Kurzbericht von der lustigen Reise ins Land der Strandräuber
Kap. 1: Die Bahn ist an allem schuld!
Mit dem Supersparpreisticket in der Tasche am Samstag in aller
Herrgottsfrühe aus den Federn
und um 6 Uhr 40 beginnt die planmässige Evakuierung
in das Land der Strandräuber.
Unterwegs die seltsamen Verhaltensweisen der Spezies Bahnreisende erlebt:
Umsteigen in
Osnabrück in den IC, der ist natürlich schon rappelvoll.
Die „Wir-haben-reserviert"-Fraktion
blockiert den Mittelgang und nichts geht mehr.
In Anbetracht der Faktoren a) es ist erst 8 Uhr
09, b) schweres Gepäck und c) das darf
doch nicht wahr sein! wird schließlich ein hörbar unamüsiertes „Ja nun!"
in den Pulk hinein gegrummelt.
Reaktion der Blockierer: „Hier ist ein Stau!" (Wer hätte das gedacht?).
Bedrohliches „Das
sehe ich!". Nix passiert.
Weitere Unmutsäußerungen aus den hinteren Reihen. Endlich gibt
man den Mittelgang frei.
Schnell durchgezwängt, das Gepäck über dem Kopf. Kommentar von
gegenüber: „Endlich denkt
einer mit!" Klare Antwort: „Ja, aber wenn ich umfalle seid ihr alle
tot." (siehe b).
Endlich ist ein freier Platz erreicht und unter der Reisetasche wird der Abfluss der Massen abgewartet.
Dann Verstauung des Gepäcks irgendwo im Ablagefach.
Anschliessend unbewegliches Sitzen im engen Sitzmöbel. Bis hinter Hamburg.
Kap. 2: Der Damm und die Damen
Kurz hinter Niebüll zeigen Frauen aller Altersklassen im Waggon eine merkwürdige Unruhe und
nervöse Blicke.
„Gleich geht's rüber!", „Ist immer wieder ein Erlebnis" und ähnliche Lustseufzer
sind zu
hören und dann kommt ER ...
Nach ein paar Minuten liegt der Kaiser-Wilhelm-Damm
hinter uns und die Hormonknoten
lösen sich wieder ... Sachen gibt's!
Kap.3: Erste Schritte in der neuen Welt
Der Lokführer verweigert die Antwort auf die Frage, warum er denn mit 2 Loks über den Damm fährt
und die gebräunte Herbergsmutter ist auch vor Ort und holt schon mal den Wagen.
Zur ersten Nahrungsaufnahme geht's in die Osteria, ein verstecktes Campingplatzlokal in den Dünen.
Der Frutti-di-Mare-Salat für 10,50 EURO erfüllt alle Erwartungen und ist sein Geld
wert.
Am Nebentisch drängt eine Alleinerziehende ihrem mitgeführten Sohnemann eine Lachspizza auf
(„Willst Du eine Lachspizza? ... Warum denn nicht? ... Natürlich hast Du Hunger ... Pommes? ...
Du isst doch viel lieber Lachspizza ... Probier doch mal ... Also Lachspizza ist gaaanz lecker ...
die teilen wir uns ... jeder die Hälfte, nicht? ...").
Nach kurzer Verdauung unter knallblauem Himmel und praller Sonne geht die Fahrt weiter
zur Südspitze der Insel.
Kap. 4: Ein kleines Dorf hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten
Am Ende der langen, einsamen Strasse ein paar geduckte Häuschen, ein Leuchtturm und
ein kleiner Hafen. Links und rechts und dazwischen auch: Sandstrand.
Hörnum, am südlichsten Zipfel der Insel gelegen, ist ein kleines Paradies.
Das Dorf lebt in einer anderen Welt, jenseits der Sylt-Schickimicki-Touri-Szene.
Die Fischbude im Hafen (neben dem Dorfkiosk) führt die alte Tradition der Strandpiraterie
ins neue Jahrtausend und raubt den ankommenden Passagieren gehörig die Taschen aus.
Aber heutzutage lässt man die Opfer danach von dannen ziehen; in der alten Zeit
wurden sie schlichtweg umgebracht und ganz unauffällig im Meer versenkt ...
Der Kapitän des örtlichen Ausflugsdampfers pflegt mit viel Lokalkolorit wiederholt zu bestätigen:
„Jaja, sooo issas bei uns anner Küstä!“
Will der Gast an den Strand, sind pro Tag 3,50 Euro fällig („Kann ich mal die Kurkarte seh’n?“),
aber die Einheimischen lassen hier und da noch Schlupflöcher für die Pfiffigen
und wer das nicht packt, der ist selber schuld und muss halt löhnen.
Kap. 5: Das Geheimnis der Strandperle
Am Abend findet eine konspirative Versammlung der Dorflehrerschaft und artverwandter Bereiche
zur Verabschiedung zweier Mitstreiter statt. Ort des Geschehens: Eine authentische Bude auf der Düne
mit spektakulärem Blick aufs Meer in Panoramavision und ordentlich Flensburger und Matjesbrötchen
im Angebot.
Eingeweihte wissen: Der Name ist Programm! Die „Strandperle“ – ein Juwel unter den Insel-Hangouts.
Locker-entspanntes Abhängen in familiärer Atmosphäre. Es wird Nacht und alle sind satt und zufrieden.
Kap. 6: Unterwegs auf hoher See
10 Uhr 15: Auf geht’s zur Frühstücks-Tour!
Fahrpreis 2,50 Euro + Frühstück an Bord (Pott Kaffee, 2 Brötchen, Wurst, Käse, Honig, Marmelade
für nochmal 2,50 Euro): hat sich was mit Strandpiraten, das ist wahrlich Christliche Seefahrt!
Eine Stunde schippert der Pott vor der Küste herum und der Käpt’n berichtet von Sturmfluten
und weggespülten Inselspitzen, von der Dorfschule im Leuchtturm, wo der Lehrer die Spitzbuben
nie in die Ecke stellen konnte und vom preiswerten Einkauf im Bauchladen des Schiffes, denn
man ist ja jetzt außerhalb des Hafengebietes und da kann man dem örtlichen SPAR-Markt
preislich Paroli bieten.
Die Sonne scheint, keine Wolke zu sehen, dafür aber Amrum, was gegenüber liegt.
Nach der Rückkehr an Land gezieltes illegales Vordringen an den Strand über die Terrasse
des örtlichen Segelvereins und Okkupation eines herrenlosen Strandkorbs.
Hat schon was, so ein Tag am Meer.
Kap. 7: Die Erkundung der Insel
Man ist motorisiert und erreicht zügig die Stätten des Schickimicki-Tourismus:
In Kampen gibt’s im Strandrestaurant 5 daumengroße Pellkartöffelchen („kanarisch“!) mit Knobi-Dip
für schlappe 4,50 Euro und die machen nicht satt!
Darauf erst mal Abhängen auf der Holzpromenade mit einer kostenlosen Portion Sonneneinstrahlung.
In der „Sturmhaube“ lässt der freundlich wirkende Kellner sofort die Maske fallen, als er merkt,
dass er nicht in ortsüblicher Höhe ein Trinkgeld einstreichen kann und wendet sich demonstrativ
angeekelt und wortlos ab. Missachtung soll nun unsere Strafe sein.
In List gibt’s eigentlich nichts.
Nur ein paar Häuser an einer Strasse und einen Hafen.
Damit der Reisende trotzdem kommt ist am Hafen eine eher schräge Dauerkirmes mit
Ramschbuden, Fischbrötchenständen, Karussell und einem Hasseröder-Show-Truck aufgebaut.
In den Schuppen werden Pseudo-Antiquitäten und Billig-Textilien verscherbelt, aber es gibt auch
einen Fischmarkt und da gibt es lecker Matjesfilets für 80 Cent das Stück.
Zwiebeln gibt’s umsonst dabei! Hurra die Mischkalkulation: Mit dem Verzehr dieser Preisbrecher
werden die bisherigen Ernährungskosten im Durchschnitt auf ein erträgliches Maß reduziert
und Matjesfilet passt ja auch gut zu Pellkartoffeln!
Als weiteres echtes Highlight der Inselgastronomie stellt sich Bam-Bus-Klaus und seine
Bam-Bus-Bar heraus: In einer ehemaligen Bushaltestelle irgendwo im Niemandsland der
hügeligen Dünenlandschaft hat Bam-Bus-Klaus mit Sinn fürs Einfache und Originelle eine
authentische Kneipe hingebastelt, die wirklich aussieht wie die letzte Kaschemme irgendwo in der Savanne ...
Nach einem frischen Flens in der Abendsonne und auf einfachen Holzmöbeln an ausgedienten
Kabeltrommeln als Kneipentisch geht’s weiter und der Kontrast könnte größer nicht sein:
Im Hinterland von Keitum (ein Dorf voller Teestübchen und Edelnippeslädchen im Puppenstübchen-Look)
werden die millionenschweren Anwesen der besitzenden Klasse umrundet.
Außer ein paar teuren Autos ist aber nichts weiter zu sehen, denn die Betuchten und die Promis
bleiben lieber unter sich.
Nach Einbruch der Dunkelheit gibt’s in der Westerländer „Cohibar“ pralles Leben live:
Eine völlig zugedröhnte Unbekannte, irgendwie im Stil der frühen Siebziger kostümiert,
entblößt sich zum Erschrecken der Anwesenden vor dem Laden teilweise und versucht
die deutlich jüngeren männlichen Gäste mit zotigen Reden und unzüchtigen Griffen zu belästigen.
Drinnen jedoch ist alles eher bürgerlich, ein Gunther-Sachs-Double hält sich wankend
an der Theke fest und der Abend endet mit Krombacher.
Kap. 8: Am Sandstrand liegt der Strandsand
Der dritte Tag im Land der Strandpiraten soll dem maritimen Badevergnügen geweiht sein
und so strebt man offen Richtung Hauptstrand, wird jedoch von der Bewachung zurückgerufen
(„Die Kurkarte! Hallo, Ihre Kurkarte!!“).
Die Alternative: Sightseeing durch den südwestlichen Ortsteil und unauffälliges Einsickern
über den FKK-Bereich.
Das Nackedeiing überlässt man besser den Rentnern und begibt sich daher dem Anlass entsprechend
korrekt gekleidet zum Bade in die See. Ein herrenloser Strandkorb in der Grauzone zum Textilstrand
ist schnell gefunden.
Die Nordsee zeigt sich ausgesprochen mediterran und über dem Wasser weht warmer Wind.
Ja, so ist das Leben an der Küste: Durchaus angenehm und ausgesprochen entspannt ...
wenn das Wetter mitspielt.
Nach ein paar Stunden Badefreuden gibt’s erst mal ein weiteres Matjesbrötchen in der
nahegelegenen „Strandperle“ und langsam wird die Zeit knapp, denn ein weiteres Abenteuer
steht unmittelbar bevor:
Kap. 9: Eine Seefahrt, die ist lustig
Um 17 Uhr 30 heißt es „Leinen los“ zur Happy-Hour-Tour:
Fahrpreis 2,50 Euro und alle Getränke zum halben Preis, da kommt Freude auf!
Mit einem Liter Jever für 1,25 Euro in der Hand geht’s aufs Sonnendeck und die
anderen Passagiere sind auch schon da, haben aber kleinere Gläser.
Die allerdings haben es auf den zweiten Blick mächtig in sich, denn was wie Cola oder Sprite
aussieht ist inhaltlich recht hochprozentig. Das erfährt man, wenn man in der Schlange am
Schiffstresen die Orders der Kundschaft mitbekommt.
Hauptsache ist doch, das die Kinder nichts merken und so steigt der Stimmungspegel an Bord
merklich, aber diskret ...
Wieder berichtet der Kapitän von Sturmfluten und weggespülten Inselspitzen und ruft zum
preiswerten Einkauf im Bauchladen des Schiffes auf. Schnell wird klar: Es handelt sich nicht etwa
um eine touristische Veranstaltung, sondern um die schwimmende Kneipe des Dorfes, in der
der Einheimische den Piratenpreisen der Inselgastronomie entgehen und seinen verdienten
Feierabend im Kreise glücklicher Urlauber zu sozialverträglichen Preisen einläuten und anschließend
auch noch günstig was fürs Abendbrot einkaufen kann.
Beim Verlassen des Schiffes sind die Leute regelmässig so angetüdelt, dass sie glauben,
im Hafenbecken eine Robbe zu sehen und solche Gerüchte verbreiten sich dann schnell und
fördern natürlich auch den Fremdenverkehr!
Kap. 10: Das Unwetter tobt
Nach ein paar Momenten der Ruhe und Regeneration geht es schon bald wieder
Richtung Strandperle um dort das beliebte abendliche Gedeck zu nehmen.
Doch kaum sind Matjesbrötchen und Flensburger verzehrt, türmt sich am Himmel
eine graue Wolkenfront auf und Regentropfen treiben die Gäste unter die Zeltplane,
während die Betreiber den Windschutz aus Plexiglas ausfahren.
Und das kommt keine Minute zu früh denn mit grandiosem Wetterleuchten und Blitzen rundum
gewittert es mächtig los, aber der Bierverkauf geht weiter!
Im Strandkorb auf der Terrasse findet man auch nur solange Schutz, bis der Wind den Regen
waagerecht vor sich her und frontal in den Strandkorb hineintreibt. Mit einem eilig gegriffenem
herumstehenden Plastiktisch als Schutzschild wird das Gröbste abgewehrt, doch langsam
saugen sich auch die Textilien von unten herauf voll.
Man kann jedoch die Situation entspannter erleben, wenn man das Ganze als ein weiteres
Bad in der Nordsee betrachtet. Das tut auch eine junge Dame, die statt eines Schirms nur
einen Bikini trägt, als sie die Strandperle erreicht.
Nach knapp 20 Minuten ist dann alles überstanden und der Himmel zeigt sich schon bald wieder
sternenklar. Die Nacht ist lau und die Textilien trocknen schnell am Körper.
Damit steht einer weiteren Expedition ins nächtliche Westerland nichts mehr im Wege
und der Tag endet in einer dortigen Musikkneipe eher unspektakulär.
Kap. 11: Weitere Erlebnisse
Der letzte Tag im Land der Strandräuber zeigt sich wieder ausgesprochen sonnig und heiß
und so ist die Wanderung zur Bushaltestelle mit Gepäck eine schweißtreibende Angelegenheit.
Hier hätte ein Sherpa gute Dienste leisten können.
Der spontane Kurzbesuch im unklimatisierten SPAR-Markt zwecks Versorgung mit Getränk
bestätigt noch einmal, dass man es hier immer noch mit Piraten zu tun hat!
Im überfüllten Bus vorbei an Sansibar nach Westerland.
Dort in der Fußgängerzone ein Bad in der aufgetakelten Menge genommen und anschließend
von einer Aussichtsplattform aus auf die (nur mit Kurkarte zu betretende) Strandpromenade
und die dort schaulaufenden Möchtegern-Schickis herabgeschaut.
Alle wollen mondän sein, aber keiner weiß, wie das geht ...
Nach einem enttäuschenden Matjesbrötchen von der örtlichen Gourmet-Fischimbisskette und
einem stilecht gezapften Flensburger in einer beschaulicheren Nebenstrasse wird stressfrei der Hbf
und der dort wartende IC zum Festland erreicht, der sich klimatisiert und schwach besetzt
auf den Weg macht ...
Ein paar spacke Teenager telefonieren nabelfrei und gepierced mit ihren Handys herum, als es
vor Hamburg Dammtor zur Zwangspause kommt: Irgendein Idiot ist mit dem Laster vor einen
Brückenpfeiler gefahren und bevor die Statik nicht geprüft und die Brücke nicht freigegeben ist
geht es nicht weiter.
Das ist spitze, das ist stark, das ist ganz ganz toll!
Immerhin spendiert die Bahn ein kostenloses alkoholfreies Getränk im Bistro-Wagen,
wobei ein alkoholfreies Clausthaler von der Bahn nicht als alkoholfreies Getränk angesehen wird,
wie der schwitzende Kellner dem staunenden Fahrgast erklärt.
Nach 60 Minuten Aufenthalt auf freier Strecke geht es dann endlich doch weiter und die Brücke hält.
Nachdem im Hamburger Hauptbahnhof die Pendler den Zug wieder rappelvoll gemacht haben,
läuft die Bahnfahrt völlig normal ab, ab Osnabrück regnet es auch wieder ...
Hier endet der Bericht von der lustigen Reise ins Land der Strandräuber,
der ein Kurzbericht sein sollte und doch wieder ausgeartet ist...

