Stimmung: Handgelenke erholen sich, Arsch auch
Musik: Reggeaton
(Photo: Jakob Mueller)
Mein Bike - ein Rocky Mountain Flow
Am Samstag hab ich mich DAFUER entschieden. Die Routa de la muerte, die gefaehrlichste Strasse der Welt von La Cumbre bei La Paz nach Coroico muss mit dem Mountainbike gemacht werden! Die Strasse fuehrt von 4.700 Metern in La Cumbre ueber 70 Kilometer nach unten in den Dschungel nach Coroico auf 1.100 Metern. Es gilt, ueber 3.500 Meter das Bike nach unten zu lenken, ueber eine Strasse, auf der im letzten Jahr allein 101 Menschen ums Leben gekommen sind. Zu eurer Beruhigung: die wenigsten davon waren Mountainbiker. Durchschnittlich stuerzt auf der Strasse im Monat mehr als ein Bus in teilweise mehr als 1.000 Meter Tiefe - kein Wunder, auf der Schlamm und Schotterpiste hat manchmal nicht einmal ein Laster Platz, der Aussenreifen muss dann schon mal ueber der Kante fahren in der ein oder anderen Kurve. Witzig wird?s dann erst, wenn auch noch Gegenverkehr herrscht - und das tut er! Aber soweit zur allgemeinen Einfuehrung. Noch mal schoen chronologisch. Am Samstag hab ich also eine Downhilltour auf der Death Road gebucht und Tanja und Christian auch davon ueberzeugt, dass das eine guuuute Idee ist. Am Abend ist ueberraschend Matthias aus Copacabana nach La Paz gekommen und er hatte Tanja auf der Strasse getroffen. Also haben wir ihn auch noch fuer den Downhillride gewonnen und ich hatte noch nen Schlafgast in meinem Zimmer. Am Morgen um 8 ging es vor der Agentur von Downhill Madness los. Helme probieren, Handschuhe testen, Spritzhosen ueberziehen und Safety-Westen anlegen. Ausserdem: Bikecheck - hier erstmal nur, ob es passt. Die Agentur ist gut ausgestattet, sie faehrt nur mit Trek-Bikes und Rocky Mountain, die alle mit Magura-Scheibenbremsen ausgestattet sind und bei denen eine Marzocchi-Federgabel die Schlaege auf die Handgelenke abfedert. Nachdem die Bikes auf dem Dach unserer zwei Kleinbusse untergebracht sind, fahren wir los. Eine Stunde mit dem Auto raus aus La Paz auf 3.800 Meter nach La Cumbre auf 4.650 Metern. Um halb zehn erreichen wir unseren Startpunkt.
(Photo: Jakob Mueller)
Die Bikes werden von den Daechern geholt und jetzt nocheinmal komplett gecheckt: Bremsen, Schaltung und Reifen. Nach einer kurzen Sicherheitsinstruktion durch unsere Guides geht es los.
(Photo: Downhill Madness)
Das erste Stueck geht ueber Asphalt - der garantiert hohe Geschwindigkeiten, was wir allerdings nicht vollkommen ausnutzen koennen, da wir in den Wolken fahren, die Sichtweite liegt bei 10 Metern und man muss verdammt schnell reagieren, wenn ein lahmer Laster vor einem auftaucht. Dann heisst es, bremsen, Gegenverkehr checken und vorbeiziehen. Nach 10 Minuten machen wir einen ersten kurzen Stopp. Die Guides wollen wissen, ob mit den Bikes alles klar ist. Bei mir leider nicht. Mein Hinterrad schlaegt bei hohen Geschwindigkeiten irgendwo an und ich kann nicht alle Gaenge nutzen. Ich bekomme ein Ersatzbike - gleiche Ausstattung, ohne Schlaege und mit allen Gaengen. Es geht weiter ueber Asphalt nach unten. In rasendem Tempo jagen wir durch Kurven, ueberholen Busse und Laster. Immer in der Naehe unser Begleitfahrzeug, dass im Notfall schnell zur Stelle sein soll. Ich bin gerade in der Spitzengruppe mit einem der Guides, als ich bemerke, wie meine linke Kontaktlinse Probleme macht. Der Wind, der sich hinter der Sonnenbrille verwirbelt, hat meine Augen ausgetrocknet und die Kontaktlinse hat keinen Halt mehr. Ich spuere, wie sie mir aus dem Auge fliegt und entscheide blitzartig, anzuhalten. Also nach rechts raus aus dem Pulk und an die Seite. Meine Sicht ist alles andere als gut, aber ich habe Riesenglueck. Die Linse haengt noch in der Sonnenbrille. Weil ich in einer ziemlich bloeden Kurve anhalten musste, stellt sich der Begleitbus hinter mich. Nach einer Weile und viel Spucke hab ich die Linse endlich wieder im Auge und jage wieder los - diesmal wird alles gegeben, schliesslich muss ich die Gruppe wieder einholen.
(Photo: Downhill Madness)
Don Jakobo auf Aufholjagd
Nach zehn Minuten bin ich wieder im Hauptfeld. Wir haben inzwischen ueber 20 Kilometer Asphaltdownhill hinter uns, als wir uns mal wieder nach oben kaempfen muessen. Die Steigung ist nicht sonderlich steil, aber auf ueber 4.000 Metern bekommen die Lungen einfach nicht ausreichend Luft, die kleinste Steigung wird echt zum Problem. Nach diesem Anstieg bekommen wir die erste Verpflegungspause - Schokoriegel und Bananen.
(Photo: Downhill Madness)
Danach geht es durch einen Checkpoint bis zum Ende der Asphaltstrecke. Wir haben also die ersten knapp 30 Kilometer hinter uns - allen geht es gut, aber bisher war es ja auch noch nicht gefaehrlich. An der Stelle, an der die richtige Death Road, Todesstrasse oder Camino de la muerte losgeht, gibt es erneut Sicherheitshinweise von den Guides. Auf der Todesstrasse wird beispielsweise links gefahren, weil wir so eher sehen koennen, wenn ein Truck entgegenkommt und ausserdem so auch ein Frontalcrash in der Kurve vermieden werden kann.
(Photo: Jakob Mueller)
Der Anfang der Routa de la muerte - atemberaubende Blicke am Strassenrand - nach unten!
Nachteil: Wir sind grundsaetzlich auf der Hangseite und die zeigt zuweilen ueber 1.000 Meter in die Tiefe. Nachdem sich Leute fuer die erste und zweite Gruppe gefunden haben legen wir los. Ich bin in der ersten Gruppe und wir muessen gerade am Anfang immer wieder stoppen, weil LKW entgegenkommen.
(Photo: Downhill Madness)
Es ist einfach zu gefaehrlich, an den meisten Stellen bei Gegenverkehr weiterzufahren. Dann ist die Piste weitesgehend frei. Der Guide vornweg jagen wir ueber Schotter, Steine, Staub und Schlamm nach unten. Rechts die steile Felswand nach oben, links der Abgrund - bloss die Augen auf der Strasse halten und hoechste Konzentration. Das Bike ist nicht gerade leicht ueber die Piste zu steuern, vor allem nicht bei diesen Geschwindigkeiten - die Arme haben zu arbeiten und und die Oberschenkel klemmen den Sattel ein, damit das Bike komplett unter Kontrolle bleibt, auch wenn man auf dem ein oder anderen Stein wegrollt. Mit atemberaubenden und auch angsteinfloesenden Blicken auf den Abgrund ist fuer ausreichend Testosteron und Adrenalin gesorgt - es ist schlichtweg geil.
(Photo: Downhill Madness)
Ab und zu rast das Herz, wenn man in einer Kurve recht spaet einen entgegenkommenden Bus bemerkt und es gerade so noch zur Seite schafft - manche Busfahrer halten es nicht fuer noetig, vor den uneinsichtigen (also fast allen) Kurven zu hupen, wie es eigentlich Gang und Gaebe ist auf der Todesstrasse und die tauchen dann auf einmal in der Kurve auf - da sind dann die Bremsen gefragt - von Bike und Bus.
(Photo: Downhill Madness)
Gegen zwoelf machen wir eine Mittagspause auf einer groesseren Ausweichstelle. Wir werden aus dem Begleitfahrzeug mit Coca Cola und Sandwiches versorgt - die Organisation stimmt. Eine halbe Stunde spaeter setzen wir uns wieder in die Saettel. Es geht weiter. Unser Guide kuendigt an, dass wir von hier an rasanter fahren koennen, weil die Strasse ein wenig breiter wird. Er macht es vor und duest los. Ich folge eng auf, sowie drei Hollaender hinter mir. Ich habe leider keine freie Sicht mehr, weil der Guide mit seinem Bike wahnsinnig viel Staub aufwirbelt - ein Blick nach hinten verraet mir aber, dass es mir noch vergleichsweise gut geht als Zweiter - hinter unserer Spitzengruppe sieht man fast gar nichts mehr. Mit genialen Spruengen ueber herausragende Steine stuerzen wir weiter in Richtung Coroico. Das Klima ist inzwischen schon subtropisch - ich verzichte aus Sicherheitsgruenden trotzdem nicht auf meine Jacke. Die Sturzgefahr ist nach wie vor einfach zu hoch. Das gejage macht einen Riesenspass, der ganze Koerper arbeitet , die Arme und Beine halten das Bike unter Kontrolle und die Augen beobachten abwechselnd die Bodenbeschaffenheit und die Strasse, um den Verkehr zu kontrollieren.
(Photo: Downhill Madness)
Kurz vor drei erreichen wir Coroico - das letzte Stueck ging ueber einen Singletrail bis zu einem Hostel. Wir steigen von den Bikes, sind fertig und supergluecklich zugleich - alle sind heil unten angekommen und das ist auch gut so. Nachdem wir aus unseren verstaubt-veschwitzten Sachen raus sind, ruft die Dusche. Ein Glueck, dass die Agentur diese Kooperation mit diesem Hostel am Fluss hat. Nach der Dusche goennen wir uns ein Siegerbierchen und wir bekommen ein herrliches Buffet - Haehnchen, Reis, Gemuese, Salat und Pasta - so ein geniales Buffet haette ich nie erwartet.
(Photo: Downhill Madness)
Fazit: Die Tour war ihr Geld wert - Guides super, Ausruestung und Bikes: keine Klagen und Versorgung: Wow!
Christian, Tanja und Matthias sind in Coroico geblieben, ich bin mit den Kleinbussen wieder zurueck nach La Paz, da ich die Todespiste nicht mit einem klapprigen Linienbus fahren wollte, der von einem uebermuedeten bolivianischen Busfahrer gesteuert wird. Wir wollten extra fruh starten, um die Routa de la muerte nicht im Dunkeln fahren zu muessen. 10 Kilometer bevor wir die Asphaltpiste erreichen geht es aber nicht mehr weiter - Stau auf der Todesstrasse. Alles steht, es ist bereits dunkel, weil die Wolken das letzte Tageslicht schlucken und wir im dichten Nebel stehen. Nach drei Stunden warten und ein paar Meter Vorwaertskommen hat sich der Stau aufgeloest - viele Leute mussten organisieren, welcher LKW auf welchen Ausweichplatz faehrt - nicht einfach, wenn sich auf dieser Strecke fuenfzig Fahrzeuge von der einen sowie von der anderen Seite gegenueber stehen - wie gesagt, haeufig passt nicht mehr als ein Fahrzeug zwischen Fels und Abgrund. Viel zu spaet sind wir also wieder in La Paz zurueck, haben die Routa gleich in beiden Richtungen ueberlebt und sind gluecklich. Leider faellt um Mitternacht dann das Abendessen aus, aber immerhin mussten wir nicht auf der Routa uebernachten, wie wir zeitweise glaubten. Alles in allem ein erlebnisreicher, ein geiler Tag! Freunde, macht Downhill in Bolivien - es ist schlichtweg grossartig.
Heute Nacht geht es fuer mich schon weiter. Potosi im Sueden steht auf dem Programm. Hier befinden sich mit die aeltesten Minen der Welt, in denen bereits die Incas Gold und Silber gefoerdert haben.
Und zum Abschied aus La Paz, gibts auch noch ein paar Fotos aus der hoechsten Hauptstadt der Welt.

Strassenlaeden verkaufen Opfergaben verschiedenster Art

Diese Busse sind das Transportmittel No.1 in La Paz

Die moderne Seite - Wolkenkratzer im Zentrum

Regierungspalast an der Plaza Murillo, der Hauptplaza in der Altstadt