aus Nepal

30.10.2006 um 14:32 Uhr

Das Porterchen

Musik: (S)he works hard for the money

Wenn ich an Lech denke, dann muss ich automatisch grinsen und mich freuen. Was ein feiner Kerl! Was ein feines Porterchen! Nicht nur, weil er mir das Leben gerettet hat, als mich ein wild gewordener Esel beinahe den Hang hinunter stieß.

Lech ist Mitte 50 und macht seit Jahren nichts anderes als Trekkern ihre Ausrüstung durch die Berge zu tragen. Es ist ganz unglaublich welche Massen die Porter bewegen können. Dabei liegt ein Großteil des Gewichts mit einem Gurt befestigt auf ihrer Stirn. Früher so sagt Lech, habe er bis an die 40 Kilo getragen. Mittlerweile liegt seine Grenze bei 25 Kilo. Meines Empfindens nach immer noch eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass Lech zwei Köpfe kleiner als ich ist und zwei Kilo weniger wiegt. Steffis Gepäck war für Lech sehr human, im Gegensatz zu den Massen, den manch anderer Trekker meint mit in die Berge nehmen zu müssen. Es gibt das Gerücht von zwei Amerikanerinnen, die mit fünf Portern unterwegs waren, von denen einer ein westliches Trekkingklo transportierte.

Lech ist ein ganz besonderer Mensch. Da ist zum einen sein Gesicht. Mit den schlitzartigen Augen hat es etwas tibetisches. Diese Augen beherrschen seinen ganzen Ausdruck, denn es sind lachende, weise Augen. Wenn Lech lacht, dann muss man automatisch mitlachen und man möchte ihn am liebsten umarmen und alles ist gut. Lech ist ein durchtrainiertes Kerlchen. Auf dem Trek hat er immer ein Adidasshirt, eine Reebokmütze und eine gefakte Daunenjacke mit North-Face Emblem getragen. Er spricht ganz ruhig und strahlt eine unglaubliche Gelassenheit aus. Auch dann, wenn er gerade mal wieder einen schwierigen Anstieg gemeistert hat. Jeden Abend hat Lech ein kleines Stück Papier und eine Kugelschreiber Miene zur Hand genommen und geschrieben. Dann saß er versonnen da, schaute sich um, schaute sich die Gegend und die Menschen an, und schrieb dann ein paar Zeilen. Ganz bedächtig, in aller Ruhe. Es stellte sich auch heraus, dass er ein begabter Zeichner ist. In einer Lodge malte ihm die kleine Australierin Usha ein Bild. Eine Prinzessin, die in dem Garten vor ihrem Schloss auf einer Schaukel sitzt. Lech war sichtlich gerührt und wollte sich revanchieren. Ich gab ihm ein Stück Reispapier. Über diesem Stück Papier saß er eine ganze Weile. Immer wieder setzte er den Stift an und dann wieder ab, bis schlussendlich das Gesicht eines Mädchens zu sehen war. Ganz deutlich erkennbar: Usha

Nach der allabendlichen Portion Dhal Bhat (er wollte nie etwas anderes!) ist Lech dann meist Rakshi trinken gegangen. Nepalesischer, sehr harter Schnaps. Unser guide war immer darum bemüht, dass Lech alles bekommt was er braucht. Auch seinen Alkohol. "In the mountains we are nothing without him", betonte er. Manchmal saß Lech auch einfach nur bei uns, lachte so dann und wann. Unser Dhai, unser großer Bruder. Seine Familie wohnt in Pokhara am Fuße des Annapurna-Gebietes. Das wohl beliebteste Trekking-Gebiet nach der Everest Umgebung. Er ist es gewohnt von ihr getrennt zu sein. Vierzehn Jahre hat er in Indien gearbeitet. Bei der Bahn und immer dort wo es etwas zum arbeiten gab. Aber ich glaube, dass er eigentlich verkappter Schriftsteller ist. Jedoch ist es in einem Land wie Nepal schwierig individuellen Träumen nachzugehen.

30.10.2006 um 08:49 Uhr

Hochgefühle

Stimmung: immer ein bisschen verliebt
Musik: The long and winding road

So! Jetzt ist es endgültig um mich geschehen. Ich bin Hals über Kopf verliebt. In ein ganzes Land. In schneebedeckte Gipfel, subtropische Wälder, wilde Flüsse, Schotterwüsten, Reisterassen, Apfelbäume, Bananenstauden, tibetische Weberinnen, budhistische Pagoden, Kuhfladenhütten...hach ja. Auf dem Weg durch die Berge bekommt man noch einmal einen ganz anderen, einen ganz besonderen Eindruck von diesem Land. Man bekommt Respekt vor den Kräften der Natur und den Menschen, die in zum Teil einfachsten Verhältnissen ihr Leben in den unwegsamsten Gebieten bewerkstelligen.

An dieser Stelle möchte ich Familie Müller für ihre Reise nach Nepal danken. Und Jucki. Dafür, dass sie Herrn Müller therapiert und ihm von mir berichtet hat. Denn ohne Ehepaar Müller hätte ich mich nie auf den Jamsomtrek begeben. Und ohne Ehepaar Müller hätte ich nie den Christopher, die schöne Steffi, das Porterchen und meinen Zukünftigen kennengelernt. Alles ganz gute Menschen. Jetzt glaube ich noch mehr ans Schicksal und an Worte von Herrn Exupery:"Das worauf es im Leben ankommt können wir nicht hervorsehen. Die schönste Freude erlebt man oftmals dann, wenn man sie am wenigsten erwartet." Ich bin gegen alle Ratschläge alleine losgezogen und hatte das große Glück direkt am ersten Tag, ein paar Kilometer hinter Jomsom auf Steffi und ihren Guide und ihren Porter und auf Engländer Steve zu treffen. (Der allerdings seit sechs Monaten in Quatar wohnt und jedem der ihn darum bittet oder auch nicht seine alcohol lisence zeigt)

Das Trekken ist ein bisschen so wie das Wandern auf dem Jakobsweg. Man steht in der Frühe auf und läuft den ganzen Tag. Unterwegs trifft man andere Trekker aus aller Herren Länder, verliert sie wieder aus den Augen und entdeckt sie in einer Lodge wieder. Natürlich ist das Laufen in den Höhen Nepals anstrengender als im Flachland Spaniens. Wobei ich "NUR" auf 4000 Meter gekommen bin und "NUR" sieben Tage gelaufen bin. Es gibt hier schon so manchen Hardcore-Trekker, der über zwei Wochen und über 6000er läuft. Und danach dann auch noch raftet und paraglided. So richtige Sportsfreunde. Mir hat meine kleine Tour vorerst gereicht. Am zweiten Tag musste ich schon ganz schön kämpfen, da die Luft immer dünner wurde. Und der Anblick der immer näher kommenden Berge so atemberaubend war. Mensch, wie lieb ich die Berge! Auf dem Weg zu Ihnen durchläuft man die unterschiedlichsten Gegenden mit den unterschiedlichsten Vegetationen. Dabei muss man aufpassen, dass man nicht von verrückt gewordenen Eseln über den Haufen gerannt wird. Die schleppen für die Touris das Tuborg-Bier und das Toilettenpapier die Hänge hinauf. Mir sind gefühlte 156 000 entgegen gelaufen. Herrje, man kann gar nicht alles berichten. Muss man aber ja auch nicht. Am beindruckensten war wohl der Aufstieg nach Muktinath, wo der höchste Hindutempel der Welt steht. Man kommt den Bergen immer näher, durchläuft steinige Anstiege um dann zu einer herbstlichen Landschaft zu gelangen, in der Laubbäume blühen und die besten Äpfgel, die ich je gegessen habe. In Muktinath gab es keine Zimmer mehr (es sind unglaublich viele Touristen unterwegs, vor allem unglaublich viele deutsche Grüppchen). Wir haben in einem kleinen buddhistischen Kloster übernachtet. Weil es nun immer kälter wird, waren von den 40 nur noch zwei Nonnen dort. Sie haben uns Dhal bhat gekocht und wir haben uns die kalten Hände am Kuhfladenfeuer gewärmt.

Nun sitze ich wieder in Kathmandu und interviewe Visa-Aspiranten. Ich plane jedoch schon meine Flucht und mein Leben als professioneller Trekkingguide.

20.10.2006 um 12:00 Uhr

Achtung! Trügerisches "Tomato Puree"!

Stimmung: trekkerisch
Musik: Das Wandern ist des Müllers Lust

Es ist etwas kurioses passiert. (außerhalb der Reihe von Kuriositäten die hier sowieso an der Tagesordnung stehen!) Eben rief mich die Frau Botschafterin an. Sie habe Gäste aus Deutschland und die würden mich gerne treffen. Irgendeine Freundin von mir habe Ihnen erzählt, dass ich momentan auch in Nepal und an der Botschaft bin. Also: wer kennt Herrn und Frau Müller aus Düsseldorf? Ich hab sie noch nicht getroffen, aber schon beschlossen ab Sonntag mit ihnen trekken zu gehen. Rein zufällig haben sie sich nämlich die gleiche Strecke wie ich ausgesucht. Sachen gibts.

So gibt es hier zum Beispiel auch trügerische Dosen mit der Aufschrift "Tomato Puree". Die sind wirklich gemeingefährlich. Vor allem dann, wenn man seine Newari-Gäste (es kamen dann Gott sei Dank nur vier) mit Spaghetti beglücken möchte. Was diese fiese Dose nämlich eigentlich beinhaltet ist eine Mischung aus Tomatensaft und Zuckersirup. Ziemlich ekelig. Shubash hat mich dann kurzer Hand aus der Küche geworfen und versucht mit viel Masala-und Knoblauchpulver und Chillischoten zu retten was noch zu retten ist. Aber eigentlich gab es nichts mehr zu retten. Herrje, die Nepalis sind wirklich ein freundliches Völkchen. Ganz artig haben sie gegessen. Okay, die Gesichtszüge zeugten ab und an von leichtem Ekel. Und ein bisschen was ist auch liegen geblieben. Doch alles in allem waren sie sehr tapfer. Ich habe versucht das Ganze mit Erdnüssen, Keksen, Sprite und Tuborg auszumerzen. Hat glaube ich auch funktioniert. Khabina will zumindest selber mal versuchen Spaghetti zu kochen. Trotzdem werde ich "Tomato Puree" verklagen! Überhaupt keine Frage.  

Sharose hat uns dann den DJ gemacht. Wir haben Tische und Stühle verrückt und wild zu Hindimusik getanzt. Und zu Eric Clapton. Soweit man dazu tanzen kann. Sabine hat versucht Khabina und Sharose Disco Fox beizubringen. Das haben sie ganz gut hinbekommen. Und sich unglaublich über die kleine Tanzstunde gefreut. Es war alles ein bisschen wie in einer anderen Welt. Aber das ist okay. Denn Nepal ist eine andere Welt. Ach ja, ich glaube ich adoptiere die ganze Familie!

Das wars jetzt auch erstmal für die nächsten Tage. Ich gehe in die Berge. Das ist die erste und letzte Gelegenheit, denn es kommen keine anderen Feiertage mehr. Adieu!

19.10.2006 um 09:44 Uhr

Ich bin jetzt verheiratet

Stimmung: feierlich
Musik: Viel Glück und viel Segen; Heute kann es regnen, stürmen oder schnein;

Fanfarenmusik bitte! Legt die Festtagskleidung an und rollt den roten Teppich aus! Hach, was ist mir heute feierlich zu Mute! Es ist aber auch wirklich ein besonderer Tag. Und dann scheint auch noch die Sonne und die Vögel zwitschern. Und ich darfs miterleben.

Die Excellenz hat Geburtstag. Janmadinko Shubha Kamana. Happy Birthday Mr. Botschafter. Wir haben auch schon gesungen. Viel Glück und viel Segen. Sagenhaft einstimmig und emotionslos. Ich hätte ja lieber den Klassiker von Rolf Zuckowski angestimmt. "Wie schön, dass du geboren bist. Wir hätten Dich sonst sehr vermisst. Wie schön dass wir beisammen sind. Wir gratulieren dir Geburtstagskind." Aber man dutzt keine Botschafter. Hilde Gerk und Dieter Thoma haben heute übrigens auch Geburtstag. Die dürfen nicht vergessen werden. Ich freu mich.

Zur Feier dieses Tages trage ich eine lange grüne Perlenkette. Die habe ich die Tage in einem der unzähligen Schmucklädchen hier gekauft. Es gibt sie in ganz vielen verschiedenen Farben: rot, gelb, orange, rot-orange, gelb-rot und eben auch in grün. Die sind auch ganz günstig und ich habe mir schon überlegt in Deutschland ein Perlenkettenimportgeschäft aufzumachen. Oder ich finde jemanden, der in Deutschland das Geschäft führt und ich organisiere von hier aus Einkauf und Export. Gibt es Freiwillige? Wirklich eine ganz vielversprechende Sache. Lotus Im- und Exports. Für anderweitige Namensvorschläge wäre ich natürlich offen.

Und eben kam Bishnu aus der Visaabteilung und meinte: "Kamala, hast Du gestern geheiratet?" Ich hab kurz nachgedacht, dann:  "Nicht gestern Bishnu, letzte Woche. Wieso?" Er: "Ich war nicht eingeladen." Ich: "Tut mir leid, beim nächsten Mal." Wir müssen ganz viel lachen. Er:"Okay, Okay. Aber Du weißst schon, dass diese Kette nur Verheiratete tragen?" Na gut, dann bin ich jetzt halt verheiratet

18.10.2006 um 12:26 Uhr

Der Gärtner

Stimmung: Feierabendstimmung

Ich denk mir grad folgendes: ich bin froh kein nepalesischer Gärtner zu sein. Ich guck hier aus dem Fenster und seh dem Armen bei seinem Versuch ein paar neue Pflanzen einzubuddeln zu. Da hockt er auf dem Rasen mit dem nepalesischen Dreieckshütchen auf dem Kopf und gräbt in der der Erde. Und dabei lässt man ihn einfach nicht in Ruhe. Fünf Leute stehen um ihn herum. Jetzt sechs. Er soll doch ein bisschen tiefer graben sagt der Wachmann. Ob das jetzt nicht ein bisschen zu tief wäre bemerkt der driver. Ein bisschen weiter auseinander sollte man die Pflanzen setzen mosert der Hausmeister. Und der Gärtner macht einen Gesichtseindruck als würde er gleich explodieren. Jetzt stehen sie alle da draußen und diskutieren wie man am besten drei Blumen einpflanzt.

Noch was zum Thema Garten: heute morgen bevor wir losgefahren sind hat Roshana mir nichts dir nichts aufgeschrien. "Oh wow! Wir haben ein Gemüse im Garten." Ich hab mich umgedreht und da hing die riesigste Gurke der Welt am Baum. Ich seh Roshana schon im Guiness Buch der Rekorde stehen. Mit einem Foto auf dem sie dieses überdimensionale Ding in der Hand hält und stolz von dessen hauseigener Züchtung berichtet. Aber da dieses Gemüse so unglaubliche Ayurvedische Wirkungen freisetzen soll, bleibts wohl eher beim Eigengebrauch.

Ansonsten hängt draußen ein abgestürzter Drachen im Baum. Ein ziemlich zerfetztes Teil. Die Schnur ist aber noch dran. Drachen sind hier ganz populär. Irgendwo steigt immer einer in die Lüfte. Man kann an fast jeder Ecke eine Art Holzspindel kaufen. Darauf wird dann die Schnur gewickelt.  Den Drachen an sich basteln die kids meist selber. Ich find diese Drachenkultur toll. Es gibt übrigens auch eine Schaukelkultur. Zu den wichtigsten Festivals hier -Dhassein und Tihar- werden überall im Land riesige Schaukeln aus Bambusstangen gebaut.

Jetzt muss ich den Bericht zu den Lebensbedingungen am Dienstort aktualisieren. Und dann kaufe ich ein. Ich habe für morgen eine nepalesische Familie zum Essen eingeladen. Habe mir was ganz besonderes ausgedacht: Spaghetti mit Tomatensoße. Also hier ist das auf jeden Fall ein Highlight. Kabhina hat gefragt:"Wen kann ich denn alles mitbringen?" Ich hab geantwortet:"Och, bring doch mit wen du willst." Ähm ja. Vielleicht war das ein Fehler. Der harte Kern von Kabhinas Familie besteht aus 20 Leuten.

17.10.2006 um 12:55 Uhr

Nepal Bhand

Stimmung: revolutionär und diarrhös zugleich
Musik: Bella Ciao

Heute ist Nepal Bhand. Ein landesweiter Streik, quasi ein Generalstreik. Das erste Mal habe ich soetwas in Indien miterlebt. Damals war irgendein heiliger Hindupriester in polizeilichen Gewahrsam genommen worden. Das gefiel der religiösen Mehrheit des Landes gar nicht. Also wurde ein Streik ausgerufen. Ich fand das damals ziemlich aufregend. Wann gab es denn den letzten Generalstreik in Deutschland? Es geht gar nichts mehr. Ein ganzes Land verharrt im Stillstand. In Indien und Nepal ist das aber quasi an der Tagesordnung. Vor allem für die Nepalesen. In den letzten Jahren riefen die Maoisten und studentische Bewegungen immer mal wieder zu bhands auf. Wer sich nicht daran hält, der wird kurzerhand mit Steinen beworfen. Oder es wird ihm im Nachhinein ein bisschen Geld aus den Taschen erpresst. Heute haben die Industriellen zum Streik aufgerufen. Und keiner hält sich dran, weil alle wissen, dass sie nicht zu solch unlauteren Methoden greifen werden. Und wer will schon die Industriellen unterstützen, wo sie doch für die Ausbeutung der Arbeiter bekannt sind. Obwohl man sonst gerne mal streikt, weil man dann auch nicht zur Arbeit muss. So streikt zum Beispiel grad die Müllabfuhr. Keiner weiß so recht warum. Sie fahren jetzt aber einfach grad nicht mehr. Deshalb türmen sich am Straßenrand die Müllberge und es stinkt aus allen Ecken.

Ansonsten ist heute der Regionalarzt da. Der kommt aus Delhi und checkt die deutschen Gesandten von Zeit zu Zeit. Ich darf jetzt 24 Stunden nix Essen, weil ich vielleicht einen Parasiten habe. Ich finde das ganz unerhört. Die Vorstellung, dass in mir was lebt und kriecht ist nicht die schönste. Um es diplomatisch auszudrücken. Ich kann mir auch nicht vorstellen die nächsten Stunden nichts mehr zu Essen. Zumal ich sechsmal am Tag auf Toilette rennen muss. Aber die Details kann man sich auch sparen.

Man sollte aber schon berichten, dass heute Nacht wieder mindestens fünf Hunde das Zeitliche gesegnet haben. Die töten sich hier gegenseitig. Aus Langeweile. Roshana drückt es so aus:" Die schlafen den ganzen Tag und nachts haben sie nichts zu tun. Also kämpfen sie miteinander." nacht für Nacht, eigentlich immer so gegen halb elf, geht es los. Die zerfleischen sich. So hört es sich auf jeden Fall an. Wie Wolfsgeheul. Und tagsüber vögeln sie auf offener Straße. Eine Horde beim Gruppensex stand letztens am Straßenrand. Herr Paharis Kommentar:" Lass denen doch auch ihren Spaß". Recht hat er.

15.10.2006 um 17:57 Uhr

Impressionen aus Kathmandu

Stimmung: impressionistisch
Musik: Eight days a week

-ein dünner alter Mann schleppt einen Kleiderschrank durch die Straßen. Der Schrank liegt auf seinem Rücken, ist mit einem Gurt befestigt, der seine Stirn umspannt

-Fahrt mit Wolfgang im klimatisierten Van durch die schmalen Gassen Kathmandus. Mia singt von ihrem hungrigen Herz und zuckersüßen roten Mündern. Wir überfahren beinahe einen Hund und zwei Kinder

- Bananenlassi und Momos immer und überall

- der ehemalige Premierminister, der jeden Morgen im beigen Gewand durch die Straßen Gyaneshwars läuft

- "Music for Peace"-Jazzparade durch Lazimpat mit buddhistischen Mönchen und Saxophon spielenden Farbigen, die man eher in New Orleans vermutet

-die riesigen knallbunten Werbeplakate, die hier neben den mittelalterlichen Wohnhäusern aufgestellt sind und zumeist indische Produkte preisen. Wolfgang würde es ein Zeichen der "Verinderung Nepals" nennen

- der Typ, der mir im Touristenviertel Thamel immer ecstasy und wheat und ganz außergewöhnlichte Trekkingtouren anbietet; sein Freund, der mich fragt warum wir eigentlich nicht heiraten können

-1.565.789 Motorräder

-das T-shirt mit dem Harkenkreuz (und  nicht dem umgekehrten Swastikazeichen wie in Indien!), dass demonstrativ im Eingang eines kleinen Ladens hängt

-Kurt Cobain und Britney Spears, die auf zahlreichen T-shirts durch die Stadt getragen werden

- Sugam, der Rammstein liebt, alle Texte auswendig kennt und mir beim Spaziergang Wolfgang Petry Lieder vorsingt

- all die militärisch vorbildlich salutierenden Wachmänner, die auf die diplomatischen Residenzen aufpassen

- Häuser, die aussehen als würden sie gleich nach vorne kippen

- Amerikanische Gesandte, die im Namaste Supermarkt 50 Tüten Chips einkaufen

- Jungs, die sich zum Schutz vor den Abgasen zum Dreieck gefaltete Halstücher vor den Mund spannen und aussehen wie banditos

- drei buddhistische Mönche in traditionellen bordeaux-orangenen Gewändern, die sich im adidas shop mit neuen Turnschuhen eindecken

- eine Gruppe Jugendlicher, die sich auf einem Tempel am Durbar Square zum Rauchen trifft

- Converse-shop in der Kathmandu-Mall

- der Kronprinz, der den Palast aus Angst vor Anschlägen nicht mehr verlässt und nun innerhalb von einem halben Jahr 20 Kilo zugenommen hat

- im Wind wehende tibetische Gebetsflaggen

- brennender Müll am Straßenrand und herumstreunende Hunde

- sonderbare Helmpflicht: der Fahrer MUSS einen helm tragen, der Mitfahrer nicht

- kleine shops mit einer Auswahl von 100 verschiedenen Produkten auf vier Quadratmetern

- rote maoistische Flaggen an den Straßenlaternen

- herumhockende Nepalesen

- offene kleine Metzgerstübchen überall, die tote Hühnchen in kleinen Galsboxen am Straßenrand präsentieren

- eine Gruppe Menschen, die vor einem Zelt steht in dem Fernseher verkauft werden und Hindifilme gezeigt werden

- mit Militär gefüllte Lastwagen

- Militärs, die hinter Sandsackposten sitzen und Frauen hinterher schauen

- hübsche Nepalesinnen in knallengen Jeans und Top laufen neben ihren Müttern im traditionellen Saree

- hängende Bananen

- Namaste und immer wieder Namaste

- nach 18 Uhr sind die Straßen voll

- Polizisten, die mit Atemmaske im Verkehrschaos stehen und keine Autorität haben

- Wachmänner, die in ihren Kabinen einschlafen sobald der Hausherr wegschaut

- Familien, die zum Abendgebet zur Stubpa gehen oder den Tempel ihres districts umlaufen

- verräucherte Brutzelstübchen an jeder Ecke

- Cocktailbars in Thamel

- Stromausfall am Dienstag Abend

- Klebstoff schnüffelnde Kinder

- im Ratan Park (vertrocknete Wiese inmitten der zwei Hauptverkehrsstraßen der Stadt) walkende und Yoga praktizierende Nepalis

- ein Taxi, dass in einer Gasse feststeckt. Von vorne kommt ein Bus, von hinten fünf Motorräder

- Schleudertraumatische Zustände nach Fahrten über das kaputte Pflaster

- das Haus von Shubashs Familie in dem sogar ich mich bücken muss um einen Raum zu betreten. Familie von 15 Leuten teilt sich drei Zimmer.

- Sarush, der es liebt beim Motorradfahren eine zu rauchen. "He made his first experience with women when he was 18." Sprich: Sie haben Händchen gehalten

- gefälschte Trekkingausrüstung won man geht und steht

- die Newaris, die sowohl Budhisten als auch Hinduisten sind

- eine Gruppe deutscher Rentner, die in Wanderschuhen durch die Stadt läuft