Cotopaxi, Du bist bezwungen!
Stimmung: Ausgeschlafen und gut!
Eins vorweg: Wir habens geschafft! Am Montag morgen um 8 gings direkt zu Eduardo nach Mariscal. Eduardo ist ein Freund von Diego, hat als einziger ein Refugio auf der Cara Sur des Cotopaxi und ist deshalb auch der Einzige, der die Suedbesteigung anbietet. Nachdem wir die noetigsten Sachen in seiner Agentur gecheckt haben, gehts mit seinem Toyota Landcruiser auf die Autobahn in Richtung Sueden. Gegen elf erreichen wir den Nationalparkeingang. Nick verstaut seinen Rucksack in der information, er will nicht mitklettern und noch am gleichen Tag wieder den Nationalpark verlassen. Nur Anthony und ich haben uns zu diesem Vorhaben entschieden.
(Photo: Jakob Mueller)
Nach ein paar Kilometern laesst uns Eduardo aus seinem Jeep. Wir sind in Ticatilin auf 3.200m und werden die 800 Hoehenmeter bis zu seinem Refugio zu Fuss zuruecklegen. Noch waehrend unserer kleinen Wanderung ueberlege ich, ob das wirklich eine gute Idee war, den Aufstieg bis zur Spitze zu wagen - die Luft ist auch her schon recht duenn und nach knapp 3 Stunden kommen wir in Eduardos Refugio an. Alberto und Hanibal, die spaeter auch unsere Guides sein werden, bieten uns Fruechte und eine Suppe an, Nick macht sih kurz darauf wieder auf den Rueckweg. Uns raten die beiden, noch einen Spaziergang in etwas hoehere Lagen zu unternehmen, um uns langsam zu akklimatisieren. Wir nehmen den Rat an und machen uns auf den Weg.
(Photo: Anthony Shoobridge)
(Photo: Jakob Mueller)
Auf dem sandigen Weg ueber hinter dem Refugio zeigt sich unsere Herausforderung nur ganz selten hinter den Wolken, aber je mehr wir sehen, desto mehr zweifeln wir ein bisschen.
(Photo: Jakob Mueller)
Nach eineinhalb Stunden Akklimatisierungswanderung machen wir uns wieder auf den Rueckweg. Im Refugio haben Alberto und Hanibal inzwischen ein leckeres und kraeftiges Abendessen gezaubert. Es gibt, wie so oft in Ecuador, Arroz con Pollo, also Reis mit Huehnchen. Dazu haben die beiden (was sehr untypisch hier ist) einen leckeren Salat zubereitet. Nach dem Essen ziehen wir uns in unsere Cabaña zurueck, Alberto und Hanibal kommen noch auf ein Schwaetchen am Kamin mit. Am naechsten Morgen wachen wir kurz nach 9 auf, Hanibal kommt kurze Zeit spaeter, um uns zum Fruehstueck einzuladen. Am Mittag checken wir unsere Ausruestung. Wir probieren Schneehosen, Gesichtsmasken, Eiskrampen und Stirnlampen aus. Dann wird alles noetige verstaut und gegen 2 starten wir mit Hanibal in Richtung Campo Alto, dem Basiscamp auf 4.800m.
(Photo: Jakob Mueller)
Das Wetter scheint uns nicht sonderlich freundlich gesinnt, den Cotopaxi bekommen wir dank dichter Wolken gar nicht zu Gesicht, auch auf unserem Aufstieg sehen wir manchmal nicht weiter als 10 Meter. Nach gut 2 Stunden, also gegen 4 erreichen wir Campo Alto. Das Camp liegt total im Nebel und es weht ein eisiges Lueftchen. Ich bin inzwischen froh, dass ich meinen eigenen Schlafsack mit genommen habe, dem vertraue ich bei diesen Temeraturen, die gerade bei 5 oder 6 Grad liegen duerften, einfach mehr.
(Photo: Jakob Mueller)
Gegen halb sechs kommt auch Alberto im Basiscmp an. Alberto ist 49 Jahre alt, lebt in Riobamba, weiss nicht, wie oft er schon den Cotopaxi bestiegen hat und scheint eine ganze Menge Erfahrung zu haben. Er ist klein, hat ein freundliches, faltiges Gesicht und laechelt fast den ganzen Tag. Unser zweiter Begleiter, Hanibal, ist gerade 25 Jahre alt. Er guided seit 3 Jahren, zaehlt auch schon nicht mehr seine Besteigungen, ist immer zu einem Witzchen aufgelegt und hat einen strammen Schritt drauf. Eduardo hatte uns vor ihm ein bisschen gewarnt, weil er die Berge lieber hochrennt. Gegen sechs gibts kraeftigende Pasta mit Thunfisch und Tomatensauce, kurz darauf legen wie uns schlafen.
(Photo: Jakob Mueller)
Das ist leider leichter gesagt, als getan. Ich liege zwar in meinem Schlafsack schoen warm eingemummelt, bekomme aber leider kein Auge zu. Ich weiss nicht, ob es an der Hoehe liegt, oder daran, dass wie die vorhergehende Nach viel geschlafen hatten - auf jeden Fall waeltze ich mich hin und her und kann nur ein bisschen relaxen. Halb 12 kommen Hanibal und Alberto, um uns zu wecken. Waehrend wir in Schneehosen, Wanderschuhe, Masken, Handschuhe und Klettergurt steigen, bereiten die beiden noch einen feinen heissen Tee zu. Mit einem Broetchen und zwei Tassen Tee im Magen machen wir uns um 00:45h auf den Weg zur eigentlichen Besteigung. Die ersten knapp zweihundert Hoehenmeter steigen wir ueber weichen sandigen Untergrund, wir sehen nicht viel, nur das was uns der Lichtkegel unserer Stirnlampen zeigt. Der Aufstieg ist schon hier nicht gerade bequem, wir machen einen Schritt vor und rutschen einen halbe zurueck. Bisher haben Alberto und Hanibal aber einen angenehmen Schritt drauf. Ueber uns sind die Sterne, der Himmel ist Wolkenfrei, aber der Mond zeigt sich leider nicht. Um 01:45h erreichen wir das Eis. Nach gut 5 Minuten haben wir alle unsere Eiskrampen unter die Schuhe geschnallt. Alberto hat inzwischen Anthony an die Leine genommen, ich gehe mit Hanibal in einer Seilschaft. Die ersten Meter ueber Eis sind gar nicht so unbequem, der Untergrund ist hart, mit den Krampen gibt es kein zurueckrutschen. Nach fuenf Minuten aendere ich allerdings meine Meinung. Alberto, der die gesamte Seilschaft anfuehrt, ist leider kein Freund vom Zickzack-Laufen - er bevorzugt 100%-grade nach oben Steigen. Der Winkel, in dem wir klettern ist jetzt selten weniger als 45 Grad steil, wir setzen langsam einen Fuss vor den anderen. Nach einer halben Stunde bitte ich um eine Pause - die Batterien meiner Stirnlampe haben den Geist aufgegeben - ich muss sie wechseln. Unsere Pause dauert 5 Minuten, viel mehr ist leider nicht drin, weil man im nu wieder kalt wird. Danach geht es weiter, wie bisher - ueber Eis, manchmal ueber nur 10 Zentimeter breite Eisbruecken ueber die ein oder andere Gletscherspalte. Die Dunkelheit erleichtert den Aufstieg, es ist ganz angenehm fuer die Psyche, dass wir nicht sehen koennen, wie steil und wie weit wir noch nach oben klettern muessen. Um 5 Uhr erreichen wir schneefreie Zone. Ich denke, wir machen eine Pause und frage die beiden, wie lang wir noch bis zur Spitze brauchen. Hanibal laechelt mich an und sagt: Setz Dich einfach nen Meter hoeher - dann bist Du oben. Ich mache was er sagt und vor mir tut sich der Krater des Cotopaxi auf - wir sind oben!!!
(Photo: Hanibal)
Es ist fuenf Uhr und wir koennen es kaum glauben, der Durchschnitt fuer die Besteigung vom Campo Alto liegt bei 6 bis 8 Stunden und wir sind in 4 Stunden und 20 Minuten nach oben gekraxelt. Auch Alberto und Hanibal wundern sich ueber die gute Zeit - sie loben uns fuer die gute Kondi und unser Durchhaltevermoegen. Unsere Schnelligkeit bringt allerdings auch Nachteile mit sich - es ist nach wie vor stockdunkel und wir muessen hier oben fuer eine geniale Sicht noch eine Stunde auf den Sonnenaufgang warten. Ich habe kalte Zehenspitzen und halberfrorene Finger - Alberto weiss Abhilfe. Er hackt mit seinem Eispickel ein bisschen im Gestein rum, meint, ich soll hier meine Fuesse samt Schuhen vergraben und meine Haende ohne Handschuhe drauflegen. Die Stelle, die er freuigehackt hat, ist heiss wie ein Ofen, der Untergrund auf dem ich sitze warm wie eine Fussbodenheizung. So laesst es sich auch bei Minusgradden ganz angenehm auf den Sonnenaufgang warten. Anthony ist kurz nach dem wir die Spitze erreicht haben mehr oder weniger eingeschlafen. Die Hoehe macht ihm ziemlich zu schaffen und waehrend mir Hanibal und Alberto saemtliche Vulkane Ecuadors im Sonnenaufgang zeigen, geht es meinem englischen Freund leider ziemlich dreckig.
(Photo: Jakob Mueller)
(Photo: Jakob Mueller)
(Photo: Jakob Mueller)
Die Sicht, die sich uns aus knapp 5.900m Metern auf Ecuador bietet, ist ueberwaeltigend. Wir haben ein Riesen-Glueck konstatieren unsere beiden Guides - die letzten zwei Wochen sind sie immer in dichten Wolken aufgestiegen und haben auf der Spitze lediglich Nebel und Sturm gehabt. Auch sie geniessen unser Gipfelerlebnis.
(Photo: Jakob Mueller)
(Die Vulkana Sangay, El Altar und Tungurahua)
(Photo: Jakob Mueller)
(Der Chimbo, 6.310m, zeigt sich im Morgengrauen)
Nachdem die Sonne um 0630h ausreichend Licht fuer Fotos gemacht haben, beginnen wir mit dem Abstieg. Im Morgenlich haben wir eine herrliche Aussicht ueber den Wolken - malerisch! Auf dem Abstieg haben wir diesmal die Positionen gewechselt, diesmal laufen wir vor unseren Guides her und sie sichern uns von hinten mit dem Seil. Waehrend Anthony alles an einem moeglichst schnellen Abstieg gelegen ist, legen Hanibal und ich immer wieder Fotostopps ein - es ist einfahc zu grossartig, um schnell runter zu rennen. Auch der Abstieg hat es in sich, die Eiskrampen muss man bei jedem Schritt mit gewalt von der Ferse an in das Eis hacken - nicht gerade die bequemste Art des bergablaufens. Waehrend ich mit meinen beiden Kameras Fotos schiesse, schlaegt Hanibal inzwischen vor, am Wochenende den Chimbo in Angriff zu nehmen. Er meint: Hey, Du hattest null Probleme mit der Hoehe, die 400 Hoehenmeter mehr machen Dir dann auch nix und die Kondi, meint er, sollte wohl auch reichen.
(Photo: Jakob Mueller)
(Hanibal waehrend des Abstiegs)
(Photo: Jakob Mueller)
(Alberto waehrend des Abstiegs)
Ich fuehle mich geehrt, lehne aber erstmal dankend ab - das naechste Mal in Ecuador vielleicht. Im Moment bin ich nur gluecklich, dass ich den zweithoechsten Berg hier bezwungen habe und keine Probleme mit der Hoehe hatte. Um 8 kommen wir wieder am Ende des Gletschers an. Alberto wartet mit Anthony an der Stelle auf uns, wo wir unsere Eiskrampen wieder abschnallen. Die Sonne ist inzwischen richtig aufgegangen und bescheint auch jetzt die Suedseite des Cotopaxi.
(Photo: Anthony Shoobridge)
Nachdem wir die Krampen abgelegt haben rennen wir mehr oder weniger die 200 Hoehenmeter ueber Sandboden zurueck ins Campo Alto - zum Absteigen ist der Sandboden richtig bequem. Um 0815 erreichen wir unser Basislager und trinken einen heissen Tee. Hanibal und Alberto informieren inzwischen Eduardo im Refugio ueber unseren Gipfelsturm, der kaum glauben kann, dass wir schon wieder im Basislager sind. Wir legen unsere Schneehosen und Klettergurte im Basislager ab, lassen Eispickel und Schneemasken dort zurueck und machen uns um kurz vor zehn auf den Ruekcweg ins Refugio. Das Wetter ist einfach genial, wir haben einen herrlichen Blick nocheinmal auf unseren Cotopaxi.
(Photo: Jakob Mueller)
Anthony geht es inzwischen wieder besser. Um 1045h sind wir im Refugio zurueck, wo uns bereits ein strahlender Eduardo erwartet. Weil wir fuer ihn mehr oder weniger einen Amateurrekord aufgestellt haben, schmeisst er eine Runde Cerveza Pilsener. Anthony lehnt verstaendlicherweise dankend ab, ich komme um ein Bierchen aber nicht drumrum. Nach einer Weile trudeln dann auch Alberto und Hanibal vom Campo Alto ein - sie helfen mir gerne mit den Bierchen. Um 12 gehts mit Eduardos Jeep zurueck nach Quito. Die 15 Kilometer lange Schotterpiste vom Refugio bis zur Panamericana legt er im Ralley-Stil zurueck. Nur wenn jemand am Wegesrand ist, wir verlangsamt, gegruesst und ein Schwaetzchen gehalten. Eduardo hatte schon auf dem Hinweg von seinen guten Beziehungen zu den Leuten im Nationalpark erzaehlt. Auf dem Rueckweg muss er jedem bei einem Schwaetchen unsere Rekordzeit fuer den Gipfelsturm mitteilen - offenbar waren wir wirklich ungewoehnlich schnell. An der Panamericana setzen wir Anthony ab, er kommt nicht mehr mit nach Quito, sondern startet nach Baños durch. Mich setzt Eduardo kurz vor 3 vor Diegos Haus ab. Ich wechsel kurz ins Ecuador-Trikot und laufe hoch zu Diego - schliesslich spielt um 3 Ecuador gegen Kolumbien. Meine Muehe lohnt sich nicht - die Ecuadorianer spielen, offen gesagt besch...., und verlieren voellig zu recht mit 3:0. Damit sind sie nach wie vor nicht fuer Alemania 2006 qualifiziert. Ein Spiel bleibt noch und da muessen sie dann aber noch mal Gas geben, sollten sie naechstes Jahr beim Copa dabei sein wollen.
Ich hab seit heute uebrigens nachmittags Schule, eine neue Lehrerin (nicht wirklich neu, es ist Adriana, mit der ich am ersten Wochenende hier in Ecuador in Quilotoa war) und kann somit nicht mehr zu meinen Niños. Schade eigentlich. Aber was solls, naechste Woche mach hier so oder so den Fisch und starte in Richtung Sueden.

Dir, Jakob, nun einen guten Flug in den Süden und auch dort ganz viel Spaß. Wobei: Lust auf einen kleinen Umweg nach Leipzig? Letztes Juni-Wochenende zum Beck´s trinken? Alternativ schicke ich gern ´ne Flasche rüber...
Feine Grüße
Der Andre
die Flasche Becks per Post nehme ich gerne. Ich warte. Der Umweg ist wohl nicht drin. Wuerd mich uebrigens auch ueber ein Flaechschen Ur-Krostitzer freuen - au ja, das waere fein. Aber ich traeume wohl...........