FAHRENHEIT 9/11
Stimmung: schreibwütig
Musik: "Bunkertor 7" von Wumpscut
Demokrat John Kerry mag zwar ein Präsidentschaftskanditat ohne sonderlich viel Charisma sein. Spätestens jedoch seit den sich häufenden blunders der Republikaner, mit George W. als Oberblunderer an der Spitze, ist Kerrys Wahlsieg im kommenden Herbst nicht mehr auszuschließen. Zumal er Bill Clinton hinter sich weiß. Und das Publikum von FAHRENHEIT 9/11. Denn zugegeben, wer kann, nachdem er diesen Film gesehen hat, noch überzeugt für die Republikaner stimmen?

Michael Moore ist hart. Knallhart. Wer ihm zum Opfer fällt, dem bleiben keine Peinlichkeiten erspart. Mit großer Klappe und unermüdlicher Enthüllungslust macht er seinen Feinden das Leben schwer. Mit scheinbar harmlosen Fragen übt sich Moore im Investigations- (und Sensations)journalismus. Kein Weg ist ihm zu weit, kein Berg zu hoch, keine Autorität unbesudelbar. Er lässt sich feiern als idealistischer Robin Hood und Retter der Nation. Und bekommt auch noch eine Goldene Palme in Cannes. Hat sich die Festivaljury vielleicht von Moores Idealismus und “pazifistischer Kampfeslust” verblenden lassen, oder ist FAHRENHEIT 9/11 wirklich so genial, wie es Juryvorsitzender Quentin Tarantino bei der Preisverleihung behauptete?
Ich war, ehrlich gesagt, positiv überrascht von FAHRENHEIT 9/11. Wenn man bedenkt, dass es sich um einen Dokumentarfilm handelt, der darüber hinaus auch noch soziopolitisch-kritisch ist, erwartet man in erster Linie nicht unbedingt Spaß und leicht verdauliche Unterhaltung. Aber gut, Moore ist natürlich kein gewöhnlicher Dokufritz. Er appelliert an den gesunden Verstand des einfachen Volkes und tut dies dementsprechend in der Sprache der anvisierten Zielgruppe. Moore weiß, dass er mit leicht zugänglichem Material mehr erreicht als mit intellektuellen Slogans. FAHRENHEIT 9/11 ist flott geschnitten, und bringt Moores Botschaft äußerst effizient an den Zuschauer. Scheinbar belanglose Augenblicke werden wiederholt aneinander montiert und mit entsprechendem sarkastischen Kommentar versehen; dann wieder ist Archivmaterial mit Szenen aus Cowboy- und Detektivfilmen dermaßen genial ineinander geschnitten, dass in diesen Momenten problemlos auf Kommentar verzichtet werden kann; für bebendes Zwerchfell sorgen auch die Szenen, in denen sich Bild und Ton widersprechen, oder Politikern völlig alberne Aussagen in die Münder geschoben werden.
Aber FAHRENHEIT 9/11 ist nicht nur lustig. Ab und zu bleibt einem auch vor Entsetzen das Popkorn in der Kehle stecken. Natürlich haben wir schon vor FAHRENHEIT 9/11 von so mancher Widerlichkeit gehört, die auf buschigen Misthäufen gewachsen ist. Moore sorgt dafür, dass wir diese übel riechende Details im Hinblick auf die nächsten Wahlen auch ja nicht vergessen. Moore schreckt nicht davor zurück, seinen Finger und seine Kamera immer wieder auf die brennenden Wunden zu halten: auf unschuldige Opfer und grausam zugerichtete Leichen, auf die unzähligen Särge die für die gefallene Helden in Irak bereit stehen, auf absurde Entscheidungen basierend auf scheinbaren Bedrohungen, und dem gegenüber: das Unverständnis der Menschen über einen sinnlosen Krieg.
Angenehm ist es, dass Moore seine Fragen für FAHRENHEIT 9/11 öfter hinter als vor der Kamera stellt. Nach BOWLING FOR COLUMBINE und THE AWFUL TRUTH gesehen zu haben, war es meine größte Furcht, dass Moores Narzissmus auch in seinem jüngsten Streifen keine Grenzen kennen würde. Glücklicherweise sind die Momente in denen er im Bild zu sehen ist, an zehn (oder fünfzehn?) Fingern abzuzählen. Wahrscheinlich hat er seinen Kritikern doch noch ein Ohr geliehen, oder weiß er inzwischen, daß seine Filme und Bücher seinen durchaus erkennbaren, weil äußerst provokanten, Stempel tragen?
Einen Minuspunkt muss ich hier trotz meiner allgemeinen Begeisterung noch erwähnen. Propaganda. Moores Werk ist so effektiv, weil seine Argumentation sehr, sehr einseitig ist. Moore verschweigt negative Punkte der Bush-Opposition genauso wie positive Punkte auf der Seite von Bush. Busch = schlecht. Nicht-Busch = gut. Aber ist die Welt wirklich so schwarz-weiß? Moore führt ausreichend sachliche und gut recherchierte Punkte gegen Bush und seine Mitläufer an, ein paar Gegenargumente würden seiner Botschaft keinen Abbruch tun. Im Gegenteil, die Unausgewogenheit von Moores Argumentation schmälert nur seine Glaubwürdigkeit. Automatisch fragt man sich doch, ob nicht auch Moore ein paar Leichen im Keller hat, ob er tatächlich so uneigennützig handelt, wie er vorgibt. Bekommt er vielleicht Bestechungsgeld von den Demokraten? Ist er heimlich ein Kämpfer im Dschihad?
Nein, nichts für ungut. Aber für diejenigen, die mit mir zweifeln: SCHAU H(I)ER!
Ob FAHRENHEIT 9/11 die Goldene Palme wahrlich verdient hat, kann ich leider nicht beurteilen, da ich nur einen aller anderen teilnehmenden Filme gesehen habe. Meiner Meinung nach bleibt es jedoch ein empfehlenswerter und vor allem wichtiger, da gesellschaftskritischer Film, dessen Crew einen Preis, mindestens aber ein Lob verdient hat.

Wenn man von der aktualität der Sachen mal absieht. Denn für uns europäer (Bis auf die neuen EU Beitrittsländer, denn die haben ein anderes Verhältniss zu Amerika) die Moore und seine Arbeit vereheren gibt es eher wenig neues. Aber in den USA scheint dieser Film wirklich für Aufruhe zu sorgen und das ist richtig so.
Man darf die einseitigkeit von Moore nicht kritisieren. Es ist klar wen er fertig machen will und weil er das nicht verbirgt ist der Film noch besser.
Diesem folgenden Zitat kann man sich nur anschließen:
\"Wer aber jetzt hier die Stimme erhebt von wegen Populismus, Simplifizierung komplexer Sachverhalte etc., der möge kurz innehalten und mal darüber nachdenken, wie viel Populismus und einfachste Betrachtungsweisen die amerikanische Propagandamaschinerie uns in den letzten zwei Jahren beschert hat, um den Rest der Welt vom ehrenwerten Vorhaben der Weltpolizei aus Amiland zu überzeugen. Wenn dies die einzige Gegenpropaganda ist, die ähnlich großen Einfluss nimmt wie die gleichgeschalteten US-Medien, dann nur her damit.\" (Quelle: fs)
Ich halte es für ein wenig schwach, seine Herangehensweisen damit zu verteidigen, dass die anderen es zuvor auch so getan haben. Dieses Argument entschuldigt nichts und gleicht nur einer kindischen Verteidigung der eigen Schwächen.
Aber mal ganz abgesehen von der dünnen Argumentation, halte ich Populismus nicht unbedingt für schädlich. Ich denke selbst, dass ein paar Populisten in der Regierung einigen Ländern nicht schaden könnten. (z.b. ... Eben!) Was die Simplifizierung von komplizierten Sachverhalten betrifft, ist Fahrenheit glücklicherweise nichts vorzuwerfen. Moore und sein Team haben gründlich recherchiert und ihre Anklagen und Vorwürfe gut unterbaut. Der Film hat ne deutliche Struktur, ein bisschen vereinfachen muss sein, sonst verliert man schnell den roten Faden und schweift man ab. Und Fahrenheit 9/11 wäre erneut nur eine Fernsehserie geworden. So ist es aber ein starker Film mit nem deutlichen statement geworden.
Was die Einseitigkeit (und damit meine ich nicht Vereinfachung)betrifft, bleibe ich bei meinem Bedauern. Das eine oder andere Zugeständnis hätte dem Film dank seines starken Fundaments sicher keinen Abbruch getan, sondern den schwarz-weissen Bildern eher etwas Farbe verliehen.
amüsanten \"Dukumentation\" aufzubereiten.
Über Wahrhaftigkeit sollten wir nicht streiten,
da niemand wirklich hinter die Kulissen schauen kann,
Fazit: Let´s Entertain.
Über den Film selbst kann ich nicht viel sagen - ich hab ihn noch nicht gesehen.
ABER: Ich finde den Stil, in dem deine Filmkritiken gehalten sind - sowohl inhaltlich, als auch rein sprachlich - beeindruckend, pfiffig und aufgeweckt. Mach weiter so!!
Und für dich ganz ganz privat:
I gfrei mi scho voi auf Sonntag, wenn ma uns endlich moi wieda sehgn.
Eine ganz dicke Umarmung, Trixi