Dass Sextourismus nicht nur etwas für kleine hässliche Möchtegernmachos mit Bierbauch und Plattfüßen ist, sondern auch für wohlbetuchte Damen mittlerer Reife, erfahren wir spätestens mit IN DEN SüDEN (VERS LE SUD), dem neusten Film von Laurent Cantet (AUSZEIT/ L' EMPLOI DU TEMPS).
Haiti hat demnach mehr zu bieten, als traumhafte Strände, leckere Cocktails und ewigen Sonnenschein. Einheimische Beaus sorgen für vollkommene Entspannung und das sexuelle Wohlbefinden der weiblichen Inselgäste. Gegen reichliche Belohnung, versteht sich.
Doch hinter dem vermeintlichen Paradies für sexuell frustrierte Strohwitwen lauert die Hölle. Armut, Gewalt und Verzweiflung zeichnen das andere Gesicht der Urlaubsinsel. Probleme des Alltags, die weder mit dem Geld der reichen Ladys noch mit amerikanischen Reisepässen zu lösen sind. Vor Problemen zu flüchten, bedeutet schließlich nicht sie zu lösen.
Vor dieser düsteren Kulisse ereignen sich das große und die kleinen Dramen von IN DEN SüDEN. Die Ankunft der 48jährigen Brenda (Karen Young) auf Haiti scheint dem wonnigen Beisammensein der bereits anwesenden Urlauberinnen ein Ende zu bereiten. Der Grund von Brendas Aufenthalt ist der 18jährige Haitianer Legba (Mènothy Cesar), dessen exotische Schönheit ihr drei Jahre zuvor den Verstand geraubt und ihr zum ersten Mal einen Orgasmus besorgt hatte. Dass auch dies eine Art von Pädophilie und damit schwerst zu verurteilen gilt, wird im Film nur am Rande bemerkt. Im Mittelpunkt stehen eher private Probleme und die Eifersüchteleien zwischen Brenda und ihrer Widersacherin Ellen (Charlotte Rampling - coole Bitch übrigens wieder!), einer 55jährigen Französischprofessorin aus Boston, die, einmal den biederen hochgeschlossenen Kostümen der zivilisierten Welt entschlüpft, zur angebeteten Sexgöttin Haitis wird.
Wenn in IN DEN SüDEN irgendeine Moral vermittelt werden soll, dann wahrscheinlich jene sprichwörtliche "Liebe macht blind"-Moral, in diesem Fall blind vor den gesellschaftlichen und persönlichen Dilemmas in einer von Geld regierten Welt. Dass sich der Film hierüber jedoch größtenteils einem Urteil enthält, kann für manchen im Publikum zwar eine Erleichterung sein. Schließlich laufen derzeit genug Filme in den Kinos, die einem vor Augen halten, wie schlecht die Welt doch eigentlich ist. Ich persönlich hätte mir bei solch wichtigen Themen aber doch mehr Engagement seitens der Filmemacher gewünscht. Anstatt zu versuchen, irgendwie alle Probleme der Welt zu erwähnen, hätte man sich vielleicht besser auf eine Sache konzentrieren können, um diese dann tiefer auszuloten. So plätschert der Film ein bisschen vor sich hin und ist wahrscheinlich ebenso so schnell wieder vergessen wie gesehen.

