In letzter Zeit war mal wieder das Thema "Nähe und Distanz" sehr aktuell bei mir. Es ist ein altes Thema, das schon viele Jahre an meiner Seite ist und unter dem ich schon enorm gelitten habe. Seit ich mich mit meiner persönlichen Entwicklung auseinandersetze, ist mir dazu schon einiges klar geworden. Auch diesesmal wieder und deshalb möcht ich das hier einfach mal festhalten, weil ich heute dieses Thema aus zwei Blickrichtungen wahrnehmen kann - die des Menschen, der Angst vor Nähe hat und deshalb immer auf Distanz geht und die des Menschen, der unter Leuten leidet, die keine Nähe zulassen können.
Ich gebe zu, dass ich momentan sehr wütend bin. Das ist so eine tiefe Wut, die sich da ihren Weg bahnt und ich lasse sie auch. Weil ich spüre, dass es mir gut tut, wenn ich meine Emotionen zulasse und nicht immer sofort einen Deckel drauf schraube. Für mich hat das auch viel mit lebendig sein zu tun, aber das nur am Rande.
Ja, die Wut. Sie ist da und ziemlich heftig. Ich habe schon so oft unter Menschen leiden müssen, die keine Nähe zulassen können.
Da gibt es z.B. diejenigen, die zwar behaupten, dass sie sich Nähe wünschen, die aber diese Nähe gar nicht zulassen können. Das sind die, die Du in den Arm nimmst und die sich dann total versteifen, den Arm abschütteln und Dich hinterher beschimpfen, weil Du ja angeblich so "unerreichbar" bist.
Dann gibt es die, die sich zwar ein Stück weit vortrauen, die aber danach den Schwanz gleich wieder einziehen und so weit abhauen, dass es Dir den Atem verschlägt. Das sind für gewöhnlich diejenigen, die für eine kurze Zeit ihren Gefühlen nachgeben (ich rede von Gefühlen wie Liebe, Leichtigkeit, Freude, Spaß etc. und nicht von Pseudogefühlen). Doch einmal dem Gefühl nachgegeben, kommen gleich wieder Angst, Verwirrung, Ablehnung verursacht durch Angst etc. hoch. Ich nenne das den "Zerriss zwischen Kopf und Bauch" wobei für mich der Kopf für den Verstand steht, der nur alte Programme abspult und der Bauch für das Gefühl, das Herz, die Seele und somit für das, was man wirklich möchte.
Es gibt natürlich auch Menschen, die gar keine Nähe zulassen und behaupten, sie wären damit glücklich. Es gibt welche, die werden hart und beissen jeden anderen Menschen weg und es gibt welche, die leiden unter ihrer Einsamkeit, können aber nicht erkennen, dass sie diese Einsamkeit selbst verursachen.
Sie alle haben eins gemeinsam - sie haben Angst davor sich zu öffnen und deshalb gehen sie lieber auf Distanz.
Meine Wut gilt ersteinmal vorallem den Menschen in meiner Vergangenheit, die dieses beschissene Nähe-Distanz-Spiel bereits mit mir als Kleinkind gespielt haben. Ich kann mich an meine Mutter erinnern, die nie emotional erreichbar für mich gewesen war. Die immer nur mit verkniffenem Mund in der Ecke stand und vor sich hinstarrte. Und Geschwistern, die alle nur zuschlugen, aber nie auch nur ansatzweise dazu fähig waren, das kleine Kind auch nur mal in den Arm zu nehmen und wenn sie es taten, dann gab es gleich hinterher wieder die Prügel. Dann war ich ihnen wieder zu nahe gekommen und musste dafür bestraft werden.
Überhaupt ist das Gefühl des "bestraft werden" sehr tief in mir verankert. Es waren immer die selbe Sorte Mensch, die das bewirkt haben. Es waren jene, die den Arm ausstreckten und mich hinterher für ihre Angst vor der Nähe verantwortlich machten und mich dann bestraften, indem sie mich beschimpften, anklagten und auch oft genug verliessen.
Es fühlt sich mies an, wenn man sowas von klein auf erlebt. Und es fühlt sich mies an, wenn man die selbe Erfahrung auch als erwachsener Mensch noch macht. Vorallem dann, wenn diejenigen, die das Spiel spielen, ihren Anteil gar nicht sehen können - oder wollen.
All die Hilflosigkeit, die ich tief in mir spüre, weil ich absolut nichts bewirken kann - es ist doch egal, was man versucht, ob man den anderen ganz in Ruhe lässt, sich nur alle paar Wochen mal meldet oder sogar jeden zweiten Tag, ob man die Hand reicht oder sich dezent zurückhält - man kann nichts, absolut nichts dafür oder dagegen tun - der andere wird einen nur soweit an sich ranlassen (können) wie es ihm gerade möglich ist.
Und diese Erkenntnis hat mich noch hilfloser gemacht. Weil man so gar nichts dazu tun kann, dass der andere einen auch lieb hat, mit einem zusammen sein will oder auch nur ein dämliches Federballspiel mit einem spielt. Wenn ich sage "Hey, hast Du Bock schwimmen zu gehen?" und das frage, weil ich wirklich nur Lust aufs schwimmen gehen habe und der andere dann gleich alle Schotten dicht macht - ich kann nichts dagegen tun.
Ich bin nur diejenige, die es ausbaden muss. Und das tut weh und macht mich wütend! Aber nicht nur wütend - ich habe dann auch Schuldgefühle, weil ich immer den Eindruck habe, dass ich schuld bin und der andere deshalb alle Schotten dicht macht. Ich bin mal wieder "falsch" - ich übernehme die Verantwortund dafür, dass der andere auf Distanz geht. Ich weiss - rein rational gesehen - dass das Unsinn ist, aber noch zieht da mein Inneres nicht nach, um auch fühlen zu können "ich bin nicht schuld".
Doch es gibt ja auch noch die andere Seite. Die desjenigen, der Angst vor der Nähe hat. Der auf Distanz geht. Der glaubt, sich ständig schützen zu müssen. Auch diese Seite kenne ich und zwar von mir selber.
Zumindest im Ansatz kann ich heute die Wut und Hilflosigkeit meiner Schwester verstehen, wenn ich so zurückdenke. Ich war nie wirklich erreichbar. Ich hab mich immer verkrochen und versteckt und konnte niemanden an mich heranlassen. Früher noch vieeel weniger als heute. Dass sowas den anderen hilflos machen kann - ich kann es so gut verstehen, nachvollziehen. Jetzt, an diesem Punkt, an dem ich selbst stehe. Blickrichtungswechsel eben. Natürlich weiss ich, dass ihre Wut und ihre Hilflosigkeit nicht allein durch mich hervorgerufen wurden, sondern verusacht von einem viel tiefer liegenderem Trauma, nämlich dem Trauma eines Kindes, das von der Mutter nicht nur keine Liebe bekam, sondem dem auch die Liebe verweigert worden war.
Ich weiss wie es ist, wenn man selbst nicht einmal erkennen kann, warum man immer allein ist, warum man keine funktionierenden Freundschaften oder Beziehungen aufbauen kann. Ich weiss wie es ist, wenn man automatisch alle Schotten dicht macht, wenn jemand einfach nur schon freundlich und offen auf einen zukommt. Ja, Freundlichkeit und Offenheit können dann sogar bedrohlich wirken, weil man sich doch verstecken will. Sogar verstecken muss. Und von Liebe brauchen wir gar nicht erst reden. Ich habe so einige Männer mit größtem Widerstand sofort in die Wüste geschickt, weil sie ihre Gefühle für mich zeigten. Ich fühlte mich unter Druck gesetzt, obwohl der andere gar nichts tat. Ich hab darunter gelitten, alleine zu sein und doch war ich froh, wenn es gar nicht erst zu einer festen Bindung kam. Ich war so froh, wenn "er" wieder weg war und dann vermisste ich ihn wieder.
Ich habe lange nicht gewusst, warum es mir so ging. Bis, wie gesagt, mein Weg begann und ich begann, Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen, Muster und Glaubenssätze herauszufinden und aufzulösen/zu verändern usw.
So kenne ich also beide Seiten und trotzdem bin ich im Moment wütend. Vielleicht bin ich auch irgendwo wütend auf mich selber, weil ich mir damit massiv im Wege gestanden habe.
In all den Jahren, in denen ich mir Liebe wünschte, habe ich nur Distanz geerntet, aber ich war auch diejenige gewesen, die die Nähe nicht ertragen konnte. Aus Angst.
Ja, immer dann, wenn man glaubt, sich schützen zu müssen, hat man ja auch vor irgendwas Angst. Deshalb versucht man dieses etwas abzuwehren. In dem Fall waren es Menschen, von denen es einige bestimmt gut mit mir gemeint hätten.
So hat alles zwei Seiten. In vielen Bereichen haben sich für mich diese Blickrichtungswechsel ergeben. Und es ist hilfreich, weil man sich so auch mal in die Lage des anderen versetzen kann, verstehen lernt, was den anderen bewegt(e) und natürlich auch, was man selber so verbockt hat. Mir hat es geholfen, aus der Opferrolle auszusteigen. Und Verantwortung zu übernehmen für mein eigenes Leben, Handeln, Fühlen und Denken.
Heute geniesse ich es, innerlich so frei zu sein und einfach mal spontan etwas unternehmen zu können, meiner Lust auf ein Federballspiel (ja, ihr merkt, ich möcht Federball spielen *g*) einfach nachzugeben und nicht gleich wieder vor meinem eigenem Bedürfnis davon zu rennen. Eine Umarmung nicht nur zu "ertragen" sondern auch zu spüren und sich dabei wohlzufühlen - das ist unbezahlbar.
Ich weiss, dass es noch einiges "abzutragen" gilt an dieser Angst, aber ich weiss auch, wenn ich so zurückblicke auf alles, was mir schon gelungen ist, dass ich das auch noch schaffen werde.