflung. Seine Blicke wanderten hilfesuchend von Andy zu mir und wieder zurück.

Andy immer noch ruhig:"Du hättest im ersten Moment "ja" gesagt, aber sobald die romantische Stimmung der Realität wich, hättest du es zurück genommen aus Angst, du könntest etwas verpassen. Und deswegen habe ich dich verlassen. Verlassen, aber nie betrogen. Verlassen, weil du früher oder später gegangen wärst...."

Mir fehlten die Worte, Steve ausnahmsweise auch.

Und wieder fühlte ich mich erwischt...

 

21.05.2010 um 19:12 Uhr

Das Übel nimmt seinen Lauf

Am nächsten Morgen weckte mich ein heftiges Klopfen an meiner Schlafzimmertür. Oh nein. Nicht noch eine Katastrophe. Erst taucht der Scheißkerl einfach auf in einem äußerlichen Zustand, den ich selbst nur ganz schwer ertragen konnte und jetzt der Alptraum jeder Frau: den Mann mit dem wirklichen Aussehen seiner abends noch sehr hübschen und sehr geschminkten Angebeteten zu konfrontieren.

Also gut. Musste eben Steve dran glauben, der allmählich auch schon wach wurde.

"Steve! Geh an die Tür!"

"Wieso ich?"

"Soll ich mal das Licht anmachen,dann kannst du dir die Frage selbst beantworten!"

Steve öffnete also die Tür und wer stand da, eine völlig erschrockene Tanja. Die gabs ja auch noch! Die stürmte natürlich an dem schwulen Hindernis vorbei direkt auf mich zu.

"Da liegt EIN Mann auf der Couch und EIN ANDERER öffnete mir halb nackt die Tür! Kannst du mir das mal erklären ohne, dass du dabei pornoähnliche Geschehnisse äußerst?"

Gut, in meiner Vergangenheit kam es schon mal vor, dass sie unerwartet nach hause kam und mit Aktivitäten konfrontiert wurde, die selbst ich ihr gerne erspart hätte, allerdings war ich in diesem Fall völlig unschuldig.

"Naja, ähm....unten liegt mein Ex und oben lag,wie du eventuell in deinem Attentatswahn übersehen hast, Stevie. Da wir keinen Alkohol in Massen getrunken haben, die selbst einen Elefanten in's Koma fallen lassen und er dadurch vergessen würde, dass ich statt einem Schwanz eine Muschi hab, haben hier keine Sexorgien stattgefunden."

Wieviel Erleichterung man doch in einem Gesicht sehen kann. Erstaunlich.Das reichte meiner Mitbewohnerin völlig aus, um das Feld wieder zu räumen. Kaum auf dem Weg zum Bad riss ich die Tür auf und Andy stieg splitter nackt aus der Dusche. Es nimmt kein Ende! Der Schock über diesen mittlerweile sehr befremdeten Anblick ließ mich kurz erstarren, bis ich Steve dicht hinter mir hörte:

"Also so schlecht kann er jetzt auch nicht gewesen sein."

So schnell,wie die Tür offen war, war sie auch wieder zu, Steve hinter mir die Treppe runter ziehend.

"Hast du nicht mehr alle Latten am Zaun?!"

"Naja, gerade eben hätte ich beinahe eine bekommen",erklärte er schmunzelnd.

"Das meinte ich nicht! Ich habe dir doch nicht in der schlimmsten Phase meines Seelensterbens erzählt, welche Betteskapaden ich mit ihm durchmachen musste, dass du ihm das direkt auf die Nase reibst!"

"Na,entschuldige mal bitte, es war nie davon auszugehen, dass ihr euch jemals wieder seht und nackt erst recht nicht!"

"Hätte ich etwa dazu sagen müssen, dass der werte Herr bitte auch unter Schweigepflicht steht, wenn er direkt auf den Auslöser meiner sexuellen Frustration trifft?!"

Plötzlich ertönte eine Stimme aus Richtung Treppe:

"Du fandest also den Sex mit mir schlecht?"

Verdammt...

 

 

18.05.2010 um 20:55 Uhr

Mitternachtstalk

Die Wahrscheinlichkeit, dass Steve in 3 Minuten in denen ich Andy ein Kissen und eine Decke brachte, eingeschlafen war, war so hoch, wie die Chance, dass ich eine Diät ERFOLGREICH durchhalte. Zumal sich Steve schon seit geraumer Zeit in psychologischer Behandlung befand wegen diverser Störungen seiner Seele, wie er selbst behauptet. Ich persönlich bin der Meinung, dass er aufgrund einer seelischen Verstimmung, wahrscheinlich nach der Feststellung, dass sein Derzeit-Lover damals nicht in der Lage war zu erkennen, was für ein prächtiges Kerlchen er ist, zur Erkenntnis kam, dass er sein angeknackstes Ego von geschultem Fachpersonal wieder aufrichten lassen sollte. Dabei stellte er fest, dass sein sehr gutaussehender und ebenfalls sehr schwuler Psychologe durchaus eine Möglichkeit zur Heilung darstellte.

Da lag er nun in meinem Bettchen, mit dem Rücken zu mir, damit ich seine unkontrollierte Mimik nicht sehen konnte, die verraten würde, dass er sich keineswegs im Traumland befand.

"Und jetzt zu dir, Freundchen! Scheinbar hast du größere Verständnisprobleme! Unter "Notfall" steckt nicht die Aufforderung, dass du mich zu solchem machen sollst, sondern ein verzweifelter Ausruf mit Erwartung auf Hilfe!!!"

"Darf ich das Fräulein mal sanft daran erinnern, dass es sie auch nicht weiter gestört hat, als ich eines Morgens mit einer Frau aufgewacht bin und das in einer anderen Stadt ohne Auto und Chance von diesem Monster wegzukommen? Oh nein, das hat dich amüsiert! Amüsiert hat dich das! Du hast gequiekt wie ein Meerschweinchen, weil dich die Vorstellung erheiterte, dass ich meinen Schwanz in einer Möse hatte! Ich bin bestimmt nicht schwul, weil ich Muschis geil finde! Und hast du mich da abgeholt?! Oh ja, Stunden später, weil es dich amüsiert hat, dass dieses frisch verliebte Weibsbild nicht mehr von mir ablässt!"

Der ging an ihn.

"Alles klar, Kumpel, ich verzeihe dir!"

"Wie gütig. Sei mir lieber dankbar, ohne mich wäre er jetzt bestimmt schon zwischen deinen Schenkeln und ich bezweifle, dass du frisch rasiert bist, so verwahrlost,wie du aussahst,als ich hier angekommen bin."

"Na hör mal, ich rechne doch nicht mitten in der Nacht damit,dass plötzlich mein Ex-Freund vor der Tür steht! Anstatt hier Sprüche zu klopfen, könntest du ja allmählich damit anfangen, das zu tun, weswegen du eigentlich hier bist!"

"Weswegen bin ich denn hier? Als Aufpasser deiner Emotionen?"

Diesmal drehte ich mich mit dem Rücken zu ihm.

"Ich werde morgen erstmal rausfinden, was er hier will."

"Klasse Plan,Schätzchen, das kann ich dir jetzt schon sagen."

"Ach ja?"

"Hast du seinen Blick gesehen?"

"Welchen Blick? Den, als ich die Tür aufmachte, verheult, als hätte ich das Vorhaben gehabt, die Sahara mit Tränenflüssigkeit zum blühen zu bringen? Oder den meines Outfits, das vermuten lässt, dass ich viel Zeit damit verbringe sämtliche Spiegel und Hygienemaßnahmen konstant zu ignorieren?!"

"Er hat dich angeschaut,als hätte er dich nie vergessen..."

"Gute Nacht, Steve."

 

 

15.05.2010 um 21:30 Uhr

Das Loch im Erdboden kam einfach nicht...

Zugegebenermaßen wurde ich von Steve geradewegs in die Katastrophe katapultiert. Da fleht man um Hilfe und das Endergebnis ist die Umfuktionierung meiner Bude in eine Anlage für betreutes Wohnen. Und von Tanja ausnahmsweise auch keine Spur. Mit ihren Verbalergüssen hat sie bisher jeden vertrieben. Ich ahnte bereits schlimmes.

Steve (zuckersüß):"Schätzchen? Willst du uns nicht vorstellen, wir kennen uns noch gar nicht."

Nein, natürlich nicht, er war nur derjenige, der am Beckenrand meiner kerzenbeschienen Badewanne saß und sich bis zur extremen Aufweichung meiner Haut, meine Leidensgeschichten über ihn anhörte und dabei so mitfühlte, dass ich Angst hatte, er würde sich aus Kummer gleich ertränken.

Ich (scharf):"Klar doch. Darf ich vorstellen: Andy. Mein Ex-Freund."

Steve (erstaunt):" Dein Ex-Freund? Ist nicht wahr? Ich habe doch nicht etwa gerade bei einem Revival eurer Geschlechtsteile gestört, wobei...so wie du aussiehst, könnte man dich gerade mal noch einem sehr sehschwachen und dazu sexuell frustrierten Mann anbieten. Aber nun zu dir, Andy, wieso lernen wir uns erst jetzt kennen?"

Wie sehr verfluchte ich den Aussetzer meiner Hirntätigkeit, die mich dazu verleitete, ausgerechnet ihn über dieses Debakel zu informieren.

Andy (zaghaft):"Nun ja, wir haben uns selbst seit zwei Jahren nicht mehr gesehen...."

Steve (übertrieben unwissend):"Wieso denn das nicht?"

Ja genau. Die Frage aller Fragen von mir jahrelang in den unendlichen Weiten meiner zerrütteten Seele vergraben und nie dazu gedacht irgendwann mal ausgegraben und gestellt zu werden musste mein Schwuler (ebenfalls bald Ex-Freund!!!) in den Raum werfen. Ich, als absoluter Wahrheits-Gegner, wenn sie weh tut, wurde soeben als seelisches Frischfleisch angeboten.

Andy (leise):"Ich hatte Angst sie zu verlieren und ging, bevor sie es tun konnte."

Stille.

Schluchzen.

Steve kämpfte mit den Tränen vor Rührung. Ich mit denen der Wut.

Steve (um Fassung ringend):" Lasst uns ins Bett gehen, der Tag war aufregend genug."

Fragt sich hier nur für wen. Also errichtete ich Andy sein Schlafquartier auf meiner Couch und Steve folgte ich in mein Bett. Wohlwissend, dass diese Nacht für Steve noch kein Ende nehmen wird...