12.
Tag, 25.7. Samstag
Gestern
Abend habe ich Lundur als Übernachtungsort ausgesucht. Ich habe beim
Vorbeifahren bei Ásbyrgi zwar kurz überlegt, aber es schienen mir
sehr viele Menschen dort zu sein, so bin ich dann die paar km weiter
gefahren (wie sich heute herausgestellt hat, werden in Ásbyrgi an
die 250 Läufer eines streckenlaufs vom dettifoss nach hier
erwartet!).
Das
ist eine gute Entscheidung, denn außer mir sind nur noch ein paar
Isländer auf Reittour (die Pferde habe ich leider nicht gesehen) und
eine Familie aus ?, na? Berlin? Ruhrgebiet? Holland? da. Grad über
die Straße hinüber gibt es einen Swimmingpool mit naturwarmem
Meereswasser, den die holländische Familie und ich auch weidlich
genutzt haben. Der Abend ist mild mit Sonnenschein fast aus Norden
und nach einer Tasse Tee entschließe ich mich zu einer frühen
Bettruhe. Kaum eingeschlafen, werde ich auch schon wieder wach, weil
Wasser in mein Gesicht spritzt. Hmm, ich habe die Lüftungsklappe
meines kleinen Zeltchen aufstehen lassen und es hat grad angefangen
zu regnen. Erst möchte ich es ignorieren, als der Regen aber stärker
wird, quäle ich mich dann doch raus und verschließe schnell die
Öffnung. Die Regentropfen plätschern so beruhigend auf mein
Zeltdach, aber es dauert eine Zeit bis ich wieder einschlafen kann.
So gegen drei werde ich noch mal wach – die letzte Tasse Tee war
wohl eine zuviel – und entsteige meiner Unterkunft. Welch ein
Erstaunen, als ich feststelle, dass die letzten Regentropfen als Eis
auf meinem Zelt festkleben.
Ich hole mir dann doch vorsichtshalber
die Wolldecke mit ins Zelt, die aber wahrscheinlich nicht nötig
gewesen wäre.
Um 20
nach 8 ist die Nacht endgültig für mich zu Ende, die Sonne weckt
jeden Langschläfer. Es gibt noch kein richtiges Frühstück, nur
eine schnelle Tasse Kaffee und den Zeltabbau, denn ich möchte heute
auf die Eyjan, der Mittelfelsen von Ásbyrgi klettern.
Das
stellt sich als tolle Idee heraus. Bis auf die ersten Meter Kletterei
ist das auch ein sehr einfacher Spaziergang, der ganz sanft
ansteigend bis zur Spitze führt.
Dort sitze ich im Sonnenschein und
höre die Musik von Anwnn. Ich habe Sabine, unserer Leib- und
Magenarchäologin und Harfinistin versprochen, mir ihre Stücke an
einem besonderen Platz in Island anzuhören. Danke, Sabine, deine
Harfe hat wunderbar zu diesem wunderbaren Platz gepasst.
Auf
dem Weg laufen mir übrigens ständig Babyschneehühner über die
Füße und irgendwie müssen schon die ersten Beeren reif sein, denn
überall liegen blaulila Vogelkäckerchen. Es gibt auch eine Menge
Birkenpilze, genug für ein reichliches Mittagsmahl.
Leider habe ich
überhaupt kein Behältnis dabei.
Zum
Abschluss meiner Ásbyrgitour fahre ich natürlich noch einmal ans
Ende und gehe zum Botnstjörn,
um zu sehen, ob die Entchen dort die
BW-Keks vor 19 Jahren gut überstanden haben. Sie haben!
Der
Wald dort ist übrigens zeitlos, die Birken sind noch genauso hoch,
die Storchschnabel blühen noch genauso lila und der Schachtelhalm
ist auch noch der gleiche. Schön, dass es auch solche Orte gibt.
Núpskatla
Schon
als ich zum ersten Mal von Núpskatla im Immobilienteil des
Morgunblað gelesen habe, war ich fasziniert von diesem Hof und
wollte immer mal hin. Das ist jetzt – lasst mich überlegen –
mindestens drei Jahre her. Der Hof stand lange zum Verkauf, ob er es
immer noch ist, weiß ich nicht. Ich habe mich nicht mehr getraut
nachzuschauen; ich wollte keine Träume platzen lassen. Nun war ich
da und muss sagen: wo ist der Lottogewinn? Wer hat genügend Geld,
diesen Hof mit mir zu kaufen? Schon allein die 8 km lange sehr raue
Zufahrt ist ein Erlebnis. Die Melrakkaslétta ist in diesem
westlichen Teil sehr flach, nur Heide, kleine Seen und Steine.
Irgendwann steht man dann vor dem Tor mit Zaun, das das
Núpskatla-Land von anderem trennt. Dort steht ein Schild Willkommen
und man möge doch bitte auf den Wegen bleiben wegen der Vögel, bis
man bei der Farm ist. Dort steige ich dann auch aus und mache mich
auf den Weg zu den beiden Vogelfelsen. Zuerst führt der Weg durch
ein Brutgebiet und die Krías sind lästig, aber nicht so aggressiv
wie an anderen Stellen. Dann geht’s über einen langen Damm aus
mehr oder weniger großen Steinen,
der das Meer vom dahinterliegenden
See trennt. Der Anfang ist noch einfach, der Damm ist grasbewachsen
und es läuft sich gut darauf. Dann gibt es nur noch faustgroße lose
aufgeschüttete Steine und das Gehen wird schon mühsamer. Das
schlimmste Stück liegt aber noch vor einem: Wacken ab
Kindskopfgröße, meist größer, die nur lose und kippelig
aufeinander liegen. Das ist sehr anstrengend, denn man muss ständig
den nächsten Stein für den nächsten Fuß schon ins Auge fassen.
Das Geräusch, mit dem die Brandung diese Steine an den Damm schlägt,
ist schon unheimlich.
Dann
geht es einen steilen grasbewachsenen
Weg entlang, bis sich plötzlich
die beiden Drangar (Felssäulen) vor einem auftun. Auf beiden
herrscht reichliches Vogelleben, ich kann sogar Papageitaucher
ausmachen.
Links liegt der schöne orange Leuchtturm, auf den ich
jetzt zuhalte bis zu einem Zaun, und der Weg zurück wird durch einen
gelben Holzpfeil am Zaun entlang angegeben. Der Weg führt zu einem
bildschönen Krater, im Inneren grasbewachsen, die oberen Ränder
voller roter Steine.
Außerdem gibt es noch so eine Art Steinburg mit
Vörður, die ich mir natürlich unbedingt noch anschauen will. Dabei
verliere ich den Weg und muss mich irgend auf dem Rückweg durch das
Gelände schlagen, zum Teil sehr anstrengend durch kniehohe
Bültenwiesen. Irgendwann kurz vor dem Damm finde ich dann auch den
ursprünglichen Weg wieder. Als ich dann endlich wieder beim Auto
bin, muss ich erstmal was essen, die Knie sind mir von der
Anstrengung doch wackelig geworden und ich hatte noch nichts im Magen
außer ein paar Süßigkeiten.
Bedauernd
nehme ich Abschied. Das wäre doch hier was als Sommerwohnsitz, so
von Mai bis die ersten Herbststürme kommen: ein Hof mit eigenem
Forellensee, genügend Land für ein paar Pferdchen, eigenem Krater,
Vogelklippen, Treibholz die Menge, Strand, Vögeln und Einsamkeit.
Der
Osten der Slétta wir dann regelrecht lieblich mit roten Hügeln,
saftig grünen Grastälern, rauschenden Flüsschen und hübschen
Gehöften. Irgendwann komme ich dann durch Þórshöfn auf die
Langanes und über eine sehr raue Piste direkt am Meer entlang nach
Ytra-Lón. Dort ist schon alles voll, aber weil der Wind stark
aufgefrischt hat und sehr kalt aus Norden bläst, mag ich nicht mehr
zelten. Und so vermittelt mir Miriam ein Zimmerchen auf Hlið, dem
Nachbarhof, wo ich der einzige Gast bin. Der Gastgeber, wohl ein
älterer Witwer, hilft auf Ytra-Lón noch beim Heumachen. Die
Einrichtung zeugt von besseren Zeiten, aber alles ist sauber und der
Blick auch den Hliðarvatn direkt vor dem Wohnzimmerfenster ist
einfach traumhaft.
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