Manchmal fällt mir auf, wie wenig manche Menschen sich drum scheren, ob das, was sie gerade von sich geben, irgendwem nicht passen könnte. Ich mein das nicht negativ, ganz im Gegenteil - ich bewundere das sehr...
Diese "Selbstverständlichkeit" hat mich heute mal wieder ereilt, als ich die Zeilen einer jungen Frau las, die über sich schrieb. So wie Millionen Menschen das auch machen. Und doch war es so anders, weil ich spüren konnte, dass es authentisch war. Ohne kunstvolle Formulierungen, die alle nur darauf hinaus gehen, dass sich bloss niemand auf den Fuss getreten fühlen könnte. Da war so ein "ich zeige mich" und PUNKT. Wow, das beeindruckt mich sehr.
Eigentlich behaupten Menschen von mir auch immer, ich würde total authentisch rüberkommen. Wie gut, dass die nicht in meinen Kopf kucken können :) Ja, ich bin in vielen Aspekten schon sehr authentisch, aber wenn es darum geht, mich zu zeigen - so in Gänze, wie ich eben bin, dann fällt mir das immer wieder sehr schwer. Nicht weil ich glaube, mich verstecken zu müssen Aber weil da soviele Glaubenssätze ganz automatisch abrollen und mein Verstand das ganze alte Zeug runterrattert und mir gleichzeitig soviele hässliche "Pseudogefühle" verursacht, die mir immer ein Gefühl des permanenten Unwohlseins vermitteln.
Inzwischen bin ich schon so weit, dass ich - wenn auch mit Bauchgrummeln - viel von mir preis gebe und auch dazu stehe, komme was wolle. Zurückgerudert wird nicht.
Aber ich täte das alles gerne mal mit einem guten Gefühl, das "ich darf so sein".
Ich weiss nicht, ob das jemand nachvollziehen kann, der das nie erlebt hat, aber mein Leben bis zu meinem 32. Lebensjahr war die Hölle. Ich bin mit Missbrauch - emotional als auch körperlich - groß geworden. Wie sehr emotionale Gewalt Menschen prägen kann - das weiss wohl nur der, der es selber erlebt hat - ob bei sich oder bei anderen.
All die dummen Sprüche, all die eingeimpften Glaubenssätze - sie tauchen wie ein Spruchband im Kopf auf, wenn die Situation es gerade hergibt. Verbunden damit sind dann die natürlich passenden "Pseudogefühle" und die sind immer negativ. Pseudogefühle nenne ich das, weil das keine echten Gefühle sind. Echte Gefühle entspringen dem innersten Kern, dem Kern, der heil geblieben bist, egal wie sehr das Haus drumherum zum Einsturz gebracht wurde. Pseudogefühle werden durch Gedanken hervorgerufen. Und wenn es negative Gedanken sind, entstehen natürlich auch negative Gefühle.
Und was man mir alles versucht hat einzureden und beizubringen! Soviel Unsinn war da mit dabei, den man aber für bare Münze nimmt, wenn man damit aufwächst. Irgendwas in mir hat sich zwar immer dagegen gewehrt, aber trotzdem gibt es da eine Instanz in einem, die einem noch immer - stellvertretend für die eigentlichen Verursacher - diese dummen Sätze ins Ohr flüstert und das liebe Gehirn produziert gleich die passende Gefühle. Oh wie widerlich!!!
Dass es dann schwer ist, sich einfach selbst zu leben, wenn man ständig solche Dinge im Kopf hat - das ist wohl klar. Nun muss ich sagen, dass ich trotzdem viel von diesem alten Müll aus meinem Denken entfernt habe. Aber der Mensch ist so facettenreich, dass eben immer mal wieder doch noch eine Stelle auftaucht, an der es dann ordentlich hakt. Vielleicht ist das Trümmerfeld auch nur so riesig, dass die Aufräumarbeiten eben länger dauern :)
Ein Satz, den ich von meiner Schwester immer regelrecht hasserfüllt zu hören bekam war "Du bist zu sensibel". Einmal sagte sie zu mir - total wütend obwohl nichts vorgefallen war - "Du und dieses scheiss Sensible an Dir!"
Ja, sie fand es unnormal, dass ich "so sensibel" war. Warum? Weil ich weinte, wenn man mir weh tat. Mutter sagte immer. "Was weinst Du? Du bist nicht geschlagen worden, also gibt es keinen Grund zu weinen! Und wenn Du jetzt nicht aufhörst, geb ich Dir einen Grund zum heulen!" Ja, das hat sie immer gesagt. Also wischte man sich schon als Kleinkind die Tränen ab und schluckte den Kummer hinunter in die kleine Seele, die eh schon überladen war vor lauter Schmerz.
Wie kann man da authentisch sein, wenn man jedesmal eine drauf bekommt, wenn man einfach ist, wie man ist? Wie soll man da authentisch sein, wenn man es mit Menschen zu tun hat, die vor Narzissmus triefen? Wie soll ein Kind lernen, ganz es selbst zu sein, wenn sein Umfeld das Kind als riesige Projektionsfläche benutzt? Ein Vater, der es von seinem 4. Lebensjahr an missbrauchte, weil die Frau nicht mehr mit ihm ins Bett gehen wollte. Eine Mutter, die das Kind als verlängerten Arm benutzte, sich auf das Kind stützte, von dem Kind von klein auf erwartete, dass es ihr half - die aber nie Liebe geben konnte, die nie bereit war, ihre Härte und ihre Grausamkeit in Frage zu stellen. Eine Schwester, die über 10 Jahre älter war und die das Kind von klein auf terrorisierte, weil es angeblich mehr geliebt wurde (wo war da Liebe???), ein Bruder, der das Kind krankenhausreif schlug und das regelmässig. Und Eltern, die dem Kind nicht mal erlaubten, ihre physischen Schmerzen kund zu tun - von den seelischen ganz zu schweigen.
Das Beschissene ist ja, dass einem später auch noch solche Leute übern Weg laufen. Da sind dann fremde Leute, die glauben, sie könnten genauso schlecht mit einem umgehen. Die keinen Respekt haben, die grenzüberschreitend sind, ihre schlechte Laune ungefiltert an einem auslassen, die einen genauso als Projektionsfläche benutzen und über keinerlei Mitgefühl verfügen. Draufschlagen, reintreten und weiterziehen. Mein Gott, wie ich sie alle gehasst habe für ihre Gefühllosigkeit, ihre Überheblichkeit zu glauben, sie hätten ein Recht andere Menschen schlecht zu behandeln.
Irgendwann wurde mir dann klar, dass ich mich noch immer wie das Opfer verhielt, das ich in der Kindheit war. Irgendwann wurde mir klar, dass ich mich noch immer wie das hilflose Kind benahm, das ich einst gewesen war.
Was hab ich mir den Schmerz darüber aus der Seele rausgeschrieen, was hab ich die Wut darüber rausgebrüllt, wie oft habe ich meine Sofakissen verprügelt, gegen die Tür getreten oder bin einfach rumgesprungen wie Rumpelstilzchen. Eine ungeheure Wucht riss all diese Gefühle aus meiner vernarbten Seele hervor. Verstehen konnte das natürlich keiner in meinem Umfeld, aber es war mir zum ersten mal in meinem Leben egal, wer was versteht oder nicht versteht. Es war mir egal ob sie mich für verrückt hielten oder ob sie über mich redeten. Ich war dann eben "die Irre" - "die auf dem Selbstfindungstrip". Ich war jedenfalls nicht mehr "die Alte" und das wurde mir heftigst vorgeworfen.
Ja, ich hatte mich verändert. Plötzlich war ich nicht mehr das Sensibelchen, nicht mehr die Schüchterne, nicht das "Haus und Hof Opfer" dem man ungehindert eine reinballern konnte, wenn einem gerade danach zumute war.
Am Ende ging ich. Um endlich ich sein zu können. Und Stück für Stück legte ich mich frei. Einen Facette nach der anderen kam heraus. Ursprünglich, rein, einfach ich. Das hat gut getan. Und tut noch immer gut...
Wenn ich all das hier schreibe, dann wird mir nochmal klar, warum ich noch immer in einigen Bereichen Angst davor habe, mich zu zeigen, wie ich bin. Mich auszudrücken. Ich zu sein. Weil eben genau diese alten Sätze automatisch abrollen. "Du und Dein blödes Gerede" - noch so ein Satz, der es mir oft auch schwer macht zu schreiben. Es gibt Momente, in denen ich dann kein Wort zustande bringe, weil da so eine abwertende Energie mitschwingt. Und ich sehe das Gesicht meiner Schwester vor mir. Sie hat da so einen Blick drauf, total hasserfüllt, von der Seite, abschätzig, das Gesicht total angewidert verziehend und bitterböse dreinschauend. Schon als Kind bekam ich dieses Gesicht so zu sehen. Ich hatte Freundinnen in der Grundschule und sie sah mich so an mit dem Vorwurf "Du magst Deine Freunde lieber als Deine Familie".
Wenn ich mir überlege, dass ich als Grundschulkind schon mit solchen dummen Vorwürfen zu kämpfen hatte, dann wundert es mich einfach nicht mehr, warum das alles so tief steckt.
Wie eine Zwiebel schält sich so Thema um Thema.
Und ich werd mich solange "häuten", bis ich einfach ICH bin. Ohne diese dummen Gedanken in meinem Kopf. Ich hab schon soviel geschafft, dann schaff ich das auch noch!
Und wem's nicht passt - der darf von mir aus auf den Mond fliegen und dort bleiben!