Stimmung: Was Quito angeht - ruhiger.
Musik: herrliche Ruhe
Gestern begannen die Proteste in Quito wesentlich frueher. Schon am Morgen sind die Busfahrer in den Streik getreten und hatten saemtliche Zufahrtsstrassen nach Quito blockiert. Inzwischen hatten sich auch der Gouverneur der Provinz Pichincha und der Buergermeister von Quito den Protesten angeschlossen und den Ruecktritt von Praesident Gutiérrez gefordert.
Waehrend meiner Spanischstunden in der Sprachschule gab es vor dem Gebaeude immer wieder gewalttaetige Auseinandersetzungen zwischen Polizei, Militaer und Demonstranten (Hatte ich erwaehnt, dass meine Schule gegenueber dem Parlament ist?? ;-)).

(Photo: Jakob Mueller)
Gegen 12 beschloss die Schule, fuer heute Schluss zu machen, da die Polizei vor der Schule schon wieder Unmengen Gas auf die Protestanten geschossen hatte. Mit einem Taschentuch vor Nase und Mund verliessen wir fluchtartig die Schule und zogen uns etwas oberhalb der Basilica zu meinem Haus zurueck. Diego brachte dann die zwei amerikanischen Sprachschuelerinnen nach Hause in die Neustadt.
Ich bewaffnete mich unterdessen mit Digicam und Spiegelreflex und zog wieder auf die Benalcazar, dass ict die Strasse, die von mir aus direkt in die Altstadt fuehrt. Allerdings muss sie bis zur Altstadt vielleicht einhundert Hoehenmeter nach unten absolvieren - ein paar hundert Meter von meinem Haus entfernt hatte ich also einen guten und relativ sicheren Aussichtspunkt auf die Ereignisse in der Altstadt. Vor mir lagen brennende Barrikaden, hunderte Demonstranten (stehend) und etwas weiter vorn die Barrikaden vom Militaer. Immer wieder rueckten Soldaten in die Menge und versuchten die Protestanten zurueckzudraengen - die waren allerdings hartnaeckig und nahmen sich jeden Meter wieder zurueck (aehnlich WW I - Stellungskrieg). Ich war vom Brennpunkt vielleicht 2 bis 300 Meter entfernt, mein Tele besorgte den Rest. Von den Gsawolken blieb ich auf meinem Posten aber leider nicht verschont. Circa 2 Stunden zog ich mit der Camera durch ein paar Strassen auf halber Hoehe, um dann gemeinsam mit anderen Demonstranten die Lage in der Altstadt aus verschiedenen Perspektiven zu beobachten.

(Photo: Jakob Mueller)
Nachdem sich vorest keine grossen Veraenderungen an der Lage andeuteten, besiegte der Mittagshunger meine Neugier.
Nach einem Teller Spaghetti mit Ketchup (mein Supermarkt liegt in der Kampfzone, ist seit zwei Tagen dicht und mein Kuehlschrank gibt nicht mehr her) ging ich rauf zu Diego. Er und seine Familie verfolgten die Ereignisse am Fernseher. Jede noch so kleine Fernseh- und Radiostation berichtet von allen moeglichen Brennpunkten in der Stadt - claro, dass das Thema No. 1 ist (Was fuer´n dankbares Nachrichtenthema ;-)). Kurz nach 14 Uhr gab das Militaer auf einer Pressekonferenz (PK) bekannt, dass es den Praesidenten (auch: Diktator) nicht mehr laenger unterstuetzen werde. Das Fernsehen zeigte Bilder, wie die ersten Soldaten ihre Posten verliessen. Nur wenig spaeter hatten Demonstranten bereits das Sozialministerium gestuermt. teilweise gepluendert und alles kurz und klein geschlagen. Nachdem sie damit fertig waren, legten sie in den unteren Etagen Feuer - alles "en vivo" - also vor laufenden Kameras.
Unterdessen kam die Eilmeldung rein, dass der Praesident nach Panamá ins Exil gehen moechte - ein beliebtes Land fuer Ecuadors korrupte und kriminelle Praesidenten. Er waere bereits der Dritte oder Vierte und befaende sich damit in guter Gesellschaft.
Fast zeitgleich wurde im Nationalkongress der neue Praesident, Alfredo Palacio (ein Arzt, der vor einigen Jahren schon mal Vizepraesident war), vereidigt.
Kamerawechsel. Ein Heli landet auf dem Regierungspalast und nimmt offenbar den (inzwischen EX-)Praesidenten auf.
Wieder Ortswechsel. Schwarzer Rauch steigt aus dem Sozialministerium auf, die wolke haengt ueber der Stadt und einige Mitarbeiter stehen offenbar verzweifelt in den oberen Etagen an den Fenstern und warten auf die Feuerwehr. Das Chaos um das Ministeriumsgebaeude scheint komlpett - die Polizei ueberliess das Gebaeude einfach der aufgebrachten Menge. Nach einer Ewigkeit trifft ein erster Loeschzug ein. An einem Fenster taucht auf einmal ein Mann in Zvil auf, wirft mit diversen Gegenstaenden auf die Masse und zieht dann, wir koennen es vor dem Fernseher kaum glauben, eine Pistole und feuert zwei oder drei Mal in die Menge - ein Mann wird wohl am Bein getroffen. Spaeter erfahre ich von Diego, dass Gutiérrez und Konsorten in Guyaquil, der groessten Stadt Ecuadors, einige Leute gekauft haben, die bewaffnet nach Quito gekommen sind um gegen die Protestler vorzugehen - das zeigt auch, wessen Geistes Kinder Diktator Gutiérrez und seine Leute sind. Der Mann am Fenster gehoerte offenbar zu den Proregierungsrebellen.
In der Altstadt haben inzwischen die Demonstranten die Placa de la Independencia vor dem Regierungspalast eingenommen und feiern den Ruecktritt von von Gutiérrez. Eine Hundertschaft Soldaten sichert in Form einer Menschenkette den Palast und bewahrt ihn somit offenkundig vor Pluederung und Erstuermung durch die aufgebrachten Demonstranten.
Ortswechsel. An einem anderen Brennpunkt zeigt die Kamera wieder Demonstranten. Unter ihnen wieder einige Proregierungsterroristen. Ein Typ schiesst mit einer Pistole in die Menge - die Polizei macht vorerst nicht. Danach rennt er weg - die Kamera verfolgt ihn noch bis er aus der Perspektive laeuft - jetzt sieht alles ein wenig kopflos aus und es riecht ein wenig nach Anarchie.
Inzwischen schwebt der Expraesident auf dem Hauptstadtflughafen Mariscal Sucre ein. Dort steht bereits eine zweimotorige kleine Maschine fuer ihn bereit, die ihn ausser Landes bringen soll. Kurz zuvor liess die Polizei allerdings den Flughafen abriegeln, um eine Flucht zu verhindern. Ausserdem ist eine Menge aufgebrachter Menschen bereits auf dem Flugfeld in Richtung Heli unterwegs, um die Flucht von Gutiérrez zu verhindern. Gerade als er vmo Heli in die kleine Maschine wechseln will, scheint dem Piloten der Zweimotorigen die Lage zu heikel. Er faehrt die Treppe wieder ein und dreht wieder in Richtung Startbahn. Gutierrez flieht wieder in den Heli. Was daraufhin passiert zeigt das Fernsehen nicht und es ist auch heute noch unklar. Gestern hiess es zehn Minuten nach den Fluchtbildern, Gutiérrez sei noch auf dem Mariscal Sucre festgenommen worden - heute Nacht meldete eine brasilianische Radiostation, dass Gutiérrez in die brasilianische Botschaft in Quito gefluechtet sei und politisches Asyl beantragt habe. Wie und ob ueberhaupt, ist unklar - aber das wird sich wohl in den naechsten Tagen herausstellen.
Die Feuerwehr ist inzwischen komlpett damit beschaeftigt, das Sozialministerium zu evakuieren und die Polizei scheint ihre Aufgaben wieder aufgenommen zu haben und hat die ersten Brandschatzer und Pluenderer festgenommen. Angeblich sollen unter den Gefassten auch einige der Todesschwadronen sein - hier glaubt aber keiner so recht daran, dass sie gefasst worden.
Auf der Plaza de la Independencia vor dem Regierungspalast beruhigt sich die Lage - die Menge lichtet sich langsam.
Fuer 16 Uhr bin ich eigentlich zu einem Telefongespraech mit meinen Ellis verabredet, als mir auffaellt, dass ich ihnen die falsche Nummer von Diego gegeben habe. Weil ich mit Diegos Telefon (warum auch immer) nicht nach Deutschland durchkomme, beschliesse ich einen kurzen Spaziergang zu den naechsten Telecabinas oder wahlweise zu einem Internetcafé. Die Stadt ist allerdings wie leer gefegt - ueberall sind Ueberreste von verbrannten Barrikaden zu sehen, die Strassen sehen aus wie nach der Schlacht. Auch der beissende Geruch von Gas liegt noch in der Luft. Fast alle Geschaefte haben die metallernen Rollos runtergelassen, teilweise liegen aufgetretene Polizeiabspergitter an den Seiten. Nach einer Runde um den Block finde ich endlich ein Internetcafé, dass den Krawallen getrotzt hat. Mit einer SMS beauftrage ich Daniel, meinen Ellis die korrekte Nummer mitzuteilen - es klappt (Gracias Señor Danson!)!Kaum wieder in Diegos Wohnung haelt mir auch schon Toni, der kleine (groessere) Sohn von Diego an der Tuer das Telefon entgegen und sagt: "Tú mamá!"
Am Abend und in der Nacht giesst es erstmals durchgaengig in Stroemen, als wollte das Wetter die Unruhen der letzten Tage wegspuelen. Wenngleich es das nicht kann, so reinigt der Regen wenigstens die Luft von diesem bestialischen Gasgeruch - und dass ist schon Einiges.
PS:
Was uebrigens meinen Test angeht, Freunde, den hab ich trotz Unruhen mit ¡Muy bien! gemacht - man bin ich stolz auf mich ;-)))