aus Nepal

20.11.2006 um 10:51 Uhr

Im Rakshi-Pub

Er sagte: "Komm, ich zeige Dir, wo ich abends immer hin gehe und meine Freunde treffe." Ich habe genickt. Er: "Aber du musst mir versprechen, dass du nicht lachst, okay?"  Ich habe es ihm versprochen. Und dann musste ich doch lachen. Ich konnte einfach nicht anders als ich den Ort gesehen habe, an den Dipesh jeden Abend flüchtet um Rakshi zu trinken. Den nepalesischen Snaps. Vorher hatten wir noch in einem gemütlichen "beer garden" gesessen und über Zukunftsängste gesprochen. Und über die Amerikanerin, die versuchte ihm seinen ersten Kuss zu geben. An ihrem letzten Abend lud sie ihn in ihr Appartment ein und versprach ihm einen "Butterfly kiss". Mal abgesehen davon, dass sie ihm auch anbot ihn zu heiraten. Dipesh sagt:"I was really scared at that time. I have never kissed a girl. And yet I don't want to. It will only give me trouble." Danach hätten ihn seine Freunde als Idioten bezeichnet. Er könne jetzt schon sorglos in Amerika sein. Statt dessen sorgt er sich nun um seine Zukunft, ärgert sich, dass er seine Schulausbildung abgebrochen hat, aber auch zu faul ist um weiterzumachen. "You know, college books just make me sleepy."

Wir sind um drei Straßenecken gebogen und in einer dunklen Gasse vor einem kleinen grauen Gebäude gelandet. Vor dem Eingang hing ein schäbiges Stück Stoff. "Here we are." Dipesh grinste. Drinnen standen ein paar Tische, ein Gaskocher, ein Fernseher und weiter nix. Ein Tisch war schon besetzt mit rauchenden Jungmännern. Weit und breit keine Frau zu sehen. "Is it really okay for me to be here, Dipesh?" habe ich gefragt. "Jaja" war seine Antwort. Nepalesinen würden jedoch niemals hier hinkommen. Dafür wäre es zu verrucht. Und seine Eltern dürften auch nichts davon wissen. Die würden ihm die Hölle heiß machen.

 

Wir saßen auf einer kleinen Holzbank; die Wände dunkel, Staub auf dem Boden und auf den Tischen. Als Lichtquelle gab es nur eine kleine Glühbirne, die von Zeit zu Zeit den Geist aufgab. Dipesh hat Rakshi bestellt. Ist grasgrün und riecht wie Hustensaft. Schon nach zwei Schlucken habe ich eine hochrote Birne bekommen. Ich vertrage hier keinen Alkohol. Vielleicht liegt es an der Höhe. Dipesh hat gelacht und noch gebrutzeltes Büffelfleisch bestellt, garniert mit rohen Zwiebeln. Ich habe Papad bekommen. Ein dünner gebackener Fladen aus Linsenmehl. Und so saßen wir dann da und haben uns Hindi-Serien angeschaut und mit seinem Freund gequatscht. Der hat an irgendeiner Verlosung teilgenommen. Die ersten acht Gewinner bekommen ein Motorbike. Wenn er gewinnt, dann will Dipeshs Freund eine Party schmeißen. Natürlich hier, wo sie sich jeden Abend treffen.  Im Laufe der Zeit kamen immer mehr und mehr gestalten, die Dipesh alle als seine Freunde deklarierte. Alle haben Rakshi bestellt und viel geraucht und Büffelfleisch gegessen. Dipesh sagt, dass er hier während der Weltmeisterschaft jede Nacht bis um drei gewesen sei um mit seinen Freunden die Spiele anzuschauen. "See, that is our PUB. We have some alcohol, some food and our TV."

20.11.2006 um 09:45 Uhr

Nepali Superstar

Ich bin jetzt Mitglied einer nepalesischen Band. Die Jungs nennen sich die "Electronics" und sind wirklich gut. Ich habe sie in einem Restaurant in Thamel spielen sehen. Sechs Jungmänner, die sich Lieder aus dem Internet runterladen und sie ohne Noten nachspielen. Zwei Sänger,  ein Basist, zwei Gitarristen, ein Schlagzeuger, ein Percussionist. Sie spielen guten Rock, manchmal swingen sie auch und manchmal ertönt ihr eigener Trance-Mix. Prabhat ist der Hauptsänger. Ein ganz begnadetes Kerlchen. Er hat eine unglaublich gute Stimme und singt immer mit ganz viel Gefühl. Obwohl er und die Jungs 3-4mal die Woche in einem der Restaurants spielen und es mittlerweile zur Routine geworden ist. Es gibt rund 6 Bands, die sich die Live-Musik Szene in Thamel teilen. Für 2000 Rupees spielen sie vier bis fünf Stunden lang.

Gestern durfte ich schon den heiligen Proberaum der Electronics betreten. Der befindet sich im dritten Stock eines Wohnhauses und ist eigentlich das Zimmer des Bassisten. Rund 10qm², vielleicht 11. Wir haben Lieder für mich ausgesucht. Am Donnerstag habe ich den ersten Gig mit der Band. In einem Irish Pub (dem einzigen) im Touriviertel. Die Jungs sagen, dass sie dort am liebsten spielen. "The crowd is very good." Und "We have fun listeners over there."

Vielleicht werde ich nun ein nepalesischer Superstar. Fröhlich

15.11.2006 um 09:15 Uhr

Donors coordination meeting

Die Stühle in der Meeting Hall im Finanzministerium sind überzogen mit einer Plastikfolie. Sie sehen aus wie eingeschweißt, als kämen sie frisch aus der Fabrik. Auf ihnen sitzen gerade die wichtigsten Diplomaten Kathmandus und UN-Vertreter. Alles Geber, die von der Regierung eingeladen wurden. Bei diesem hoch offiziellen Treffen sollen sie um Direkthilfen für den Friedensprozess gebeten werden. 80 Millionen US-$ soll es erst einmal kosten. Die Einrichtung der Lager für die Maoisten, Aufbau neuer Polizeistationen im ganzen Land, Vorbereitung der Wahlen und Reintegration von Verschleppten. 20 Millionen allein für die Organisation der Wahlen. (Herr M. sagt: "Da kaufen die sich erstmal schön neue Landcruiser von.") 

Vorne sitzen zwei Nepalesen mit bunten Dreieckshüten –Thopi. Der Finanzminister und sein Sekretär. Seit einer Stunde wird den anwesenden Donors berichtet, wofür die Regierung ganz schnell ganz viel Geld braucht. Ein Bericht, der aus leeren Worthülsen besteht. Und so hat der französische Gesandte seinen Kopf auf seiner Hand abgelegt und schläft, die IMF-Vertreter gucken sich von Zeit zu Zeit genervt an und mein Botschafter malt eine Blume auf seinen Notizblock.

Es gibt eine Diskussionsrunde und ich warte auf spannenden neuen Input, hitzige Schlagabtausche über die Ausrichtung der Wahlen. Stattdessen erhebt ein Nepali das Wort. "I thank you all for your kindness to come to this meeting which has come up with some wonderful ideas." Er hält eine zwei Seiten lange Rede. Der Japaner vor mir pupst. Der Mann von US-Aid trägt eine rote Fliege und sieht mit seinem wallenden Haar und der langen Nase aus wie Richard Depardieau. Einer der IMF-Vertreter steht auf, zupft sich seine Krawatte mit dem gelben Snoopy zu recht und geht. Er hat das Programm des meetings auf dem Plastikbezug platt gesessen. Die Namensschilder auf dem Tisch haben übrigens alle eine andere Schrift und eine andere Schriftgröße. Und in geregelten Abständen fällt eines der Tischmikros aus, so dass der kleine dünne Techniker im Lacoste-Pullover immer ganz aufgeregt versucht ein neues zu organisieren, bis ihn der Minister zur Ruhe mahnt.

Der Chef des UN-Büros sagt, dass er noch gar nicht weiß wie sie das machen wollen mit der Bewachung der maoistischen Lager. Der Plan ist ja auch noch ganz neu. Und die Wahlen, da solle sich am besten die EU drum kümmern. FAZIT: Es wird ganz viel Geld benötigt, man weiß aber noch nicht genau wofür. Und: da liegt noch eine ganze Menge Arbeit vor der Regierung und ihren Gebern und diesem Land überhaupt.  

Am Ende sagt der Finanzminister: "I thank you all for this thoughtful and productive afternoon. Thank you for shearing your thoughts with us."

10.11.2006 um 08:19 Uhr

Freedom at midnight

Stimmung: friedlich
Musik: Ein bisschen Frieden

Die Maoisten haben ihre Kundgebung abgesagt und im weekly mirror steht: "Peace triumphs after historic peace deal." und in der Zeit "Frieden auf dem Dach der Welt". Nach wochenlangen Verhandlungen hat sich die Sieben Parteien Allianz mit den Maoisten um Mitternacht geeinigt. Am 26. November wird eine Übergangsregierung konstituiert. Was mit dem Monarchen wird, darüber entscheidet man dann im neuen Jahr. Bis dahin kann er sich weiter in seinem Palast verschanzen. Die Maoisten lassen ihre Waffen von der UN kontrollieren und bekommen dafür 73 Sitze im Parlament (311 Sitze gibt es insgesamt). Das bedeutet, dass sie nun offiziell am politischen Prozess beteiligt sind. "This agreement has been made to bring about economic and social transformation through a peaceful and competitive democratic system." Wenn das mal alles so klappt. Man kann es diesem Land nach zehn Jahren Bürgerkrieg und 13.000 Toten nur wünschen.

 Zur Feier des Tages habe ich mit Dipesh einen Tee getrunken. Wir saßen auf vergilbten Plastikstühlen vor einem kleinen Shop. Nebenan hackte ein Mann Hühnern den Kopf ab. Unsere Gefühle waren gemischt. Wir waren ein bisschen froh, weil es nun Frieden geben soll. Wir waren aber auch ein bisschen traurig, weil wir Christopher zum Flughafen gebracht hatten und er nun nicht mehr in Nepal ist. Dipesh:" I am sad, Kamala. One of our festival members has left the group." Recht hat er. Manchmal möchte man Menschen nicht gehen lassen, muss es dann aber doch. Wir saßen also dort und sippten halb beglückt, halb betrübt unseren Tee und dann kam Lama. Ein Nepalese, der mich einfach auf Deutsch ansprach. Er habe fünf Jahre in Deutschland gelebt, habe in einem Hotel in Frankfurt gearbeitet. Eigentlich sei er in die Schweiz gereist, von dort aus sei er aber über die Grenze nach Deutschland entwischt und und als Illegaler geblieben. Jaja, einer von denen, die ich beim Visainterview dingfest machen soll. Man nennt es: den Rückkehrwillen prüfen. Lama ist jetzt seit zehn Monaten wieder in Nepal und Besitzer des shops an der Hauptstraße nach Bakthapur in dem man sicherlich dreimal am Tag den Staub von sämtlichen Produkten wischen muss. Ich solle ihn mal anrufen und mal wieder vorbeikommen. Wir könnten Deutsch sprechen und gute Freunde werden. Eigentlich seien wir ja schon ziemliche Freunde geworden. Und nach einer Minute fragte er mich, ob ich denn einen Freund habe, heiratswillig sei. Auf dem Rückweg habe ich mich dann in europäischer Manier aufgeregt. Die hiesige Definition des Wortes Freund entspreche einfach nicht meinem Verständnis. Ich könne mir meine Freunde schon selber aussuchen. Und meine Staatsangehörigkeit alleine mache mich nicht zu jedermanns Freund. Dipesh hat gelacht und gesagt: "Kamala, that is the cultural difference. You should know by now." Ja, ich sollte es wissen.

Jetzt gibt es also hoch offiziellen Frieden. Die Freundentänze der Menschen blieben noch aus. Ein paar Maos sind mit Lautsprecherwagen umher gefahren. Vielleicht kommt der Freudentaumel auch erst noch. Aber man kann ja nicht mit Sicherheit sagen wie es weitergeht. Ob alles gut wird oder nicht. Wie lautet die Standardantwort des Auswärtigen Amtes? "Die Verhandlungen waren erfolgreich, doch aufgrund der Dynamik des politischen Prozesses können wir keine konkrete Aussage treffen."

07.11.2006 um 12:39 Uhr

Der Gärtner und die Maos

Stimmung: leicht verängstigt
Musik: Chapmans Talking about a revolution

Der Gärtner hat gesagt, dass die Maos ihm einen Besuch abgestattet haben. Es wird propagandiert, dass sie sich am 9. und 10. zu einer Kundgebung in Kathmandu versammeln wollen. Chef Prachanda selber wird eine Rede halten. Die erste in der Öffentlichkeit. Man rechnet mit einer Million Anhänger. (wobei viele wahrscheinlich auch dazu gezwungen werden die roten Fahnen in die Luft zu halten) Ich frage mich wo die sich hier versammeln wollen ohne dass die gesamte Infrastruktur zusammenbricht. Auf jeden Fall haben die Maos dem Gärtner einen Besuch abgestattet. Nicht so wie in den Bergen, wo drei Halbwüchsige an einem Tisch sitzen und einen freundlich zur Kasse bitten. Sie haben ihn erpresst  ein paar ihrer Anhänger bei sich aufzunehmen. Zehn Stück. Sie fordern einen Schlafplatz und zwei warme Mahlzeiten am Tag. Und wer sich weigert, dem werden sie es dann später schon zeigen. Nun befürchtet Roshana, dass sie in den nächsten Tagen auch bei uns anklingeln werden. Ich habe schon daran gedacht eine lebensgroße Pappstatue vom Christopher anfertigen zu lassen und ans gate zu stellen.  Auf unsere Wachhunde ist nämlich kein Verlass. Der eine schläft den ganzen Tag auf dem Sonnendach. Der andere kommt zwar angerannt wenn Fremde den Hof betreten, sein Bellen schlägt jedoch schnell in sanftes Knurren um.

Ach ja, nachdem was ich von den Maoisten hier in Kathmandu mitbekommen habe, kann ich diese Truppe gar nicht so richtig ernst nehmen. Mit ihren teils lächerlich anmutenden Aktionen, wenn sie zum Beispiel mit weißen Kochmützen marschieren. Oder wenn sie in der Nacht Müll auf den Straßen verteilen um ihn am Tage wieder zu entfernen und sich dafür rühmen zu lassen. "Die Maoisten setzen sich für ein saubereres Nepal ein." Jetzt wollen sie, dass jede größere ethnische Gruppe ihren eigenen Staat bekommt.  Und sie wollen eine Gewerkschaft gründen und bieten den Unternehmern Hilfe an, wenn es Probleme mit der Belegschaft gibt. Martin hat ein Restaurant in Thamel und kann darüber nur schmunzeln. Solche Ideen kämen meist von Collegestudenten, die eigentlich gar keine Ahnung haben wie man so eine Gewerkschaft überhaupt aufbaut. Er bekommt seit einigen Jahren Anrufe bei denen die Nummer 999999 auf seinem Display angezeigt wird. Die letzte Forderung lag bei 2 Millionen. Schutzgelderpressung nach italienischen Maßstäben. Martin hat dann weniger bezahlt, aber bezahlt hat er, wie so einige Restaurant- und Hotelbesitzer in Kathmandu.

Dipesh alias Mr. Bhaktapur hat erzählt, dass sie einen Freund von ihm für mehrere Tage entführt und einfach gefoltert haben. Dipeshs Familie besitzt ein paar Ländereien. Die muss der Vater nun an die Maoisten abgeben. Und kein System ist dahinter erkennbar. Es scheint alles so wahllos.

Und eben gab es ein Gespräch mit dem DED und der GTZ. Was tun im Ernsfall? Risk Management. Wie koordiniert man sich, wie evakuiert man im Ernstfall die Deutschen im Hinterland. Auch beim DED haben sich die Maositen gemeldet. Einer der lokalen Mitarbeiter hat sich nun drei Tage frei genommen, weil er zehn Maoisten bei sich aufnehmen musste. Frau Pohl meinte: "Also wer mal ein paar Maoisten sehen will, der muss nur zu uns kommen. Die haben die ganze Nachbarschaft in Beschlag genommen." Und Wolfgang: "Wenn die zu mir kommen würden, dann müsste ich erst einmal überlegen, was ich denen koche."

06.11.2006 um 09:01 Uhr

Für gut Befundene - eine Lobpudelei

- Gastmutti Roshana, die sich momentan mit Asthma plagt und am liebsten das Kathmanduer Molloch verlassen, in die Berge ziehen und ein Yoga-Zentrum aufmachen möchte. Früh morgens um fünf macht sie Poojah und danach ihre Übungen, wobei im Fernseher ein indischer Guru Tipps zum richtigen Atmen gibt. Ich kenne niemanden, der so schnell wegen Banalitäten erschrickt und sich so herzlich freuen kann. Roshana ist für gut befunden, weil auch sie ihre Flucht von der Botschaft zum WWF plant und weil ihr Lachen ansteckt.

- Sirish, Roshanas Sohn, der bis tief in die Nacht vorbildlichst über Schulbüchern hockt um danach so gegen halb zwölf seine Gitarre auszupacken und Bryan Adams zum Besten zu geben. Er hatte bis vor einer Woche schulterlange schöne glänzende schwarze Haare,  bis ihn seine Lehrer nötigten zum Friseur zu gehen. Sie könnten sich sonst im Unterricht auf nichts anderes als auf seine wilde Mähne konzentrieren. Sirish wird für gut befunden, weil er einfach singt ohne darüber nachzudenken ob er die Töne trifft.

- Mr. Manandhar, einer der zwei Fahrer der Botschaft. Er fährt meist den weißen Landrover und arbeitet seit zwanzig Jahren bei der Botschaft. Auch sein Vater war schon Fahrer für das Auswärtige Amt. Er wird für gut befunden, weil er die personifizierte Contenance ist und nie aus der Ruhe gerät.

- Kabita, die an der Pforte der Botschaft sitzt und eine Million Mal am Tag die Schleuse für Visa-Aspiranten öffnet. Erst die eine, dann die andere Tür. Sie wird für gut befunden, weil man sie alles fragen kann und auch darf und weil sie wahrscheinlich alle wichtigen Nummern Kathmandus auswendig weiß und billige Flüge buchen kann.

- Kabina, die mit ihren 29 Jahren noch so herzlich unschuldig ist und mich fragt ob ich jemals physical mit einem jungen Mann geworden bin. Die Jeans und Top trägt und dennoch in newarischen Traditionen verhaftet ist. Sie wird für gut befunden, weil sie die schönsten Haare hat und eine der aufmerksamsten Zuhörerinen ist, die ich kenne.

- Saroz ist Kabinas jüngerer 24jähriger Bruder, der darüber nachdachte dem nepalesischen Militär beizutreten. Er macht am liebsten Witze am laufenden Band, ist fasziniert von Comics und hat morgens um sechs seinen ersten Collegekurs. Er wird für gut befunden, weil er mich manchmal mit dem Motorrad von der Botschaft abholt und am Kamaldi zu einem Tee einlädt.

- Dipesh Joshi...warum erwähnte ich ja bereits

- Die schöne Steffi aus der Schweiz, die die Freundin eines Schweizer Rappers ist und im Bikini für seine Musikvideos herhalten muss. Ein kreativer Kopf und eine begnadete Namaste-Imitatorin, die permanent schwanger ist und nichts von Engländern im mittleren Osten hält. Ihr Onkel ist vor zehn Jahren nach Nepal gezogen um ein Restaurant in Thamel aufzumachen. Steffi wird für besonders gut befunden, weil sie ganz tapfer eine Woche in einem thailändischen Krankenhaus überlebt hat, fotogen ist und man mit ihr auch dann noch lachen kann, wenn man sich kurz vor der Höhenkrankheit befindet.

- Lior aus Tel Aviv, mit dem ich meinen Frieden mit Israelis gemacht habe. Er hat innerhalb kurzer Zeit ein respektables Nepali gelernt und den Annapurna umrundet. Er wird für gut befunden, weil er in entlegenen Flüssen schwimmt und Fahrräder durch die Reisfelder trägt.

- Christopher, den ich am Flughafen in Pokhara traf und später wieder in den Bergen. Mit dem wir einen der lustigsten Abende verbrachten und der auf uns in Tatopani wartete. Er, der wohl die meisten Bilder von allen knipst und in Shanghai Fahrräder für ein chinesisches Unternehmen verkaufte. Er wird für besonders gut befunden, weil er einen immer zum Lachen bringen und die Nepalis mit verruchten Fragen in Verlegenheit bringen kann.

- Bhuban, der Brahmane der Menschenkunde und Sozialwissenschaften studiert. Er ist glaube ich der dünnste Mensch der Welt und einer der treusten. In den Bergen trägt er eine blaue Jacke vom Schweizer Skilehrerverbund mit Prada Emblem. Er wird für gut befunden, weil er zwar manchmal schweigsam, aber dennoch tiefgründig ist und weil er ein Sozler ist. Das Umarmen muss er allerdings noch üben.

- Shubashs Mama, die jeden Tag Stunde und Stunde im Shop der Familie hockt und auf Kundschaft wartet. Sie schneidet Grimassen wie keine andere und hält ihre Familie stramm am Zügel. Sie wird für gut befunden, weil sie trotz der Invasion der Moderne die alten Newaritraditionen in ihrer Familie pflegt.

- Raju, der Collegestudent, der sich ein Taxi gelauft hat und jede Nacht von sechs bis fünf über die Buckelpisten in Kathmandu fährt. Um sechs muss er dann im ersten Unterricht im College sitzen. Der Morgensunterricht geht bis neun, danach schläft Raju. Er wird für gut befunden, weil er das durchhält mir seine Nummer gab und nun mein persönlicher Taxifahrer ist.

- Chimmey, der uns ins buddhistische Kloster nach Muktinath geführt hat und uns die Nonnen vorgestellt hat. Der alles über den Budhismus und nepalesische Geschichte weiß und um vier Uhr morgens eiskalte Bäder nimmt. Chimmy wird für gut befunden, weil er sein Wissen teilt und sich dafür einsetzt, dass Freiwillige die Nonnen in Englisch unterrichten

- Mr. Narajan Pahari, der Hausmeister der Botschaft, der uns manchmal morgens mitnimmt und immer auf dem letzten Drücker um die Kurve kommt. Mein Co-Editor, der nichts auf die Vorschriften von nepalesischen Polizisten gibt, einen schönen Bruder hat und eine Tochter mit einer deutschen Frau. Herr Pahari wird für gut befunden, weil er die komischsten Geschichten erzählen kann und immer hilft und ich ihn bitten werde mich zu adoptieren.

06.11.2006 um 07:09 Uhr

Mr. Bakthapur

Stimmung: geblendet

Man nennt ihn Dipesh Joshi oder DJ oder einfach D oder aber auch Dipu. Er ist ca. 1,75 groß. wiegt 55kg, hat zwei Tatoos auf den Oberarmen, große dunkle Augen, schwarze, meist geölte Haare. Tatata! We proudly present to you: Mr. Bakthapur. Es heisst aus Bakthapur kämen einige schöne nepalesische Models. Mr. Dipesh ist Mitte 20 (nach langen Überlegungen und hin und herrechnen zwischen dem newarischem und dem gregorianischen Kalender einigten wir uns auf 22-25, eigentlich stimmt glaube ich 26) und mal ein bisschen arbeitslos und mal ein bisschen trekkinguide und manchmal auch ein bisschen Student. Und er macht auch Musik, schreibt eigene Lieder. Vor einem Jahr hat er sich an der Uni in Bakthapur für Musikwissenschaften beworben, aber keinen Platz bekommen. Seiner Meinung nach, weil die zahlenden ausländischen Studenten bevorzugt werden. Dj saß auch schon einmal im Knast. Für 30 Stunden, weil er sich für einen Freund geprügelt hat.

Aber das war vor seiner Zeit als Mr. Bakthapur. Natürlich sei er da nur so hineingerutscht. Seine Freunde hätten ihn zu dem Wettbewerb angemeldet und dann habe er halt gewonnen. Aber wenn man ihn in seinem Haus am Shivatempel besucht, dann zeigt er einem trotzdem nicht ohne Stolz ein Bild von sich in Poserposition-im business Anzug, in einer weißen Kurtha, ein bedächtiges Portrait, oder angelehnt an ein Motorrad. Und dazu läuft im Hintergrund "Punjabi MC vs. Eminem". Und neben dem Fernseher steht eine Trophäe: "Mr. Catwalk". Ja, da haben wir schon eine besondere Schönheit getroffen. Ein nepalesisches Supermodel.

Aber eigentlich sollte ich nicht zu ironisch über Mr. Dipesh Joshi schreiben, denn immerhin ist er mein zukünftiger Ehemann, der durchaus auch andere Werte als nur die äußerlichen vorzuweisen hat. Er kann schön singen und schreibt wie gesagt Lieder über die Liebe, die er noch nicht erlebt hat. Er sagt, dass er nicht verletzt werden möchte und deshalb ein girlfriend für ihn nicht in Frage kommt. Zuerst muss sowieso sein großer Bruder unter die Haube gebracht werden. Er ist also noch ein bisschen unschuldig.  Dipesh unterstützt ein Sozialprojekt in Bakthapur, eine Schule für Kinder aus armen Familien. Er hat Verantwortungsbewusstein und einen guten Gerechtigkeitssinn und einen guten Humor. Okay, er hat das college abgebrochen und somit nur sein school leaving certificate nach der zehnten. Aber was solls. Es gab auch in Deutschland einmal Zeiten in denen das Abitur nicht unbedingt compulsory war und man auch noch ohne gute Dinge machen konnte. Ach ja, der Mr.DJ. Ich mag ihn schon. Auch wenn er uns beim Trek einmal davon gerannt ist. In jedem Dorf haben wir damit gerechnet ihn wieder zu treffen. Aber er war uns Meilen voraus. Mr. Bakthapur ist auf jeden Fall ein für gut befundener und ich denke ich muss hier bald mal ein Bild von ihm veröffentlichen.

01.11.2006 um 11:14 Uhr

Abgasjogging - barfuß oder mit Schuh

Stimmung: verrückt

Heute morgen bin ich um halb sechs aufgestanden um Joggen zu gehen. Wie verrückt kann man eigentlich sein? Aber ich habe im Moment einfach zu viel überschüssige Energie. Außerdem hat mich der Lauf inspiriert, der hier vorige Woche in Kathmandu veranstaltet wurde.

An der Ring Road stand ein großes Schild, dass diesen Lauf angepriesen hat: "Kathmandu Fun Lauf. For a healthier Nepal." In der Broschüre stand dann, dass sich jeder bewerben könne. Man könne barfuß oder mit Schuhen laufen. Finde ich gut, dass einem das freigestellt ist. Pronationsstütze vorne und hinten und an den Seiten. Wer braucht das schon? Alles Schnickschnack. Für ein gesünderes Nepal kann man auch barfuß laufen. Es gab sogar eine Marathon, eine Halbmarathon, eine 10-Kilometer und eine 5-Kilometer Strecke. Beginnend im Stadion und dann durch die ganze Stadt. Wobei ich mir nicht sicher bin ob es wirklich etwas mit Gesundheit zu tun hat,  wenn man durch den Abgasdunst von Kathmandu läuft.

Dennoch wollte ich es heute auch einmal probieren. Die frühen Morgenstunden eignen sich dabei hier am ehesten. Dann ist noch nicht so viel los auf den Straßen. Dachte ich. Aber auch vor sechs passiert hier schon einiges. Ich hatte gerade meine ersten Schritte gemacht, da flog mir schon eine Abgaswolke eines mindestens 30 Jahre alten Autos entgegen. Und das, als es gerade bergauf ging. Oben angekommen war ich bereits nach den ersten zwei Minuten entsetzlich aus der Puste. Ich erinnerte mich voller Wehmut an Kölner Zeiten, an denen ich ganz locker von meiner Wohnung zum Rhein über die Brücken und zurück gelaufen bin. Aber ans aufgeben war nicht zu denken. Die Soldaten am Militärwachposten am Sanepa Chuck hatten mich schon ins Visier genommen. Also bin ich weiter zur Musik von Radiohead. Vorbei am DED und GTZ Gebäude, irgendeiner der zig UN-Missionen, vorbei am Hermann Bäcker mit dem deutschen Brot, am soundsovielten Yoga-Zentrum, bis ich irgendwann nicht mehr wusste wo ich bin und sich ein asthmatischer Anfall anbahnte. Gott sei Dank kam dann ein anderer westlicher Jogger des Weges. Ich bin ihm dann einfach hinterher gehechelt und nach gefühlten drei Stunden wieder am Sanepa Chuck gelandet. Mein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich ganze fünfunfzwanzig Minuten gelaufen bin.

Ich denke, dass ich trotz allen Widrigkeiten morgen wieder laufen werde. Für ein gesünderes Nepal!