Das Porterchen
Musik: (S)he works hard for the money
Wenn ich an Lech denke, dann muss ich automatisch grinsen und mich freuen. Was ein feiner Kerl! Was ein feines Porterchen! Nicht nur, weil er mir das Leben gerettet hat, als mich ein wild gewordener Esel beinahe den Hang hinunter stieß.
Lech ist Mitte 50 und macht seit Jahren nichts anderes als Trekkern ihre Ausrüstung durch die Berge zu tragen. Es ist ganz unglaublich welche Massen die Porter bewegen können. Dabei liegt ein Großteil des Gewichts mit einem Gurt befestigt auf ihrer Stirn. Früher so sagt Lech, habe er bis an die 40 Kilo getragen. Mittlerweile liegt seine Grenze bei 25 Kilo. Meines Empfindens nach immer noch eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass Lech zwei Köpfe kleiner als ich ist und zwei Kilo weniger wiegt. Steffis Gepäck war für Lech sehr human, im Gegensatz zu den Massen, den manch anderer Trekker meint mit in die Berge nehmen zu müssen. Es gibt das Gerücht von zwei Amerikanerinnen, die mit fünf Portern unterwegs waren, von denen einer ein westliches Trekkingklo transportierte.
Lech ist ein ganz besonderer Mensch. Da ist zum einen sein Gesicht. Mit den schlitzartigen Augen hat es etwas tibetisches. Diese Augen beherrschen seinen ganzen Ausdruck, denn es sind lachende, weise Augen. Wenn Lech lacht, dann muss man automatisch mitlachen und man möchte ihn am liebsten umarmen und alles ist gut. Lech ist ein durchtrainiertes Kerlchen. Auf dem Trek hat er immer ein Adidasshirt, eine Reebokmütze und eine gefakte Daunenjacke mit North-Face Emblem getragen. Er spricht ganz ruhig und strahlt eine unglaubliche Gelassenheit aus. Auch dann, wenn er gerade mal wieder einen schwierigen Anstieg gemeistert hat. Jeden Abend hat Lech ein kleines Stück Papier und eine Kugelschreiber Miene zur Hand genommen und geschrieben. Dann saß er versonnen da, schaute sich um, schaute sich die Gegend und die Menschen an, und schrieb dann ein paar Zeilen. Ganz bedächtig, in aller Ruhe. Es stellte sich auch heraus, dass er ein begabter Zeichner ist. In einer Lodge malte ihm die kleine Australierin Usha ein Bild. Eine Prinzessin, die in dem Garten vor ihrem Schloss auf einer Schaukel sitzt. Lech war sichtlich gerührt und wollte sich revanchieren. Ich gab ihm ein Stück Reispapier. Über diesem Stück Papier saß er eine ganze Weile. Immer wieder setzte er den Stift an und dann wieder ab, bis schlussendlich das Gesicht eines Mädchens zu sehen war. Ganz deutlich erkennbar: Usha
Nach der allabendlichen Portion Dhal Bhat (er wollte nie etwas anderes!) ist Lech dann meist Rakshi trinken gegangen. Nepalesischer, sehr harter Schnaps. Unser guide war immer darum bemüht, dass Lech alles bekommt was er braucht. Auch seinen Alkohol. "In the mountains we are nothing without him", betonte er. Manchmal saß Lech auch einfach nur bei uns, lachte so dann und wann. Unser Dhai, unser großer Bruder. Seine Familie wohnt in Pokhara am Fuße des Annapurna-Gebietes. Das wohl beliebteste Trekking-Gebiet nach der Everest Umgebung. Er ist es gewohnt von ihr getrennt zu sein. Vierzehn Jahre hat er in Indien gearbeitet. Bei der Bahn und immer dort wo es etwas zum arbeiten gab. Aber ich glaube, dass er eigentlich verkappter Schriftsteller ist. Jedoch ist es in einem Land wie Nepal schwierig individuellen Träumen nachzugehen.
