Sonntag in Quito
Stimmung: gut, ja, durchaus gut!
Musik: rauschende Computerluefter im Netcafe
Dieses Wochenende bin ich mal ganz entspannt angegangen und in Quito geblieben. Gestern hab ich mich ein wenig durch Gringolandia geschoben und habe die ein oder andere Shoppingmall durchmessen. Die Sportgeschaefte sind durchaus interessant, vor allem wenn man hereingebeten wird mit den Worten: "Hello Mister - american shoes, yaeh, real american." Wenn man dann den Laden betritt, stellt man fest, dass um einen herum fast nur Schuhe mit drei Streifen oder mit einem Puma darauf ausgestellt sind. Naeherer Betrachtung sollte man die Schuhe allerdings nicht unterziehen, da sich schon von weitem feststellen laesst, dass es sich hierbei um vielleicht gut gemeinte, aber dennoch schlecht gemachte Kopien handelt. Weder die drei Streifen, noch der Puma oder saemtliche andere Marken scheinen hier einen gewissen Schutz zu erfahren. Allerdings betrifft dies nicht nur Schuhe oder Sportsachen, auch bei Filmen und CDs stellen sich die Ecuadorianer als astreine Duplizierer heraus. Am Freitag habe ich im Kino gerade noch die Vorschau fuer Aviator gesehen, mit dem Zusatz: Nur im Kino!. Heute laufe ich durch mehrere Maerkte in der Altstadt von Quito und mehrfach begegnet mir in DVD- und Musiklaeden die DVD von Aviator - mit schlecht kopiertem Schwarz-Weiss-Cover - soviel zum Copyright. Hugo, den ich am Mittag auf der Placa de la Independencia treffe, gibt mir dafuer eine durchaus logische Erklaerung: Si claro, los copias son mas baratas - claro, die Kopien sind natuerlich viel billiger und Originale kann sich ohnehin kaum einer leisten. Claro! Achso, zu Hugo. Ich hatte mich gerade auf einer Sitzbank auf der Plaza Grande (ist der gleiche Ort, wie Independencia) niedergelassen, als mich ein Ecuadorianer von vielleicht vierzig Jahren nach der Zeit fragte. Hugo hatte ein Baseballcap auf, war offenbar gerade frisch rasiert, trug ein kariertes Hemd und eine etwas zu grosse Jeans - das ist hier an der Tagesordnung. Erwaenhenswert ist auch noch, dass ihm lediglich zwei Zaehne zum (optisch) vollstaendigen Gebiss fehlten (die beiden oberen Eckzaehne), was hier durchaus schon eine Besonderheit ist. Hugo wollte die Zeit auch auf Englisch wissen, da er, wie hier fast jeder, davon ausging, dass ich aus den Staaten kaeme. Wie sich aber herausstellte, war seine Absicht eher, mit mir ins Plaudern zu kommen. Und so zeigte sich Hugo erfreut darueber, dass ich nicht aus den Staaten, sondern aus Alemania komme. Sogleich wollte er allerlei Dinge ueber Deustchland erfahren. Wieviel verdienen die Deutschen? Gibt es viele Ecuadorianer in Deutschland? Stimmt es, dass ihr alle heisses Wasser habt? Faehrt jeder Mercedes? Ist der Euro gut fuer Euch? Und und und....
Er erzaehlte mir im Gegenzug, dass das ecuadorianische Basiseinkommen zwischen 200 und 500 Dollar liegt, zumindest fuer die, die eine regelmaessige Arbeit haben. Der Polizist verdient wohl laut Hugo 700 Dollar, genug um gut ueber die Runden zu kommen, die Buerokraten noch etwas mehr und die Abgeorneten und Politiker ueberhaupt sowieso am meisten, weil sie die Steuern ja grundsaetzlich in die eigenen Taschen stecken. Zu diesem Thema hab ich erst gestern eine interessante Anekdote gelesen, deren Wahrheitsgehalt zwar sicher nicht sonderlich hoch ist, aber dennoch das Politikverstaendis einiger Politiker hierzukontinent sicher annaehernd beschreibt. Also:
Der venezulanische, der ecuadorianische und der mexikanische Wirtschaftsminister sitzen unweit von Caracas in einwe Hacienda zum Abendessen, als der venezolanische Gastgeber seine Freunde auf die neue Strasse aufmerksam macht, die sie aus Caracas heraus zur Hacienda gefahren sind. "100 Million haben wir veranschlagt", hebt er hervor, zieht seine Geldboerse raus, streichelt sie laechelnd und faehrt fort: "10 Prozent, har har har!" Die anderen nicken annerkennend. Einige Woche spaeter treffen sich die Herren erneut in Mexiko City und der Gastgeber ruft den Anwesenden zum Abendessen den Flughafen, auf dem sie am Mittag gelandet sind, wieder ins Gedaechtnis:"1 Milliarde fuer den Ausbau hat der Kongress bewillgt", sagt er, ".. 25 Prozent, har har har!", faehrt er gewichtig fort und streichelt seine Geldboerse. Wieder ein paar Wochen spaeter treffen sich die politischen Freunde erneut, diesmal auf einer Hacienda des ecuadorianischen Kollegen im Oriente, am Beginn des Regenwaldes. Als sie auf der Terasse ihren Willkommensdrink nehmen, hebt der Gastgeber mit einer ausladenden Geste in Richtung Fluss an: "Dort der Staudamm - 5 Milliarden Steuergelder haben wir veranschlagt". Die Kollegen aus Venezuela und Mexiko drehen sich in die Richtung, in die ihr Freund gezeigt hat, koennen aber nichts erkennen, als den ganz natuerlichen Flusslauf. "100 Prozent!", faehrt ihr Kollege fort, laechelt und streichelt seine Geldboerse.
Was Hugo angeht, so trennte ich mich nach einer halben Stunde von ihm und setzte meinen Weg durch die engen kolonialen Strassen Quitos fort. Gegen vier war ich dann der Meinung, dass ein Sonnenbrand pro Woche ausreichen wuerde und ich trat den Heimweg an.
