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13.11.2005 um 15:48 Uhr

DIE MUTTER (Мать, Wsewolod Pudowkin, 1926)

Und wo wir schon einmal bei Aufführungen von Stummfilmen in Kirchen sind – vorgestern wurde hier bei uns DIE MUTTER (1926) von einem der bekanntesten Regisseure des russischen Stummfilms, Wswolod Pudowkin, in der Laurenskirche aufgeführt. (Der Film wurde live auf der Orgel begleitet, wobei die Musik überraschend vielseitig war. Der Organist (Charles Janko) muss wohl sprichwörtlich alle Register gezogen haben.)

 

Während DIE PASSION DER JUNGFRAU VON ORLÉANS, wie hier unten erwähnt, wegen der religiösen Thematik schon fast wie für kirchliches Ambiente gemacht zu sein scheint, ist die Aufführung eines revolutionär-kommunistischen Films wie der von Pudowkin in einer Kirche freilich viel bemerkenswerter. Vereiniging von Kirche und Kommunismus im Sinne einer Wiederbelebung des russischen Stummfilms. Warum denn nicht gleich so.

 

Grundlage des Films war ein Roman von Maxim Gorki aus 1905, einer Zeit also, in der Russland noch zaristisch war, in der aber auch bereits die ersten Vorzeichen einer Revolution zu spüren waren. Im Mittelpunkt von Pudowkins Film steht eine Kleinfamilie, bestehend aus Mutter (Vera Baranowskaja), Vater (Alexandr Tschistjakow) und Sohn Pawel (Nikolai Balatow), in der man mühelos die Probleme der damaligen russischen Gesellschaft spiegeln kann. Der konservative Vater und der progressive Sohn verkörpern zwei Fronten, die sich in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts in zunehmendem Maße herauskristallisieren. Die Versuche der Mutter, als Vermittlerin zwischen den beiden aufzutreten, scheitern spätestens als ihr Mann als Streikbrecher getötet wird. Der Streik, den der Vater gemeinsam mit anderen Anhängern des Zaren vereiteln wollte, wurde von der revolutionären Arbeiterjugend organisiert, der auch Sohn Pawel angehört. Fest davon überzeugt, ihren Sohn retten zu können, verrät die Mutter der Polizei das Versteck, in dem Pawel Waffen für die Arbeiterjugend aufbewahrt. Als Pawel dann aber doch zu Zwangsarbeit verurteilt wird, beginnen sich auch in der Mutter revolutionäre Gefühle zu regen. Mit Hilfe von Pawels Kameraden gelingt es ihr letztlich, ihn zu befreien. Alle dramatischen Momente, perfekt über den gesamten Film hin dosiert, entladen sich schließlich im emotionell geladenen Wiedersehen zwischen Mutter und Sohn.

 

Außer Sergej Eisensteins legendärem PANZERKREUZER POTEMKIN (Броненосец Потёмкин, 1925), und vielleicht auch Stuart Hagmanns BLUTIGE ERDBEEREN (Strawberry Statement, 1970), hat mich kein anderer Film über erwachendes politisches Bewusstsein dermaßen beeindruckt wie Pudowkins Die Mutter.  Anders als bei Eisensteins Potemkin geht es bei Pudowkin in erster Linie um persönliche Konflikte und Lebensauffassungen, und erst an zweiter Stelle um Revolution. Ich denke, dass gerade das den Film so ergreifend macht. Im Programmheft wird er ganz zutreffend als ein ‘Meilenstein in der Filmgeschichte’ bezeichnet, mit einer 'perfekten Balance zwischen revolutionärer Rhetorik und individuellen Gefühlen’.


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