Stimmung: vernebelt durch Senfgas
Musik: Sirnen und Protestrufe
Auch in der vergangenen Nacht hat es wieder heftige Proteste in Quito
gegeben. 10.000 sind durch die Strassen gezogen und haben wieder den
Ruecktritt von Lucio Guitiérrez, dem hiesigen Staatschef gefordert.
Eigentlich wollte ich am Abend lernen, weil ich heute einen ersten Test
hatte, aber die Protestmaersche nahmen auch vor meinem Haus kein Ende,
so dass ich mir doch die Sache mal selbst anschauen musste. Nachdem
schon wieder der Wind einiges Gas auch in mein Zimmer geweht hatte,
beschloss ich mich, in die Protestmasse zu stuerzen. Mit David, meinem
ecuadorianischen Mitbewohner, bin ich in Richtung Altstadt gezogen.
Immer wieder ueberholten uns hupende Autocorsos und an einer Kreuzung
etwsa oberhalb blieben wir bei einer Gruppe Demonstranten stehen. Ich
hatte mit meiner Digicam einige Fotos gemacht. Alle ein paar Meter
brannten kleinere Muellhaufen auf den Strassen und die Innenstadt rund
um den Regierungspalast war komplett vom Militaer abgeriegelt. Immer
wieder schoss die Polizei Gas auf die Demonstranten und dieses
ekelhafte Zeug hing ueber der ganzen Stadt. Als die Nachrichte ueber
das Radio kam, dass ein chilenischer Journalist durch das Gas
(inzwischen nutzen sie Senfgas - auch nicht so lecker) ums Leben
gekommen ist, kamen noch mehr Leute auf die Strassen. Die Menge schrie
"Asesino!", was soviel heisst wie "Moerder!" in Richtung
Regiernugspalast. Gegen Elf stimmte die Menge dann ganz spontan
die Nationalhymne an und sang sie voller Inbrunst. Dsa Zeichender
ganzen Protestbewegung ist hier auch die Nationalflagge, mit der alle
Demonstranten durch die Strassen ziehen, waehrend sie "Lucio fuera"
(Lucio verschwinde) rufen. Der Praeside3nt hat wohl unterdessen
geaeussert, das er nicht im Traum an einen Ruecktritt denkt - woertlich
soll er sogar gemeint haben: Mich bekommt ihr nur tot hier (aus dem
Regierungspalast) raus. Auch heute kreisen wieder schon tagsueber
Militaerhelis ueber der Stadt und die Praesenz der Sicherheitskraefte
wurde nochmal aufgestockt. Der Tod des Journalisten wird wohl die
Proteste vorerst weiter anheizen und ich kann weiter nicht bei offenem
Fenster schlafen (zugegeben ist das aber hier nicht das groesste
Problem). Heute Abend will ich mit David ein bisschen eher bei den
Protesten sein und weitere Fotos schiessen. Sobald ich einen Computer
mit USB finde, gibts die dann hier. Aber macht Euch keine Sorgen - ich
hab nicht vor mich mit den Soldaten zu pruegeln. Es gibt ne Menge
guter Aussichtspunkte, am Gas kommt man sowieso nirgendwo in der Stadt
vorbei. ;-(
Also hasta mañana - in alter Frische .